www.dichtung-digital.de/Interviews/Espenschied-Freude-6-Nov-00


Interview mit Alvar C. H. Freude und Dragan Espenschied (II)
_______________________________________________

0 - 1 - 2 - 3

dd: Sprechen wir von den Leuten, die im Assoziationsblaster Grundstücke kaufen. Es gibt Leute, wie Tanna, die bereits 2000-3000 Texte plaziert und es so in der AB-Gemeinde zu einigem Ruhm gebracht haben. Gibt es eine AB-Sucht? Welche Dynamik besteht in der AB-Gemeinde?  

DRAGAN: Tanna hat nicht nur eine Unmenge Texte geschrieben sondern auch den Blaster-Blätterer(TM) programmiert, der es erlaubt, der Reihe nach alle Beiträge eines Stichwortes zu lesen.

Viele Benutzer des Assoziations-Blasters wollen sich etwas ganz besonderes einfallen lassen und erfinden Stichworte wie "KarnevalIstScheiße" oder "ich-will-eine-email-von-tanna". Zuerst hielten wir das für nicht schlau, denn der Blast-Faktor einer solchen Wortschöpfung ist sehr gering. Immerhin ist es sehr sehr unwahrscheinlich, dass diese Wörter in einem anderen Text vorkommen und dadurch Links entstehen. Meistens verwendet nur der Erfinder eines solchen Konstrukts dieses Konstrukt. Wir hatten ein paar Mechanismen eingebaut, um das Erstellen solcher Stichwörter zu verhindern, beispielsweise konnte man früher noch Unterstriche in Stichwörtern verwenden ("wahnsinnige_Roboter"), das haben wir abgestellt. Aber die Leute haben sich immer wieder etwas einfallen lassen. Der Bindestrich hat sich als Wort-Trenner nun durchgesetzt. 

Tatsächlich kommen diese Wörter nicht sonderlich häufig in anderen Texten vor, aber da sich einige Schreiber im Blaster schon ganz gut kennen -- schließlich können sie sich gegenseitig ins Gehirn schauen -- werden auch obskure Worte, die sich andere Leute ausgedacht haben, verwendet. Zum Beispiel erfand einmal jemand das Stichwort "Gummibärchenbettwäsche", dazu schrieb ich einen Text, in dem das Wort "Mettwurst-Bettwäsche" vorkommt. Schon wenig später gab es das Stichwort "Mettwurst-Bettwäsche". Da hab ich mich natürlich sehr gefreut. 

Ein anderes Beispiel ist das 6wortAssoziationskunstwerk (abgekürzt "6W-AKW"). Wir hatten eine Zeit lang bei der Anzeige eines Textes noch 5 Links auf zufällige Stichwörter eingefügt. Das war vor allem nützlich, als der Assoziations-Blaster noch nicht so viele Stichworte enthielt, die sicherstellen, dass man von einem Text immer zu einem anderen kommt. Einige Leute machten sich nun einen Spaß daraus, all diese Stichworte und das aktuelle Stichwort in einem Satz zu verwenden. Zur Erklärung erzeugten sie noch einen Link zum Stichwort 6wortAssoziationskunstwerk. 

Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, Blaster-Texte in den linearen Diskussions-Blaster zu kopieren, was ein ganz normales Forum ist. Dort können die Blaster-Benutzer sich über die Texte und Stichwörter unterhalten, teilweise entstehen dort auch neue Stichwörter oder Texte. 

ALVAR: Es passiert öfter mal, daß manche (meist neuen) Blaster-User so begeistert sind, daß sie ganze Nächte durchmachen und einfach nicht davon loskommen. Es kam auch schon vor, daß Assoziations-Blaster-User Probleme mit ihren Arbeitgebern bekamen, weil sie zu viel herumblasterten anstatt zu arbeiten.

Wahrscheinlich liegt das auch daran, daß es für die meisten eine völlig neue Art ist, mit dem Internet umzugehen. Insbesondere die heutigen Neu-User lernen das Netz zuerst als Konsummaschine kennen, überall steht groß "Klicken Sie Hier", "Shopping" und so weiter. Und wenn sie da über eine Suchmaschine auf den Blaster stoßen, sind sie in gewisser Hinsicht in einer neuen Welt: kein Werbebanner, kein "Klick Mich", sie können selbst zum System beitragen oder Anregungen herausholen, in den Gedanken anderer Menschen stöbern, was auf andere Art und Weise so nicht möglich wäre.

Ich glaube, nur Netz-Anwendungen die sich von den herkömmlichen Medien abheben haben wirkliches Sucht-Potential,. Internet-Fernsehen und Co. sind nicht nur wegen der schlechten Qualität und der langsamen Leitung relativ uninteressant, sondern auch weil das gleiche vom Fernsehen viel besser erledigt wird. Aber beispielsweise Online-Rollenspiele (MUDs: http://www.mud.de/ oder http://uni.mud.de/) zeigen andere, neue und vor allem unerwartete Möglichkeiten auf (und das obwohl sie älter als das WWW sind). Oooh, wenn ich daran denke, wieviele Nächte ich in UNItopia herumgehangen bin ... ;-) 

Auch Chats, das Usenet, natürlich der Blaster und so weiter fallen in diese Kategorie, alles was in den anderen Medien nicht möglich ist, vor allem alles was sich um Kommunikation dreht.  

dd: Der AB greift auch über sich selbst hinaus. Man kann die Adresse einer beliebigen Site angeben, die dann in den AB einverleibt und in ihm verlinkt wird. Die fremde Website wird somit in doppelter Weise und ohne ihr Wissen 'zwangsassoziiert'. Das erinnert an Medienprojekte wie den Shredder, der eine eingegebene Site zerhackstückt, oder an den Discoder, der das Innerste einer Site nach außen stülpt. Sieht sich der AB hier in irgendeiner Tradition? Hat er eine medienkritische Message? 

