www.dichtung-digital.de/Interviews/Giesecke-22-Okt-00


Nach der Konferenz ...

Interview mit Michael Giesecke

Prof. Dr. Michael Giesecke, bekannt durch seine Arbeiten über die Geschichte des Buchdrucks, ist zugleich einer der Organisatoren eines Symposiums über eine Literatur, die des Buches gar nicht mehr bedarf. Roberto Simanowski sprach mit ihm über die Zukunft der Literatur in den Neuen Medien, die Rolle der Literaturwissenschaft in diesem Prozess, über Begriffe und Goldgräberstimmung.

dd: Herr Giesecke, die Universitäten Erfurt und Kassel haben eingeladen zum Symposium Ästhetik digitaler Literatur, das wohl als erste wissenschaftliche Tagung zu diesem Thema in Deutschland in die Geschichte eingehen wird. Eine Pioniertat, die zugleich gewagt ist, angesichts der noch keineswegs ausgeräumten Skepsis und gar Ablehnung, der dieses Thema im akademischen Bereich begegnet. Sie bekleiden einen Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft, wieso engagieren sie sich für das Thema? 

MG: Literaturwissenschaft ist ebenso wie die Literatur selbst genetisch, funktional und strukturell an eine Gesellschaft gebunden, deren radikalen Wandel wir augenblicklich erleben. Sie steht vor der Aufgabe ihre Position in einer pluralistischen Gesellschaft, die sich als multimedial und multisensuell begreift, neu zu definieren. Der gegenwärtig kaum mehr überhörbare Ruf nach Interaktivität und Multimedialität drückt das Bedürfnis der Menschen aus, dem Zusammenwirken der Sinne und Kommunikationspartner mehr Bedeutung zu geben, als dies in der sich ja monomedial definierenden Buchkultur der Fall war. Eine zeitgemäße Literaturwissenschaft wird sich deshalb nicht auf Text und Schrift beschränken können. Eine vergleichende Literaturwissenschaft kann bei der Entwicklung eines multimedialen und interaktiven Literaturverständnisses eine Schlüsselrolle einnehmen, wenn sie nicht mehr nur gedruckte Texte verschiedener Zeiten und Kulturen sondern das Zusammenwirken der verschiedenen Ausdrucksmedien und Kommunikatoren miteinander vergleicht. Neben der Beschäftigung mit den körperlichen Ausdrucksmedien gehört dazu vor allem auch die Erkundung der neuen elektronischen Darstellungs- und Vernetzungsmedien. 

dd: Was genau umfasst der Begriff digitale Literatur? 

MG: Das können derzeit nur Scharlatane oder Propheten beantworten. Es hieße wohl auch den zweiten Schritt vor dem ersten tun, wenn wir Aussagen zur Ästhetik digitaler Literatur formulieren wollten. Wir kennen doch bislang kaum die profanen Möglichkeiten digitaler Medien, wie sollten wir da deren ästhetischen Potentiale bestimmen können? 

dd: Aber Sie werden doch Vorstellungen mit dem Begriff verbinden?

MG: ‚Digitale Literatur’ und ‚Netzästhetik’ sind für mich zunächst Kampfbegriffe 

dd: Wogegen?

MG: Gegen die Fokussierung auf typographische Texte und die interaktionsarmen Produktions-und Rezeptionsformen der Buchkultur

dd: Nicht mehr? Keine positive Botschaft? 

MG: Doch, ‚digital’ und ‚netz’ stecken den Erwartungshorizont ab: andere und ökologische Vernetzung von Kommunikatoren und Medien, wobei, unter anderem, eben auch elektronische Programme und Systeme genutzt werden

dd: Ein ziemlich weiter und dunstiger Horizont!

MG: Was Vernetzung und Digitalisierung anlangt, hinkt die Kunst um Jahrzehnte hinter dem integriertem Landbau und Systemlösungen in der Industrieproduktion hinterher.Wir befinden uns hier allgemein und in der Sprachkunst im besonderen in der Phase der Variation, des Ausprobierens der neuen Medien, kurz: des Sammelns. Und selbst in dieser Phase, die vor der Systematisierung und Regelung liegen sollte, stehen wir noch am Anfang. Noch gelingt es einer Dissertation, wie jener von Christiane Heibach, "Literatur im Internet – Theorie und Praxis einer kooperativen Ästhetik", einen ziemlich vollständigen Überblick zu geben. Aber die mehr oder weniger vernetzten digitalen Projekte wachsen rasch. Bald werden sich Schulen abgrenzen, die Kanonbildung beginnt. Es werden sich Gattungen ausdifferenzieren, vermutlich nicht weniger als wir aus der traditionellen Print-Literatur kennen.

dd: Keine genaueren Prognosen, über die allgemeine Evolutionslehre hinaus?

