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Interview mit Alvar C. H. Freude und Dragan Espenschied (I)
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dd: Der Assoziations-Blaster, so liest man auf der ersten Seite eures Projekts, "ist ein interaktives Text-Netzwerk in dem sich alle eingetragenen Texte mit nicht-linearer Echtzeit-Verknüpfung(TM) automatisch miteinander verbinden." Was heisst das? 

DRAGAN: Unsere Echtzeit-Verknüpfung sorgt dafür, dass zwischen Texten, die von verschiedenen Leuten eingegeben werden können, automatisch Verbindungen im Sinne von Hyperlinks entstehen. So entsteht aus vielen einzelnen Texten das Textnetzwerk. Dieser Mechanismus ist das Kernstück des Assoziations-Blasters. Während sich ein Hypertext-Autor im herkömmlichen Web selbst um das setzen von Links kümmern muss, ist der Link in unserem System immer vorhanden. 

Nichtlinear bedeutet, dass der im Blaster erzeugte Hypertext keinen Anfang und kein Ende hat, es gibt auch keine festgelegte Lesereihenfolge. Man kann nicht an einem Punkt beginnen und sich dann Schritt für Schritt alle Inhalte anschauen oder abarbeiten, stattdessen hangelt man sich von einem Text zum nächsten, und jeder dieser Texte ist genau so Ausgangspunkt oder Ergebnis wie der vorherige. 

Während des Lesens kann ein gleichzeitig von einer anderen Person neu eingegebener Text das ganze Netzwerk verändern. Alle Verbindungen entstehen sofort, deswegen "Echtzeit". 

ALVAR: Die Wortwahl ist natürlich auch eine Anspielung auf die üblichen Bezeichnungen für Computerprogramme, Websites usw: je mehr Superlative, desto besser. 

Als wir mit dem Projekt angefangen haben, war das Wort "Interaktiv" oft zu hören, bedeutete aber meistens nur, dass der Anwender irgendwo ein bißchen "klicken" konnte. Demhingegen bietet der Assoziations-Blaster echte Interaktivität: die Anwender füllen ihn mit Inhalt und bestimmen entscheidend, in welche Richtung er sich entwickelt. Wir wollten zeigen, dass man mit Text im Internet interessantere und vor allem vielfältigere Sachen machen kann als mit Grafik und Film: eine "verregnete Straße" zu beschreiben geht in wenigen Sekunden, sie aber grafisch darzustellen ist viel aufwendiger und wird von anderen Medien viel besser wiedergegeben. Der Blaster ist aus der Auseinandersetzung mit dem Internet als Medium hervorgegangen; wir dachten daran, wie viel Potential in ihm steckt, wie viel darüber gesprochen und wie wenig letztendlich umgesetzt wird. Wir wollten dem Internet als Textmedium auf den Grund gehen , es nach seiner ursprünglichen Bestimmung verwenden und nicht nur als Übertragungskanal für einen Abklatsch von Fernsehen und Radio. 

dd: Der Meister des Links ist hier nicht mehr der Autor, sondern ein Connectionmaker im Hintergrund, der selbst keine anderen Assoziationen hat als die, auf die er programmiert wurde. Wie geht dieser Connectionmaker vor sich? Woher nimmt er seine Anweisungen? 

DRAGAN: Der Assoziations-Blaster baut seine Verbindungen anhand von Stichwörtern auf. Ein Stichwort kann jedes Wort sein, von "Keuchhusten" über "Schlammsportplatz" bis zu "asdfg". Zu jedem Stichwort existiert mindestens ein Text, der sich mit diesem Wort auseinandersetzt. Ein Stichwort ist quasi die Überschrift eines Textes. 

Beim Anzeigen eines Textes werden nun alle enthaltenen Wörter mit dem Stichwort-Archiv verglichen. Beispielsweise kommen in dem Satz "In meiner Kindheit verbrachte ich viel Zeit auf dem Schlammsportplatz." die Stichwörter "Kindheit" und "Schlammsportplatz" vor. Somit verwandeln sie sich in Links auf die Text-Sammlung, die unter den entsprechenden Stichwörtern abgelegt wurde. Beschließt nun der Leser, einem dieser Links zu folgen, wird aus dieser Text-Sammlung ein zufälliger ausgesucht.

Auch in diesem Text werden wieder alle Wörter mit dem Stichwort-Archiv verglichen und entsprechend verlinkt. Wenn jemand das Stichwort "Zeit" neu in den Blaster einführt, würde der Beispielsatz sofort einen dritten Link enthalten. 

ALVAR: Die bisherige Implementierung des Assoziations-Blasters verlinkt einfach jedes Wort, sofern es ein Stichwort ist. Da das System frei und offen für jeden ist, man also ohne jegliche Anmeldung sofort teilnehmen kann, sind die Beiträge sehr unterschiedlich, was sich natürlich auch auf die Verlinkungen auswirkt: es können sinnvolle und weniger sinnvolle Verbindungen entstehen. Mit dem gleichen Mechanismus ließen sich aber auch Texte zu speziellen Themen für einen eingeschränkten Nutzerkreis miteinander verbinden, beispielsweise im wissenschaftlichen Bereich. 

dd: Wer kümmert sich um die Qualität der Inhalte?  

