dd:
Du hast 1998 mit "Das Epos der Maschine" am
Pegasus-Wettbewerb für Netzliteratur teilgenommen. War
dieser Wettbewerb der Auslöser deiner Experimente mit
Netzkunst?
US: In der Tat. Zu
der Zeit hatte ich gerade meine Ausbildung abgeschlossen und
das Studium begonnen. Nach zwei Jahren Maloche war mir nach
harter Hirnarbeit. An der Uni hatte ich endlich Zugang zum
Netz, habe mir Java angeeignet und so wieder einmal die
Maschinen getauscht: vom Radlader zur universellen
Turingmaschine. Netzliteratur kannte ich nicht, aber als ich
die Pegasus-Ausschreibung las, wusste ich, was ich zu tun
hatte.
Man suchte "neue
Ausdrucksformen des Netzes". Da lag ein Stapel Blätter
in meiner Schublade, Blätter mit längst vergangen
Aufzeichnungen, die um eine merkwürdige Maschine
kreisten. Fragmentarische, szenenhafte Eindrücke,
über die Jahre zusammengestellt. Dies waren
gewisserweise dynamische Texte, denn längst hatte ich
ihren genauen Ablauf vegessen und sie spukten in meinem Kopf
herum ohne feste Struktur, ohne feste Reihenfolge, aber
durch ein Labyrinth von Assoziationen verknüpft.
Natürlich nur in meinem Kopf. Auf dem Papier kamen sie
daher als serielle Verkettung mit unverständlichen
Sprüngen. Gerade in diesem Moment hatte ich das
richtige Werkzeug zur Hand, diese Welt in meinem Kopf zu
materialisieren: Java.
So war also der
Pegasus-Wettbewerb der Auslöser dafür, dass ich
drei Monate lang die Nächte im Essener Rechenzentrum
verbrachte. Schritt für Schritt tastete ich mich vor,
ließ die Wörter ersteinmal hereinschweben, dann
wieder heraus, dann zusammenfahren und aus dem Nichts
erscheinen. Schließlich entstand daraus das Programm
narrator, welches ich mit einem speziellen Skript
fütterte, um all die Dinge darzustellen, die nachher
das "Epos" ausmachten.
dd:
Entstanden ist ein komplexes Werk aus verschiedenen
Schichten und Ereigniszonen, in dem man sich leicht
verlaufen kann. Könntest du uns mit einem Wegweiser
ausstatten und die Idee hinter dem Ganzen
preisgeben?
US: Ein Machinaut
sitzt im Innern seiner Maschine, einem geheimnisvollen
Etwas, schwarz, eiförmig. Er treibt durchs Weltall, als
Zellkern seiner Maschine, als Fremdkörper in einem
ansonsten perfekten Artefakt, treibt durch verschiedene
Schichten und Ereigniszonen. Er irrt hindurch. Als Wegweiser
dient ihm alleine ein kindskopfgroßer Stein aus
schwarzem Basalt, filigran gestaltet mit unendlich
verschnörkelten Gängen. Dahinein blickt er, um die
Idee hinter dem Ganzen herauszubekommen, einen Wegweiser zu
finden. Der Leser schwebt indes als auktorialer Geist durch
die Maschinenwindungen, untersucht die eiförmige Koje
und erfährt dort, wenn er genau hinsieht, einiges. Bald
findet er auch den Bordradar und sieht dort die Stationen
der Reise, vergangene und zukünftige.
dd:
Dieser Radar zeigt im Moment ihrer Beleuchtung Objekte (wie
"Der Alte Wald", "Die Wüste Trai", "Die Erde", "Die
Koje"), die aktivierbare Links darstellen. Die
Orientierungskarte im Text fungiert also zugleich als
Site-Map für dessen Rezeption, was nahelegt, im
Reisenden den Leser zu sehen und, weitergedacht, in der
Maschine den gerade benutzten Computer. Vom Maschinauten
sagst du, er irrt durchs Weltall, und ebenso irrt der Leser
durch das All der vorgefundenen Texte. Ist er der
eigentliche Held des "Epos"?
