www.dichtung-digital.de/Interviews/Kloetgen-22-Aug-00


Die Aaleskorte der Ölig

Interview mit Frank Klötgen

Die Aaleskorte der Ölig von Dirk Günthers und Frank Klötgens ist einer der Preisträger des 98er Pegasus-Wettbewerbs für Internet-Literatur (Besprechung in dichtung-digital). Ein Text-Bild-Geflecht, das sich als Film ausgibt, 6,9 Milliarden Lesarten verspricht und eigentlich eine Parodie auf den Hypertext darstellt. Ein Werk, das nur Freunde oder Feinde hat. Roberto Simanowski sprach mit Frank Klötgen über die Ölig, den Ekel, Publikumsbeschimpfung, literarische Vorblider und die deutsche Szene der Netzliteratur.

dd: Mit der ""Aaleskorte"" seid ihr die Preisträger des Pegasus 98 geworden. Was habt ihr vorher gemacht? Was macht ihr jetzt? 

FK: Kurz vor der Ausarbeitung der "Aaleskorte" hatten wir beide unser Studium abgeschlossen bzw. abgebrochen. Dirk arbeitet jetzt als Anwendungsberater für Software in Düsseldorf, ich als Webmaster bei einer Schallplattenfirma in Hamburg. Daraus ergibt sich, dass sich unser neues Web-Projekt etwas schleppender entwickelt, als wir geplant haben. Trotzdem, optimistisch gesprochen, kann ab November damit gerechnet werden: Ein Web-Krimi, incl. aller Irr- und Wirrpfade bislang 350 Html-Seiten dick, wird mit weit über 1000 Html-Seiten vielleicht einer der ersten online-Schinken.  

dd: Warum Pegasus 98?  

FK: Wir sind eher zufällig auf die Ausschreibung gestoßen, kannten den Wettbewerb auch nicht aus den Vorjahren. Was uns reizte, war vor allem ein fortwährender persönlicher Disput zwischen uns über Sinn, Nutzen, Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation via Internet. Wir hatten in dem von uns derzeit jeweils favorisierten Medium (Print vs. Web) vom Pegasus-Wettbewerb gehört und haben uns unmittelbar entschlossen, unseren Schlagabtausch in die gemeinsame Ausarbeitung eines Pegasus-Beitrags zu verlagern.  

dd: Warum Text plus Bild plus Kombinationsspiel?  

FK: Warum sollte Literatur das Internet aufsuchen? Der Antrieb für Autoren (lassen wir den Aspekt, eine unmittelbare und allein sich selbst gegenüber verpflichtete Veröffentlichungsplattform zu bilden, außer Acht) besteht wohl darin, zusätzliche Sinndimensionen mit dem Text in Austausch treten zu lassen. Dazu kommt die Möglichkeit, für den Leser/User einen Spielraum zu inszenieren.  

Internetliteratur ist für mich immer Kommunikationskunst, die Abstimmung von Interaktionen, der (Kunst)Griff, durch Arrangements den Leser/User zu Aktionen mit dem Text zu motivieren/verführen. In diesem Sinne ist der der "Aaleskorte" zugrundeliegende Interaktionsbegriff stark begrenzt, die Autorenschaft auch im Raum von 62 Mio. Möglichkeiten klar geregelt, da dem Autor letzten Endes vorbehalten ist, der Regler am Interaktiosfluss zu sein, Interaktion zuzulassen und zu verhindern gleichermaßen.

dd: Warum der Verkauf eines Aals? 

FK: Intuitive Entscheidung, postwendend die Rechtfertigung. Dass sich so viele Symbole und biologische Fakten/Rätsel glänzend in die Atmosphäre der "Aaleskorte" fügen, ist uns z.T. erst im Prozeß der Fertigstellung offenbar geworden - wer sich die Mühe macht, im Brehm nachzuschlagen, wird schnell merken, wovon wir reden. Zunächst war nur die live-haftige Tötung eines Fischs für den Kunden - die nicht gewollte, aber dennoch geforderte Tat - von Belang, letztendlich aber forderte die Geschichte den Aal.

dd: Was ist das Problem der Ölig?  

FK: Obwohl sich das Gefühl, Kindsmissbrauch sei sowohl Problem wie Ventil der Ölig, aufdrängt, und es kein Entrinnen vor der sexuellen Ladung der Geschichte zu geben scheint, denke ich, dass man das "Problem der Ölig" auch losgelöst hiervon sehen kann. Als ein krankhaftes Ausweichen vor der eigenen Verantwortbarkeit durch das Aufweichen einer Entscheidung im Spannungsfeld zwischen Versuchung und Tat, das Nicht-Entschiedenhaben als Ergebnis des Handelns. Die Ölig sehnt sich nach der Unschuld des Ursprungs zurück, weiß aber, dass für sie schon die Annäherung durch ein Mehren der eigenen Last erkauft werden muß.  

dd: Ein unschuldiger Ursprung, weil damals andere den toten Aal auf den Teller brachten?