ALVAR: Nun, zuerst ist es ja nicht so, daß der Web-Blaster eine fremde Website ohne ihr Wissen verfremdet: Ein Website bzw. vielmehr ihr Gestalter kann nie wissen, wie sie dargestellt wird. Die Darstellung übernimmt der Webbrowser, aber nur weil die zwei am weitesten verbreiteten Programme HTML auf eine bestimmte Art und Weise darstellen, heißt dies noch lange nicht, daß dies zwangshaft so sein muß -- wie ja auch der Shredder zeigt. 

dd: Aber es gibt doch zumindest einen bestimmten Gestaltungswunsch der Website-Produzenten, der mit den herkömmlichen HTML-Standard für eben diese am weitesten verbreiteten Browser auch mit einiger Sicherheit erzielt werden kann, durch Browser wie den Shredder aber, die ja eigentlich Browser-Konzept-Kunst sind, unterlaufen wird.  

DRAGAN: Die Idee, dass ein Browser eine Seite in einer bestimmten Weise darzustellen hat, ist meiner Ansicht nach recht altmodisch. Ein einstmals sehr interessantes Projekt namens "Third Voice" erlaubte es jedem Surfer auf den besuchten Websites Kommentare zu hinterlassen, die andere Benutzer des PlugIns dann auch sehen konnten. So war es möglich, sich kritisch über beispielsweise ein Produkt zu äußern, das auf dieser Site mit danebenstehendem Shop-Button angepriesen wurde. Und genau das machte Third Voice eine Spur zu brisant. Die heute aktuelle Version wurde stark entschärft, man kann nun nicht mehr in den angezeigten Seiten herumpfuschen. Die Kommentare erscheinen nebendran in einem separaten Mini-Fenster und sind zwischen Werbebannern versteckt. 

In den meisten Köpfen gibt es ein wirkliches Netzwerk garnicht. Da gibt es nur Werke, die ein Autor dem Genie-Kult folgend im Keller ausbrütet, deren Aussehen und Inhalt unter der vollen Kontrolle dieses Autors liegt. Man darf das nun anschauen und toll oder doof finden, aber wie im Museum ist anfassen verboten. 

Im Netz können Daten beliebig viele Zwischenstationen durchlaufen, bis sie irgendwo ankommen. An jedem dieser Punkte können und könnten eine beliebige Menge interessante Dinge passieren. Um das Potential des Netzes voll auszureizen, müssen dem Surfer von nebenan Möglichkeiten geboten werden, sinnvoll am Netz mitzuarbeiten. Meiner Ansicht nach könnte das das nächste große Ding werden, sofern es vom E-Commcerce-Interessenverband nicht vollkommen abgewürgt wird, weil man dann auf einmal wirklich wie versprochen Preise besser vergleichen und Produkte kritisieren könnte. 

ALVAR: Der Web-Blaster geht da etwas weiter oder in eine andere Richtung: Weniger die Gestaltung als vielmehr die Struktur der Website wird von ihm als eine Art Browser-Erweiterung verändert: es kommen schlicht neue Links hinzu. So ist er auch eine Art Vorläufer zu Dragans Projekt CaterCapillar, bei dem sich Websites quasi selbständig untereinander verlinken. Der Web-Blaster integriert lineare und hierarchische Texte in ein Netzwerk von nicht-linearen Texten. Er gibt dem Leser so die Möglichkeit, im Web vorhandenen Texten Informationen bzw. Verbindungen hinzuzufügen, er kann von einem politischen Bericht bei Spiegel-Online ausgehend in den Blaster gelangen, dort von Kohl aufs Mittagessen stoßen, dann auf einen zufälligen Text übers Fernsehen stoßen, schnell ist er bei Sex, das führt zu Kindern und die machen dreckige Windeln. Und das ausgehend von der CDU-Spendenaffäre ... ;-) 

Das mit der Tradition ist immer so eine Sache. Meiner Ansicht nach ist der Web-Blaster eigenständig, ich bin mir im Augenblick noch nicht mal sicher, ob wir damals schon den Schredder kannten. Aber letztendlich ist das eher nebensächlich. In den Bereich der Medienkritik würde ich den Web-Blaster jetzt nicht zu tief eindringen lassen; aber vielleicht liegt das auch nur daran, daß er vom Prinzip her für mich sehr selbstverständlich und nichts so wahnsinnig besonderes ist. Andererseits natürlich doch -- das läßt sich nicht so einfach definieren.

0 - 1 - 2 > 3