US: In der
Papierliteratur gibt es den Briefroman, der
gewissermaßen sein eigenes Medium ist. In dem Buch
Griffin und Sabine", von Nick Bantock"
["Griffin und Sabine", Wolfgang Krüger Verlag, ISBN
3-8105-0356-8], findet man sogar tatsächlich eine
Sammlung von Postkarten und Briefumschlägen, die man
erst noch öffnen muss. Man könnte fast das
Gefühl bekommen, Post an einen selbst zu lesen. Oder
aber zumindest die Korrespondenz eines Anderen geöffnet
zu haben. Ist der Leser hier der eigentliche Held? Ich
weiß nicht, aber das Pendant dazu im Netz ist nicht
der Email-Roman, denn die Fortbewegungsart der Post ist ja
nebensächlich.
dd:
Die Noten, die das Werk in der Netzliteratur-Community
erhält, sind durchgängig ausgezeichnet. Man ist
begeistert von der brillanten Programmierung und der Grafik
des Werkes. "ideal, um webdesigner in bewunderung und
depression zu stürzen", heisst es z.B. oder: "alleine
der umgang schrift und typographie! ich brauche gar nicht
mehr zu lesen! wie sich woerter ineinanderschieben und
kreisen und erscheinen und verschwinden und und und und
und!" Hier deutet sich an, dass das Lesen auch am Text
vorbei gehen kann, da das Wort eher als visuelles Ereignis
denn als Sinnträger erfahren wird. Kommt es im "Epos
der Maschine" gar nicht mehr auf den Text, aufs Lesen an?
Anders gefragt: Inwiefern liegt eine Ästhetik des
Spektakels zugrunde, die weniger der Sprache des Wortes
vertraut, um ihre Ziele zu erreichen, als der Sprache des
Bildes, des Sounds und der
Animation?
US: Ich war selbst
überrascht, wie wenige Reaktionen zunächst auf den
Text selber eingingen. Doch ist die
narrator-Animation keineswegs Selbstzweck. Die
Epos-Fragmente sind über Jahre entstanden, immer wenn
sie in meinem Kopf auftauchten und ich schnell genug einen
Stift zur Hand hatte. Das Epos so zu lesen, wie all die
Sätze in meinem Kopf aufgetaucht sind, pulsierend,
rasend, parallel, asynchron, auseinander, umeinander, von
alleine, auf Aufforderung, immer wieder oder nur wie in
letzter Minute, das soll der narrator
ermöglichen. Das war meine Idee von "neuen
Ausdrucksformen des Netzes".
"Das Netz", das war für
mich damals (reichlich unzutreffend, wie ich heute
weiß) vor allem die Netzvision des frühen Java:
Programcode unterwegs von Rechner zu Rechner, Programmcode
als Ideendestillat eines Fremden, welches sich vor mir
abspielt, aufführt. Man redet ja mit seinen
Applikationen, antwortet auf Dialogfenster, dies doch nur,
weil sich der Programmierer diesen Verlauf überlegt
hat. Man hangelt eigentlich herum im Gedankengebäude
des Codes. Und nun die Vision von Java: per
Objektorientierung wird die sogenannte class, das
Ideenatom des Programmcodes, zum handelnden Subjekt im Netz,
streift herum und kommuniziert.
dd:
Was bedeutet class genau?
