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Interview mit Alvar C. H. Freude und Dragan Espenschied (III)
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dd: Von der Leichtigkeit des Links zur Gefährdung seiner Freiheit: Alvar, dein neues Projekt heisst //on.line-Demonstration\\ und stellt eine "Plattform zur Veranstaltung von Internet-Demonstrationen" dar. Gleich am Anfang begrüßt einen die Aufforderung "Retten Sie das Herz des WWW!" Woran krankt das WWW? 

ALVAR: Vorneweg muss ich sagen, daß sich zu diesem Thema allgemein gleich mehrere Bücher schreiben ließen; ja die Thematik ist so umfangreich, daß ich behaupten möchte: Niemand hat sie in ihrer Gesamtheit erfasst. Ich natürlich auch nicht. ;-) 

Daher ist das Größte Problem am Internet, nicht nur am WWW:

1. Unkenntnis
2. Unkenntnis
3. Unkenntnis

Das Netz hat sich 30 Jahre lang nahezu unbemerkt von der Außenwelt entwickelt. Leider scheinen die meisten der ins Internet quellenden Konzerne, Regierungen, Juristen und letztendlich Designer diese Entwicklung nicht verstanden zu haben. Die einen sehen das Netz als reinen Verkaufsprospekt, der von vorne bis hinten durchgeblättert werden soll (aber bitte nicht bei der Konkurrenz). Die zweiten geraten in Panik, weil auf irgend einer Webpage steht, wie man eine Bombe baut und wollen daher alles zensieren. Die dritten würden am liebsten Links auf fremde Daten verbieten. Und die vierten verpacken all das in Unmengen von unhandlichen und unübersichtlichen Animationen. 

All das läuft der Natur des Netzes und seiner Kultur zuwider. Die Daten wollen weiterverwertbar sein, verknüpft sein, frei fließen. Wer möglichst viele Schnittstellen öffnet, tut dies zum Wohle aller. Das Wunschdenken der Medienkonzerne dagegen zielt auf ein "klinisch reines Internet" (mehr zum Thema Datenschutz, privater/öffentlicher Raum und nochmals privater/öffentlicher Raum).

AOL/Time Warner oder Bertelsmann wünschen sich das Internet im Wesentlichen als Distributionskanal für ihre Inhalte und da passt es ihnen gar nicht in den Kram, wenn es hier Schmuddelecken (wie überall auf der Welt) gibt (siehe auch in Telepolis: „Die große Filteroffensive"). Geplante Filtersysteme, die vordergründig für den „Jugendschutz" gedacht sind, erweisen sich bei genauer Betrachtung als Werkzeug zum Einschränken der Meinungsfreiheit und ermöglichen eine fundamentale Änderung der Netzarchitektur. So könnten auch Regierungen mit relativ geringer eigener Anstrengung die bereits geschaffenen Strukturen für eigene Zensurbestrebungen nutzen, das Ergebnis aber als „Freiwillige" Kontrolle der Industrie darstellen, wie es bereits in Australien geschieht.

Oft muß man sich auch fragen, ob die Konzerne nicht schon Zensur ausüben (siehe auch Telepolis: „Internet-Zensur durch Medienkonglomerate?"). Der Musikindustrie passen Dienste wie Napster nicht ins Geschäftsmodell, Informationen darüber sollen möglichst unterdrückt werden und so wurden Betreiber privater Homepages, die auf Napster verwiesen haben, unter Androhung einer Klage genötigt, den Verweis zu entfernen. 

Die Meisten die Grundfesten erschütternden Probleme lassen sich wie man sieht zumeist auf den Konflikt zwischen kommerziellen und privaten/wissenschaftlichen/künstlerischen Interessen reduzieren. Sei es zum Beispiel der Domainkonflikt zwischen etoy und eToys.com oder der Wunsch von Bertelsmann nach Inhalts-Filtern. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Netzes kommen neue Interessen auf, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab und die mit großer wirtschaftlicher Macht durchgesetzt werden. 

//on.line-Demonstration\\ ist nun eine Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine legal anerkannte Form von Online-Protest zu etablieren, um auf die schlimmsten Mißständnisse aufmerksam zu machen. Oftmals gibt es keine andere Möglichkeit als im Netz zu agieren, genau dafür soll Online-Demo da sein: als offene Plattform für alle. 