MG: Tja, da muß ich mich häufig wundern, wie Anhänger von Selbstorganisation und Emergenztheorien extrapolieren. Die digitale Literatur wird emergieren und sich auch nicht fremd organisieren lassen. Und das heißt, wir brauchen uns nicht um Macher, um Autoren zu kümmern. Es reicht experimentelle Settings bereitzustellen, Gefäße für kreative Dialoge, die nicht belastet werden durch Literaturentwicklungsprogramme. 

dd: Und das war auch die Motivation, die hinter der Ausrichtung des Symposiums stand? 

MG: Ja, einen Dialog zu eröffnen, der die Optionen in der Schwebe hält. Daten über den Ist-Zustand zu sammeln und diese allen Interessierten vor Augen führen. Ich komme da aus meinem empirischen Wissenschafts- und Beratungsverständnis nicht heraus. Mir ist klar, dass ich mit dieser Haltung eine Außenseiterrolle im medientheoretischen Diskurs einnehme. Umweltdaten zu sammeln kostet Zeit und Sowohl-als-auch-Haltungen führen nicht sogleich zu klaren Profilen. 

dd: Wie ist ihr Eindruck nach diesem Symposium? 

MG: Streckenweise kam ich in Goldgräberstimmung. Dabei war genug Raum, dass jeder den claim für sich abstecken konnte, den er für aussichtsreich hielt. Reinhard Döhl, er muß als Benseschüler schon mehr als 30 Jahr mit Computern arbeiten, blieb dem Programm der konkreten und visuellen Poesie treu – und einem perfekten typographischen Design. Ruth Nestvold nahm den Dialog zum Ausgangspunkt. Es entsteht eine Art von interaktivem Lernprogramm für Nutzer und Autorin, in dem Konsequenzen von Rollendefinitionen und Rollentausch erfahrbar werden.

Während diese Projekte wenig mit Hypertexten zu tun haben, die häufig als Markenzeichen digitaler Literatur gelten, loten Heiko Idensen u..a. eben gerade deren Möglichkeiten aus. Ganz andere Ansätze wiederum bei Florian Cramer und Susanne Berkenheger. Cramer übersetzt nicht einfach traditionelle Literatur ins neue Medium, sondern er rekonstruiert deren mehr oder weniger ausbuchstabierte Produktionsstrategien. Dann werden für diese Strategien geeignete Programmiersprachen entwickelt. Seine digitale Literatur könnte man als Ästhetik der Algorithmen – und nicht der von ihnen erzeugten Oberfläche – verstehen. Bei Susanne Berkenheger wird die digitale Vorlage leinwandgroß, zur relevanten Umwelt von Gruppengesprächen’. Sie selbst behält, überhaupt nicht virtuell, die Rolle einer Moderatorin. Das führt schon weit weg von der einsamen Rezeption und der Guckkastenbühne ‚Monitor’ – und hin zum Einsatz elektronischer Medien als Ünterstützung von face-to-face Kommunikation. - Das waren nur einige Beispele aus den Projektpräsentationen.

dd: Wie sehen Sie die Zukunft solcher Veranstaltungen? 

MG: Die Stiftung Brückner-Kühne in der Person von Friedrich Block, das Wissenschaftliche Zentrum für Kulturforschung der GH Kassel und wir in Erfurt wollen im nächsten Jahr eine Fortsetzungsveranstaltung organisieren. Dazu sollen auch Projekte aus den Vereinigten Staaten, aus Südamerika und England eingeladen werden. Wir werden sie individuell und gemeinsam erkunden und aber auch an der Klärung von zentralen Kategorien arbeiten, die wir zur Beschreibung der Projekte brauchen. Da hat es dieses Mal viele Vorschläge, z.B. von Bernhard Dotzler, Uwe Wirth, Markus Krajewski, Christoph Tholen, Christiane Heibach und ja auch von Ihnen gegeben.

dd: Hoffen wir auf eine Synthese im nächsten Jahr und auf das Gelingen der Folgekonferenz. Viele Dank Ihnen für das Interview.

 

- top -


Ihr Kommentar

to homepage dichtung-digital
home