US: In modernen
Programmiersprachen konstruiert man den Code nicht mehr, wie
früher, aus einer Ansammlung von Schleifen und
Sprüngen, sondern man implementiert geschlossene
Konzepte, sozusagen die Platonischen Ideen, aus denen das
Programm aufgebaut ist. Diese Einheiten aus Daten und
Funktionalität werden zu Klassen zusammengefasst, wobei
man den Begriff wie in der Mengenlehre verstehen muss. Beim
"Epos", z.B., ist eine zentrale Klasse das Wort. Sie
beschreibt ein Wort als eine darstellbare Zeichenfolge mit
Vorgänger und Nachfolger. Jedes Wort, das sich hier am
Bildschirm produziert, gehört zu einer Unterklasse
davon, und bekommt so die Fähigkeit seine
Größe zu verändern oder Buchstaben ein und
auszufahren. Die Klasse Teleskopsatz" wiederum ist
beispielsweise eine Art Aufpasserin für die umtriebigen
Wortobjekte, sie hält sie zusammen und gibt ihnen den
Befehl sich zu zeigen oder zu verstecken. So ist alles wie
im Theater organisiert, wo eigenständige Akteure
miteinander interagieren. Dies nennt man objektorientierte
Programmierung. Mit Java erweitert sich der Lebensraum eines
Klassenobjektes vom lokalen Rechner auf das ganze
Netz.
dd:
ok.
US: Als Jugendlicher
habe ich programmieren gelernt, indem ich mit Freunden
Spiele am Computer konstruierte. Einfache Textadventure,
später Simulationen. Der Rechner, das war immer die
Knetmasse, die formbare Parallelwelt, Substrat von einem
gewissen Lebensodem getaktet. Habe ich also ein reines
Spektakel geknetet? Manchmal kam es mir fast selbst so vor,
doch dann wiederum: Mir scheint es, als gäbe es hier
deutlich zwei charakteristische Zeitskalen. "Lesen wird zu
tauchen, schwimmen, wühlen", habe ich in der Einleitung
geschrieben. Man kann natürlich auch in der Brandung
spielen und sich von den Wellen treiben lassen,
schließlich sind wir im Netz! Taucht man dann aber
unter das Donnern der Brecher, wird alles mit einem Mal
still und weit und tief. Dies habe ich bei Epos-Lesern
beobachtet, auch bei mir selbst.
Man kann sich flott durch
die einzelnen Szenarien klicken und sich am allgemeinen
Firlefanz erfreuen. Wer aber wirklich beginnt das
Korallenriff zu untersuchen, sich an die Textzeilen heftet
und mit ihnen durch die Geschichte taucht,
Verknüpfungen aufstöbert und mit interessierter
Geduld den Mauszeiger nutzt, um sich die Zeilen
hervorzuholen (und was ihn sonst noch erwartet), der wird
erst das eigentliche Spektakel erleben, das Spektakel in
seinem eigenen Kopf, wie es sich für eine Geschichte
gehört.
dd:
Die Lektüre tief unter den Wellen der technischen
Effekte - das ist eine interessante Perspektive, der
offenbar jedoch nicht alle Leser gefolgt sind. Kann der
Grund dafür auch darin liegen, dass die Texte selbst
kaum einen roten Faden erkennen lassen. Du sagst, es handelt
sich um spontan notierte Fragmente, die über Jahre
entstanden sind, und ermunterst zu einem Lesen, das sich der
Entstehungsweise der Sätze ("pulsierend, rasend,
parallel, asynchron") angleicht. Im Grunde haben wir hier
das gleiche Problem wie bei der klassischen Hyperfiktion:
Die Multilinearität und Punktualität der
Text-Präsentation wird weniger als Gewinn und Befreiung
von festgelegten Sichtweisen empfunden denn als Beliebigkeit
und Mangel einer präzisen Ordnung dessen, was der Autor
kommunizieren will. Wie könnten sich hier Autor und
Leser aufeinander zu bewegen?
US: Die Epos-Texte
haben zwar keinen roten Faden, aber sie haben doch sozusagen
alle eine rote Mütze auf, sie hängen über ihr
Thema zusammen. Der Autor hat sie auf einer wilden
Verfolgungsjagd eingefangen, hier einen, dort einen, und
präsentiert nun sein Beweismaterial: kein
Fadenknäuel, sondern eher ein Container Altpapier.