FK: Vor allen Dingen, weil das kindliche Wissen über die Tötung des Aals noch der entmündigten Mythenwelt entstammt. Die Ölig sehnt sich an den Zeitpunkt zurück, an dem ihre Genußfähigkeit noch nicht durch das Bewußtsein der Täterschaft torpediert wurde.

dd: Welche Rolle spielt der Ekel in diesem Drama? 

FK: Ekel funktioniert hier sicher auch als Motor und Motivator, Neuverfilmungen anzugehen. Andererseits unterstützen die schleimigblutigwiderlichen Bildmotive die unheimliche Atmosphäre der "Aaleskorte". Letzlich war es auch ein persönlicher Spaß für uns, Bildmotive/ausschnitte auszuwählen, die den Leser/User bzgl. des Gezeigten täuschen - einige der Bilder stammen aus Kochbüchern, Supermarktprospekten oder Biologiebüchern. Die auf das Detail gerichtete Lupe erzeugt hier Ekel in Kontexten, die eigentlich appetittanregend wirken sollen. 

dd: Beat Suter sieht im Aalmythos und im Festmahl der Verspeisung des Aales Anlehnungen an die "Blechtrommel" sowie an "Familienhistorien oder Familienfest und Familienzwist in verschiedenen deutschen Romanen der Zwischen- und Nachkriegszeit." (Hyperfiction, Zürich 1999, S. 116). Wie ordnet ihr euch literaturhistorisch ein? 

FK: Die Regelmäßigkeit, mit der die "Aaleskorte" Erinnerungen an die "Blechtrommel" bzw. deren Verfilmung wachruft, hat uns selbst noch mal in Klausur gestürzt, ob wir beim Erstellen der "Aaleskorte" nicht auch über diese Parallelen nachgedacht haben. Eigentlich nicht. Vermutlich gehören die Bilder der "Blechtrommel" aber so unumstößlich zu unserer literarischen Sozialisation, dass sie auch unreflektiert wirken und ihren Platz stumm beanspruchen.

Insgesamt war der mit dem Erstellen der "Aaleskorte" verbundene Arbeitsprozeß in einem solchen Maße von Fragestellungen bzgl. Navigation + Technik überlagert, dass eine literaturhistorische Reflektion an (man kann schon sagen:) keiner Stelle stattgefunden hat. Und das ist vielleicht auch gut so, denn ich glaube nicht, dass wir in dieser Frage irgendwie überein gekommen wären. 

dd: Das klingt, als stünden die technischen Fragen im Vordergrund, und dazu will ich gleich mehr wissen. Zuvor noch einmal zur "Aaleskorte", an deren Ende man liest: "Sollte Ihnen noch einiges rätselhaft oder unklar geblieben sein, empfehlen wir eine Neuverfilmung des Plots. Sie werden den Film mit anderen Augen betrachten und immer mehr Licht in´s Dunkel bringen. Also los, es gibt noch viel zu entdecken! Ab zur Neuverfilmung der 'Aaleskorte'". Ist die "Aaleskorte" ein Hypertext oder eine Parodie auf diesen?  

FK: Dass man tatsächlich mehr versteht durch eine Neuverfilmung, erübrigt sich wohl ca. mit dem fünften Versuch. Die Möglichkeit der Millionen Alternativen wird ohne Frage von dem Gefühl, auch nach kurzer Zeit alles erlebt zu haben und bereits Wiederholungen zu erleben, ernüchtert, vermutlich auch karikiert. Insofern ist die "Aaleskorte" vielleicht eine Parodie, weil der Witz auf Kosten einer Hypertext-Tugend geht. Wir verstehen die "Aaleskorte" dennoch als Hypertext, da wir nicht sehen, dass die Definition des Begriffes schon derart festgefahren sein sollte, dass Parodien schon wirken könnten. Auch wenn wir wissen, dass mancherorts Stilwächter bereits die Claims abgesteckt haben...  

dd: Der Aalverkäufer Hohmann sieht aus wie Frank Klötgen. Wer lacht, wenn es in der letzten Szene jeweils heißt: "Hohmännchen winkt mit dem Aalschädel goodby. Beide grinsen"? 