ALVAR: Da es wie gesagt jedem Internet-Nutzer ohne sonderlich große Hürden möglich ist, seine geistigen Ergüsse abzuladen, sind durchaus auch "schlechte" oder "nicht so gute" Beiträge dabei. Ich schreibe das in Anführungsstrichen, weil die Definition natürlich für jeden anders ist! So haben immer mal wieder verschiedene Leute mit Texten experimentiert, die auf den ersten Blick vollkommen unpassend waren oder das System in meinen Augen störten. So hat zum Beispiel ein Literatur-Professor aus Bamberg ("Stöbers Greif" nennt er sich meistens) seine ersten Internet-Erfahrungen im Blaster gesammelt und wie ich in der Zwischenzeit finde sehr viele interessante Texte geschrieben. Am Anfang sah ich das anders und fand es teilweise ziemlich doof. 

Daneben gibt es auch Leute, die auf den Blaster stoßen weil sie in Suchmaschinen eventuell nach unanständigen Sachen gesucht haben und vielleicht nur eine Hand frei haben - zumeist kommen dann Texte wie "asdfg hjkl qwert", "Geil" oder "finde ich auch" heraus. Diese Texte existieren alle weiterhin, wir löschen nichts. Die Nutzer können aber sog. Bewertungspunkte, die sie u.a. für selbst geschriebene Beiträge erhalten, auf die anderen Beiträge verteilen. 

Mit Hilfe dieses Bewertungssystems kann jeder Nutzer einzelne Beiträge positiv oder negativ bewerten. Er kann also sagen: "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht". Diese Bewertung wird bei jedem Beitrag angezeigt

dd: In der Selbstbeschreibung heisst es zum Prinzip der assoziativen Verknüpfung: "Dadurch entsteht eine endlose Kette von Assoziationen, die dem Zusammenhalt der Dinge schlechthin auf die Spur zu kommen vermag." Ist der Assoziations-Blaster also ein deutsches Werk, verpflichtet der Suche nach Wahrheit? 

DRAGAN: Ich sehe ihn durchaus als ein Werkzeug an, das versteckte Wahrheiten ans Tageslicht befördern kann. Das Archiv wird letztendlich von vielen Leuten erweitert, die ihre Sichtweisen oder Erfahrungen hinterlassen, so gewinnt man einen Einblick in viele Köpfe gleichzeitig. 

Das Bewertungssystem simuliert den kulturellen Prozess der sprachlichen Verdichtung. Ich gehe davon aus, dass ganz besonders in der Sprache über längere Zeiträume nur Worte bestehen bleiben, die eine gewisse Relevanz besitzen. Genau so ist es auch mit Erinnerungen, Ideen, Zukunftsvisionen etc. Ich stelle mir vor, dass wenn ich mich in fünf Jahren mit einem Filterwert von 128 durch den Assoziations-Blaster lese, ich auf Texte und Verknüpfungen stoße, die sich über den langen Zeitraum als wie auch immer relevant erwiesen haben. Dieses Netzwerk zeigt dann vielleicht, ach was, ganz sicher zeigt es dann ein gewisses Grundmuster im (sprachlichen) Denken an. 

Ich bin auf das Ergebnis sehr gespannt! Und ich bin besonders von der Wichtigkeit des "in die Struktur hinein vergessens" (Hartmut Winkler) überzeugt. Computer dürfen nicht einfach alle Daten aufbewahren und auch nicht einfach alle löschen. Es sollte immer ein Fundament aus unsichtbaren, angelöschten () Daten bestehen, das auch zugänglich bleibt. Es trägt quasi die Spitze des Eisberges. Mit unserem konfigurierbaren Filtersystem haben wir das glaube ich ganz gut hinbekommen.

Am liebsten verdeutliche ich diesen Prozess am Beispiel der "schönen Prinzessin". Als Prinzessinnen ganz neu erfunden waren, musste man immer noch dazu sagen, dass sie auch schön sind, denn es wusste ja noch keiner, was eine Prinzessin so wirklich ist und tut. Heute weiß jeder, dass eine Prinzessin immer auch gleich schön ist, man muss es also garnicht mehr dazusagen. Schöne Prinzessinen sind der Standard und das Wort "schön" ist verschwunden. Es ist ein Allgemeinplatz, eine Banalität, aber dennoch wichtige Information. Sprache wird durch diese immer zusammengehörenden Wörter zum Informationsspeicher. Knorrige Eiche, tapferer Soldat, kühles Nass, dampfende Suppe, gewaltiger Berg und immer so fort ... Eiche, Soldat, Nass, Suppe, Berg alleine reichen auf die Dauer aber auch.

dd: Dragan, du sagtest in einer Präsentation des Projekts im September in Berlin: "Mich interessiert nur Text, keine Bilder, kein Flash." Das bezog sich auf die Erstellung der Assoziationen bzw. Links. Schaut man sich an, was der AB mit Texten macht, so hat man den Eindruck, dass diese nur mehr Anlass des Spiels und der augenzwinkernden Verweisung sind, nicht aber Gegenstand der Kontemplation. Was genau interessiert dich an Texten? Schreibst du selbst? Welche eigenen Lesevorlieben liegen der Erstellung des AB zugrunde? 