Kommissar Leser, übernehmen sie! Hier ist es wieder,
das Tauchen, und Wühlen. Beim klassischen Hypertext
gibt es immer nur genau einen Zettel aus dem Haufen zu
sehen. Beim Epos sind die Zettel miteinander verklebt,
stecken ineinander, haben doppelte Böden oder laufen
durch die Gegend. Das wird natürlich kein
Entwicklungsroman, das wird eine Suche. Irgendwann sieht man
den Leser kopfüber im Texthaufen stecken, die Beine
strampeln in der Luft. Da kommt ein ungewöhnlicher Satz
durch den Haufen geschlängelt, der Leser packt danach
und verschwindet vollständig. Man sieht nur noch wie es
sich im Haufen regt.
dd:
Im Grunde ist "Epos der Maschine" eine digitale Variante
konkreter Poesie. Neben die Syntax von Text und Raum, die in
der konkreten Poesie eine Rolle spielen, tritt hier noch die
Syntax von Zeit und Interaktion. Ich denke da z.B. an den
Anfang, wo die Worte, die die Maschine als Übergott
infragestellen, selbst die Form eines Fragezeichens
annehmen, mit dem Wort >Wahrheit< als Punkt. Anders
als in der gedruckten konkreten Poesie, die keine Zeitachse
kennt, kann man hier die Worte sich leicht hin und her
bewegen lassen. Da die >Wahrheit< sich nicht bewegt,
sondern so starr bleibt wie im Text beschrieben, ergibt sich
eine bisher nicht mögliche Ebene der Konkretisation das
Gesagten. Eine weitere Ausdrucksebene ist dann die der
Interaktion: Klickt man auf >Wahrheit< verschwinden
die anderen Worte hinter dieser, als suchten sie dort
Zuflucht oder als verschlucke die Wahrheit das, was sie
infragestellt. Bewegt man daraufhin die Maus, bewegt sich
mit ihr auch >Wahrheit<, wobei jene Worte wieder zum
Vorschein kommen, der >Wahrheit< als Text-Schweif
über den Bildschirm folgen, bis sie, stopt man die
Bewegung, erneut hinter >Wahrheit< verschwinden. Das
'liest' sich, als könne die einmal vorgebrachte Frage
zwar immer wieder unterdrückt, niemals aber
ausgelöscht werden, vorausgesetzt es gibt Bewegung im
Diskurs. Dieses Beispiel zeigt sehr schön, welche
Bedeutungstiefe konkrete Poesie im Rahmen ihrer digitalen
Inszenierung annehmen kann. Der Engländer Robert
Kendall, der ebenfalls mit bewegten Worten im Computer
experimentiert, spricht treffend von kinetic visual
poems. Siehst du dich in einer bestimmten Tradition,
gibt es Bezugspunkte außerhalb des Reichs des
Digitalen?
US: Organischer Text,
das ist vielleicht die Urmotivation hinter der Umsetzung des
"Epos". Da ist natürlich immer schon der Hypertext.
Doch der reißt einen meist hinaus aus jedem
Zusammenhang anstatt das Netz der Zusammenhänge dichter
zu flechten. Meine Texte enthielten ellenlange
Kettensätze ohne Punkt und Komma und im Ganzen
völlig unverdaulich für Fremde. Dies war mein
erster Ansatzpunkt gewesen: Teleskopsätze,
Hypersentence sozusagen, Navigation im Satz,
Erschließung eines verrückten Satzgeflechtes
durch Hineintauchen in das Nebensatzgeflecht. Dann waren da
Sätze und Abschnitte, die einfach zu lang waren, um
überhaupt im Ganzen sichtbar zu sein. Da dies auch
teilweise gar nicht nötig war, begannen diese
Brontosätze nun über den Bildschirm zu rollen, dem
Betrachter wie ein scheues Fabeltier immer nur ein Teil
ihrer schillernden Wortschuppen zeigend, dann wieder hinter
Bäumen verschwindend, andere pulsierten herum wie
verrückte Glühwürmchen, jedes ihrer Worte
demonstrativ hervorschleudernd, um es gleich wieder in
Gewahrsam zu nehmen. Man kann sie betrachten oder auch
ziehen lassen, manchen sollte man besser ganz aus dem Weg
gehen.