Für die erste Aktion habe ich mich der Link-Problematik gewidmet. Dabei geht es darum, daß ein Verweis (Link) im Internet auch als ein Verweis behandelt werden soll, also genau so wie ein Literaturhinweis in einem Buch. Dies ist aber oft nicht der Fall, was zu den absurdesten Fällen führt: Homepage-Ersteller müssen damit rechnen, eine teure Abmahnung für einen Link zu erhalten, weil sie auf die falsche Seite im Internet verweisen.

Das hört sich abstrus an, kommt aber immer wieder vor: So ist zum Beispiel der Begriff "Explorer" in Deutschland und Europa als Warenzeichen geschützt. Nicht etwa von Microsoft, sondern von der nahezu unbekannten Ratinger Firma Symicron. In den USA gibt es ein (für Privatleute frei nutzbares) Programm namens FTP-Explorer, ein nützliches Programm für Homepage-Bastler. Jetzt behauptet der Anwalt von Symicron, der einschlägig bekannte Günther Freiherr von Gravenreuth, daß durch einen Verweis auf die Homepage des FTP-Explorer-Herstellers die Markenrechte von Symicron verletzt werden würden. Wohlgemerkt: es sind Programme in zwei völlig verschiedenen Kategorien. 

Da der Hersteller vom FTP-Explorer nicht greifbar ist, wird also derjenige abgemahnt, der einen Verweis auf die Homepage des an sich vollkommen legalen Programmes setzt. Kostenpunkt: rund 1900 Mark. Eine gute Einnahmequelle! 

Mit //on.line-Demonstration\\ haben wir nun Ende Juni eine Internet-Demonstration durchgeführt, um beim Bundesjustizministerium gegen die bestehende Rechtslage zu demonstrieren (das BMJ signalisierte vorher bereits mehrfach, daß es keinen Handlungsbedarf sehe: der Markeninhaber müsse geschützt werden). Mittels eines kleinen Programms wurden von jedem Teilnehmer der Demonstration im Minutenabstand Zugriffe auf deren Webserver durchgeführt, mit denen Protest-Bemerkungen übermittelt wurden. Parallel läuft im Netz eine Unterschriftenaktion, dort kann jeder mit seiner "virtuellen" Unterschrift die Forderungen unterstützen.

dd: Kann man das Web durch Demonstrationen per Klick retten?

ALVAR: Demonstrieren per Klick. Hört sich einfach an. Ja, der Klick, das tolle neue Modewort, früher war es Schlumpfen, zwischenzeitlich Öffnen, jetzt Klicken: es wird als Sysonym für fast alles benutzt, was der Beschreibende nicht versteht, insbesondere bei den angeblichen Experten von Tomorrow, NBC-GIGA und Konsorten zu beobachten. 

Aber zum einen ist die bisher verwendete nur eine mögliche Protestform, die wir am Anfang hauptsächlich aus Gründen der Medienwirksamkeit gewählt haben. Eine andere Möglichkeit wäre zum Beispiel, die Besucher (also Demonstranten) aufzufordern, alle Bundestagsabgeordneten anzuschreiben und auf die Problematik aufmerksam zu machen. Auf jeden Fall wird es nicht zu einer Demonstrationskultur vom Wohnzimmersessel aus kommen, das ist keineswegs unser Ziel und wäre auch vollkommen falsch. Zudem ist es für uns Organisatoren ist es keineswegs weniger Arbeit als bei herkömmlichen Demonstrationen: es muß eine Website aufgesetzt werden, es müssen Informationen gesammelt werden, es müssen Mitstreiter mobilisiert werden und so weiter.  

Ob sich zumindest im Kleinen die alte Kultur des Netzes durch solche oder andere Aktionen erhalten läßt, das wird die Zukunft zeigen. Vor allem kommt es darauf an, wie sich die Nutzer verhalten: Wollen sie nur Shoppen und Klicken? Oder doch das Netz als eigenständiges Medium erhalten bzw. herausarbeiten? Dies kann nur gelingen, wenn die Kenntnis der Benutzer über das Medium und die Hintergründe steigt. 

Gegen die finanzielle Macht der Konzerne und deren Lobbyarbeit ist nunmal leider nur schwer anzukommen. Auch daher ist eines der vorrangigen Ziele von Online-Demo: die Aufklärung. Nicht nur der Netizens, sondern auch von uns selbst.

dd: Vielen Dank für die erhellenden Worte hier.


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