DRAGAN: Zwischen Ironie und Kontemplation konnte ich noch nie so gut unterscheiden. In traditionellem Sinne geht der Assoziations-Blaster in der Tat recht respektlos mit den Texten um. Das führt oft zu sehr albernen Links oder bizarren Wortschöpfungen, auch die massive Präsenz der Texte in Suchmaschinen stellt sie in immer neue Kontexte. Einerseits ist das natürlich komisch, aber auch ernst zu nehmen. In mein Bild von Ernsthaftigkeit passt das zumindest sehr gut hinein. Ein wenig schreibe ich auch, nämlich Liedtexte für meine Heimcomputer-Band Bodenstandig 2000 und manchmal denke ich mir auch eine Bildergeschichte aus. 

Es ist nicht so, dass ich alles außer Text verteufeln würde, ich bin nur der Ansicht, dass Text das optimale Medium für den Computer ist. Seine Stärke ist das bearbeiten von Zeichen, er ist eine Symbolmaschine. Zwar versteht er deren Bedeutung nicht, aber das muss er auch nicht, denn dafür gibt es ja noch Menschen. Aber der Computer kann auf formaler Ebene sehr flexibel mit Symbolen umgehen. Mit Bildern kann er aber garnichts anfangen. Ich kann ein Programm schreiben, das in einem Text jedesmal das Wort "Kohl" gegen "Schröder" austauscht. Das lasse ich über alle politischen Artikel einer Tageszeitung laufen und schon hat sich etwas verändert. Ich kann aber kein Programm schreiben, das auf Fotos (von mir aus auch nur die im politischen Teil einer Tageszeitung) die beiden Herren austauscht. Es wird zwar immer wieder behauptet, in zehn Jahren könnten das Computer auch, aber erstens gab es diese Behauptung schon vor zwanzig Jahren und zweitens besteht ein Unterschied zwischen dem einfachen Erkennen eines Musters (was für Text vollkommen ausreicht) und dem wirklichen WISSEN, dass auf dem Foto nun Kohl oder Schröder, mit oder ohne Bart, in Badehose oder mit einer Hand vor dem Gesicht oder gar von hinten zu sehen sind. 

Wer seine Internet-Projekte vollkommen auf Bildern oder Flash (Bilder von Buchstaben) aufbaut, wo das nicht notwendig ist, sabotiert den Datenfluss im Netz. Texte lassen sich indexieren, zusammenfassen, dataminen (), zitieren, kopieren und verändern, und zwar von jedem Knoten des Netzes. Zur Not auch auf einem Palm-Pilot. Leider verstehen die meisten Leute das Netz nicht als Einheit sondern als ein Land, auf dem Grundstücke abgesteckt werden.

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dd: Anlöschen?
Dragan: Anlöschen ist eine Funktion in einem Programm zum Schneiden von Radio-Tonspuren und wurde in diesem Fall ein Klassiker bescheuerter Benutzeroberflächen. (
more) Das Wort Anlöschen zeigt meiner Ansicht nach ganz gut, dass der Computer in der Vorstellung der meisten Leute eigentlich nur Löschen oder Nicht-Löschen kann. Anlöschen wagt sich ein wenig auf neues Terrain vor, aber man merkt es dem Wort schon an, dass hinter dieser Funktion eine ziemlich wackelige Vorstellung davon steckt, wie man das besser machen könnte. (zurück)

dd: Dataminen?
Dragan: Das ist alles immer so schwer ins Deutsche zu übertragen ... :) Also das ist quasi Daten-Bergbau. Man hat eine große Menge Daten und schickt ein Programm hindurch, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Bei einer großen Menge Texte kann man zum Beispiel wichtige Wörter finden, indem man eine spezielle Gewichtung verwendet. Wörter die häufig in einem Text und häufig in allen anderen Texten vorkommen, sind weniger wichtig. Worte die in vielen Texten vorkommen sind wichtiger. Ein Wort das häufig in nur wenigen Texten vorkommt zeigt, dass diese Texte irgendwie zusammengehören, das gleiche Thema behandeln ... und so weiter.
Alvar: Datamining bezeichnet auch einfach nur das Datensammeln, das Sammeln von Kundeninformationen, das Sammeln von Surf-Gewohnheiten wie bei DoubleClick und so weiter. Die Kunst ist dann, aus den gesammelten Daten das jeweils interessante herauszufischen bzw. zusammenzubauen. (
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