FK: Nicht zu vergessen, dass das Portrait des Erzählers Dirk Günther zeigt (ebenso das Foto vom kleinen Sven). Nun, wie bereits oben erwähnt, ist die Lenkung des Users/Lesers durch Regie, Bild und "Ton" für uns eine Spielwiese gewesen, die zu neckischen Versteckspielen einlud. Wir grinsen also ohne Zweifel mit, wenn der Leser am Ende jeder Verfilmung neue Zusammenspiele zwischen Regieanweisungen, Text und/oder Bild entdeckt hat.  

dd: Wie reagierte das Publikum auf diese Spiele?

FK: Dass die "Aaleskorte" polarisieren würde, hatten wir durchaus erwartet. Und die vielen positiven Reaktionen auch erhofft. Die Vehemenz, mit der negative Reaktionen (mails only) formuliert waren, fanden wir allerdings bedenklich. Vermutlich lädt der schnelle Mailbutton zu spontanen Beschimpfungen und Bedrohungen ein. Insgesamt zeigte sich schon deutlich, dass man als Autor im Internet ein weitergefächertes Publikum hat als bei Lesungen - und schon mal härter angegangen wird.

dd: Worauf zielten die Beschimpfungsmails, womit wurde gedroht? 

FK: Die „Gemäßigten" wollten uns den Untergang der abendländischen Kultur unterschieben, die „Heftigeren" fuhren das typische Stammtisch-Arsenal von Kastration bis Verbrennen auf. Originelles gab's da nichts.

dd: So gefährlich also kann digitale Literatur werden. Wenn der Mailbutton zu spontanen Beschimpfungen einlädt, ermuntert dann auch die Replay-Funktion zur Eröffnung eines ausgiebigen Autor-Leser-Dialogs? 

FK: Mit einem Leser/User hat das so stattgefunden - die meisten Mails erforderten aber keine Reaktion von unserer Seite bzw. haben uns alles andere als ermutigt, Kontakt aufzunehmen. Sobald sich in der digitalen Leserschaft aber differenziertere Meinungslager herausgebildet haben, glaube ich schon, dass da eine send/respond-Streitkultur entstehen könnte. 

dd: Zum Verhältnis von Text und Technik. Im Content-Tag der "Aaleskorte" heisst es, dass Frank Klötgen für den Text verantwortlich ist und Dirk Günter für die Produktion. Wenn ein Songtexter und ein Website-Designer sich zusammentun, entsteht daraus digitale Literatur? In welches Ressort gehört z.B. die Auswahl der Bilder? 

FK: Die Abgrenzung Text und Produktion beschreibt jene Gebiete, die dem Einzelnen allein vorbehalten waren. Alle anderen Schritte, die zur Gestaltung der "Aaleskorte" nötig waren, haben wir gemeinsam vorgenommen. Das Sammeln von Bildern, Bestimmen der Bildausschnitte, die Gestaltung der Navigationselemente/-wege war tatsächlich Teamarbeit im besten Sinne. Mittlerweile ist das Verständnis darüber, was der andere so anstellt, viel größer geworden - und es werden auch Vorstöße in das jeweils fremde Terrain gewagt. Bei unseren neueren Arbeiten wird die Abgrenzung der jeweiligen Verantwortungsbereiche schwieriger fallen.

Ich glaube auch nicht, dass die scharfe Abgrenzung zwischen Autor und Techniker im Fall von Internet-Literatur zu guten Ergebnissen führen wird. Wenn der Autor nicht prinzipiell in der Lage ist, den Hypertext weitgehend allein zu fabrizieren, wird er m.E. auch keine Internet-Literatur herstellen (daher von meiner Seite no chance zu den Versuchen, Printautoren der besseren stories wegen anzuheuern) - ebenso wenig Hilfe sollte man sich von einem technischen Hintermann versprechen, der zum Erfüllungsgehilfen degradiert ist. 

dd: Wie schätzt du die deutsche Szene der digitalen Literatur ein?

FK: Ich denke nicht, dass man da schon von einer Szene sprechen kann. Momentan schweisst doch eher das Gefühl zusammen, im gleichen Medium tätig zu sein - jedoch mit völlig unterschiedlichen Projekten, die z.T. auch wegen des ideologischen Ballasts, den man in den Jahren so für sich angesammelt hat, gegensätzlich ausgerichtet sind.  