Grundidee war immer das
Suchen, das sukzessive Erschließen. Jeder, der einmal
eine volle Netzseite mit Text auf einmal angezeigt bekommen
hat, weiß, dass es keinen besseren Grund gibt
weiterzuklicken (oder natürlich auszudrucken). Dennoch
verbringen Leute doch viel Zeit am Rechner und führen
sich derweil teils große Mengen an Information zu
Gemüte - sukzessive. Die Rezeptionsform im Netz ist
meines Erachtens stark mit dem Mausklick verknüpft und
mit dem Suchen. Daher muss Netzliteratur sozusagen immer
eine Suchmaschine sein, die sich vor sich selbst versteckt.
Aus diesem Grund auch das "Spotlight" zu Beginn des Epos
(und am "Schluss"!). Dieser Periskopsucher dient vor allem
dem Verstecken all dessen, was nicht in seinem Sichtfeld
liegt. Während man versucht den ersten Satz zu
erhaschen wandert das Periskop über die neue Welt und
zeigt erste Hinweise auf Tieferes, es bilden sich hier und
dort Axone von einem Wort zum nächsten, und wer diesen
folgt, taucht allmählich in die Geschichte
ein.
dd:
Die im "Epos" inszenierte "Navigation im Satz", die
sukzessive Präsentation der Wörter, ist freilich
eine geschickte Methode, um die Begegnung des Lesers mit
einem übervollen Bildschirm zu vermeiden und ihm
trotzdem jede Menge Text aufzubürden. Abgesehen von
diesem pragmatisch-ästhetischen Wert besitzen solche
"Teleskopsätze" freilich auch einen semantischen und
zwar gerade im Rahmen eines Stückes, das von
Technologie und fixierbarer Wahrheit handelt. Ich denke an
ein Beispiel im Kapitel "Das Dominoexperiment", wo einer der
Texte sich langsam aufbaut und anschließend bestimmte
Wörter wieder getilgt werden, was zu einer Umkehrung
von Sprecherinstanz und Aussage führt: Der Sprecher
wird aus einer Person, über die der Geist spricht, zum
Geist selbst, wobei dieser wiederum während der
'Textbeseitigung' von einem Geist des Erinnerns zu einem
Geist des Vergessens wird. Das wirkt ein bisschen wie die
Veranschaulichung der Derridaschen différence
mit digitalen Mitteln: Aufschub ist hier unmittelbar auch
Veränderung, wer erst die anderen Texte dieses Kapitels
liest, wird dann einem Text begegnen, der seiner
vorangegangenen Aussage widerspricht. Inwiefern entspricht
hier die Weise der Textpräsentation der intendierten
Aussage?
US: Während der
urtümliche Teleskopsatz an seinem Fleck festgewachsen
ist und den Leser einstrudelt, gehen seine Nachfahren aktiv
auf die Jagd. Gerade beim "Domino Experiment" werden die
Sätze zu ihren eigenen Erzählern. Sie liefern sich
erst einen wilden Schlagabtausch, schlängeln sich wie
Zungen aus dem Mund des Sprechers und werden im
Röntgenbild sichtbar, wie sie sich wie Würmer in
seinem Kopf winden. Bis zu diesem Punkt hat der Leser einige
Erfahrung mit autarken Sätzen sammeln können, doch
nun betätigt er einen Schalter und lässt sie damit
von der Leine. Sie stürmen auf ihn los, erzählen,
brabbeln und dozieren. Ein Satz präsentiert seinen
länglichen Inhalt, doch hat er eine eigene Meinung
dazu: Während der Schwanz noch Wort um Wort ausspuckt,
wird vorne bereits eine andere Aussagenfigur aus dem
Hintergrund der Intention hervorgeholt. Wie immer, wenn es
um die Wahrheit geht, endet alles in einem wilden Gemetzel.