Tatsächlich denke ich, dass die Szene der digitalen Literatur in Deutschland, die sich bislang herausgebildet hat, Schwierigkeiten haben wird, ihre Pionierarbeiten als solche darstellen zu können, sobald die ersten Verlage größere Projekte angehen. Ich befürchte, dass die Pioniere dieser Gattung noch ausgemacht werden und auch die Literaturwissenschaft sich nicht die Mühe machen wird, nach anderen Ursprüngen zu fragen - die bis dahin eventuell auch unauffindbar sind. Soviel ich weiß, ist die Pegasus-Adresse nicht mehr erreichbar und damit die Dokumentation des Wettbewerbs allenfalls noch offline vorhanden. Da z.b. der Anbieter unserer privaten Domain vor kurzen pleite gegangen ist, existiert die "Aaleskorte" momentan nicht mehr im Netz. 

dd: Apropos Wettbewerbe: Deren Ausschreibungskriterien sind ja immer wieder ein Problem für beide Seiten. Du sprichst vom gleichen Medium mit völlig unterschiedlichen Projekten. Haben sich in diesem Medium bereits eigene Genres herauskristallisiert, die ihren je eigenen Wettbewerb bräuchten?

FK: Ich glaube schon, dass eine Unterteilung in Kategorien wie Installation, Mitschreibprojekt und Hypertext Sinn machen würde - im erweiterten Sinne eine Abbildung der Bühlerschen Zeichenfunktionen in Bezug auf die Inszenierung von Interaktionen im Netz. Die bisherigen Wettbewerbe waren vermutlich zu stark darauf ausgerichtet, die gesamte Bandbreite von literarischen Ausdrucksformen im Web zu präsentieren. Das war insofern hilfreich, als die stilistische Offenheit Autoren motivierte, im Netz tätig zu werden. Die zuvor genannten „Disziplinen" sind aber zu verschieden, um beim Publikum für Klarheit zu sorgen, was von DER Netzliteratur zu erwarten ist. Ebenso problematisch ist es bekanntermaßen, umfassend verbindliche Bewertungskriterien zu finden, die gleichzeitig nicht-literarische Kommunikationsformen ausgrenzen. Fraglich ist natürlich, ob eine Aufsplittung in unterschiedliche Disziplinen auch vom quantitativen Output her zu rechtfertigen ist - und ob hiermit einer Verdrängung der weniger publikumswirksamen Disziplinen Vorschub geleistet wird.

dd: Habt ihr Vorbilder im Bereich der digitalen Literatur? 

FK: Wir zeigen wenig Disziplin im Lesen anderer Texte. Die Liste notierter Links von Texten, die man noch zu lesen plant, ist wesentlich länger als die der bereits gelesenen. Auch wenn ich für mich selbst nichts Interessanteres als das Verfassen von Texten/die Wiederaufbereitung von Texten für das Internet sehe, muss ich zugeben, dass mir das Lesen von Hypertexten oft mühsam bis lästig erscheint. Mag sein, dass die eigene intensive Beschäftigung mit dem Medium zu einer Art Computerabstinenz verpflichtet, vielleicht sind auch einfach die meisten Texte nicht interessant genug, aber in der Regel breche ich mit dem Lesen sofort ab, wenn ich meine, den Navigations-/Interaktions-Rhythmus, der dem Text zugrunde liegt, erkannt zu haben. Bisher wüßte ich kein Beispiel, in dem mich der Text/die Geschichte hiernach noch gefesselt hätte. In diesem Sinne ist mein interaktives Lesen mehr ein Scannen von Effekten - da ich mir mehr erhoffe, bislang noch ohne wirkliche Vorbilder. 

dd: Robert Coocer klagt in seinem jüngsten Essay Literary Hypertext: The Passing of the Golden Age" über die Multimedialisierung der Literatur im Internet und sieht eine Tendenz zum Film als dem passivstem der Medien im Vergleich zur Interaktivität des Hypertextes. Auch einige Vertreter der deutschen Szene beharren auf dem interaktiven Charakter der Netzliteratur als derem genuinen Merkmal und unabdingbarer Verpflichung. Ihr habt die "Aaleskorte" als Film bezeichnet und zugleich mit einer Pseudo-Interaktivität der Navigationswahl ausgestattet. Wenn ihr ein Manifest der digitalen Literatur schreiben müsstet, wie würden die ersten Sätze lauten?  

FK: Vom genuinen Merkmal zur unabdingbaren Verpflichtung - das ist das Wettrüsten für eine Abwehrschlacht, an dem man sich als Autor nicht beteiligen sollte. Die Manifestfreudigkeit der digitalen Autoren finde ich in einem so offenen und sich derart rasant entwickelnden Medium eigenartig. Als würde man schon jetzt versuchen, die eigenen Herangehensweisen gegen fremde Entwicklungen zu konservieren, indem man sie zum Standard erhebt. Mir fehlen für solche Standards aber noch eine ganze Reihe spannender Werke, als dass sie mir sympathischer oder wichtiger als der Experimentiergeist sein könnten. 

dd: Das ist eine Erwartung, der man sich gern anschließt. Ich bin gespannt auf euern Web-Krimi und bedanke mich für das Interview.


Ihr Kommentar

to homepage dichtung-digital
home