Die Textpräsentation kämpft gewissermaßen um
ihre eigene Aussage. Nachdem viel Buchstabenblut geflossen
ist, schwebt einsam ein letztes Satzfragment über das
Schlachfeld. Hat es vielleicht die intendierte Aussage aus
dem Getümmel retten können? Zumindest drückt
es sich scheu hinter den Schädelknochen herum, als ob
es etwas zu verbergen hätte.
dd:
Nun, nach diesem lebhaften Bericht vom Schlachtfeld der
Wörter geht man am besten hin und sieht selbst. Kommen
wir zum Produktionsprozess: "Epos" ist das Ergebnis der
Zusammenarbeit von Kai Jelinek (Grafik), Cesare Wosko
(Zeichnungen), Claudia König (Fotografie), der Band
"Die with Dignity" (Sound) und dir (Text und
Programmierung). Wie gestaltete sich diese Kooperation und
die Abgleichung der Interessen und Ideen
konkret?
US: Durch Ansteckung.
Ich habe im Rechenzentrum gehockt und erste Versionen des
Java-Codes geschrieben, erst nur zur Textanimation.
Irgendwann gibt Kai mir eine Zeichnung, die ihm beim Lesen
des Epos-Textes eingefallen ist. Ich baue die ein, zeige ihm
erste Ergebnisse, er zeichnet mehr. Das Ganze beginnt
plötzlich zu wachsen, im Wechselspiel. Wir werden
aufgeregt, da alles wie von selbst Formen annimmt, die wir
so vorher nicht gesehen haben. Wir sprechen Cesare an, und
er steuert weitere Zeichnungen bei. Claudia fotografiert
Rohrleitungen, einfach Rohrleitungen, schließlich geht
es um eine Maschine. Dies wird nachher der Metallpanzer im
Szenario "Die Erde".
Am Eindrücklichsten war
die Zusammenarbeit mit der bemerkenswerten Band "Die With
Dignity": Ich inseriere in einer Newsgroup, dass wir Sound
für unser Projekt suchen, und es meldet sich
zufällig eine Band ganz aus unserer Nähe, von der
ich nie gehört hatte. Nur per e-mail kommunizieren wir
und ich schicke erste Entwürfe und Texte. Die Gruppe
hat damals also Screenshots und Texte vom Epos gehabt und
diese als Partitur hergenommen, zumindest kam es mir so vor,
als ich die Resultate hörte.
DwD arbeitet nach dem
Prinzip: First take is deadly." Das heißt: Man
trifft sich, jeder bringt seinen Ideen mit, man verabredet
vielleicht gerade noch den Titel des Stückes, dann wird
gespielt, direkt auf die zu veröffentliche CD. Die
Instrumente werden zum Teil für jedes Stück selbst
konstruiert: aus Kondensatoren, Hochspannungsdioden,
Elektronenröhren und dergleichen. Ich sah Fotografien,
wie diese Instrumente" beim Gebrauch aufleuchten.
Einen Eindruck davon bekommt man vielleicht, wenn man
weiß, dass der Sound des Epos-Radar allein durch das
Ausschalten eines speziell dafür gebauten Gerätes
entstanden ist. Bei Der Alte Wald" ist eine Flöte
zu hören. Um den genau richtigen Sound zu bekommen
wurde diese auf dem Balkon gespielt, der Flötist bekam
nicht mit, was die anderen machten. Ich finde es klingt
toll.
GAWL von DWD: Als ich
die Anfrage eines gewissen, mir damals völlig
unbekannten Urs Schreiber in der Newsgroup de.rec.music.misc
las, sah ich darin sofort die Möglichkeit, ein für
die klangmalerischen Ambitionen von Die with Dignity wie
geschaffenes Projekt anzugehen. Ich nahm also umgehend
Kontakt auf mit den kreativen Köpfen Brenner, Broszat,
Guderia und Repgen und machte sie darauf aufmerksam. Sie
sagten spontan zu mit der einzigen künstlerischen
Voraussetzung, eine Standleitung in's Internet zum
Maschinenepos im Studio zur Verfügung zu haben.
Außerdem sollte eine spezielle Fassung des Textes
ausgedruckt vorliegen, bei der alle Abschnitte per
Zufallsgenerator gemischt wurden, zwecks semantischer
Öffnung und intensivem Studium der verborgenen
Assoziationen; also sozusagen Musik als Katalysator zwischen
Idee und Erfahrung.
Die Band wollte die Musik
dergestalt komponieren, daß sie die Stimmung der Texte
unterstützt, ohne die Assoziationsfreiheit des Lesers
zu behindern [...] Die zeitweilige Verwendung von
60er-Jahre-Sounds synthetisiert die visionäre
Atmosphäre des Science-Fiction-Kontextes akustisch aus
der Vergangenheit und veranschaulicht durch diesen
Kunstgriff die zyklische Gesamtstruktur allen Seins.
[...] Auf Grund der teilweisen Verwendung speziell
entwickelter,mit Hochspannung betriebener
Röhreneffektgeräte war es notwendig, daß die
Musiker großen Abstand von einander hielten, was eine
Identifikation mit der Isolation des Protagonisten
vereinfachte. Der Zusammenprall verschiedener Kulturen wird
in "Gelandet bei den fedrigen Wesen" symbolisiert durch die
Verwendung japanischer Tonleitern in Guderias
Flötenspiel. Die abreißenden Funkgespräche
spiegeln die zerbrechende Kommunikation wider.
Die fehlende Harmonie
zwischen Mensch und Maschine wurde durch konsequente
Verwendung defekter Geräte akustisch umgesetzt.
Zufallsgeneratoren triggerten die Sequencerspuren in
Stücken wie "Im Hangar" und "Wüste Trai". Man
übernahm vereinzelt, teilweise klangtechnisch stark
verfremdet, Stichwörter aus dem Text, um auf eine
Meta-Ebene der Handlung zu gelangen. [...]
Abschließend wurden alle Aufnahmen, fertig produziert
und nach den einzelnen Web-Seiten betitelt auf CD-R
gebrannt, Urs Schreiber zugesandt, der sie in das
Maschinenepos integrierte.
dd:
Basieren die nächsten Projekte auf einer ähnlich
spontanen Kollaboration?
US: Zur Zeit ist
nichts künstlerisches geplant. Ich hoffe, dass ein
Programm, an dem ich im Moment arbeite, vielleicht einmal im
Netzt Dienst tun wird, aber da geht es um
mathematisches.
In der Zeit, nachdem das
Epos fertiggestellt war und ich die erste postive Resonanz
bekam, lag mir viel daran, das Konzept auszubauen und
anderweitig anzuwenden. So habe ich versucht, den
narrator-engine professioneller zu gestalten und
für allgemeine Zwecke nutzbar zu machen. "UTML" sollte
das dann heißen, ein paar Entwürfe sind noch auf
meiner Website. Eine Webdesignfirma in Wuppertal hat sich
auch tatsächlich zeitweise dafür interessiert,
doch ist leider nichts weiter daraus geworden.
Dann war da noch die Idee,
ein wirklich vernetztes Projekt, also eines mit einer
Vielzahl von Autoren, mit einer Art narrator-Editor
zu gestalten. Über ein solches Editorprogramm sollte es
möglich sein, dass in einem gemeinschaftlichen Text
jeder Autor beliebig neue "Teleskopsätze", also aus-
und wieder zusammenfahrbare Sätze nach Epos-Art,
einfügen kann. So entstünde z.B. ein Text, der zu
Beginn aus einem einzigen Satz zu bestehen scheint, dem dann
per Mausklick wieder und wieder Nebensätze und
Untersätze, zu entlocken sind, die sich alle selbst
wieder durchdringen können. Das war angelehnt an das
TEXTRA-Projekt von Oliver Gassner und auch davon ist eine
kleine Demo-Version auf meiner Website zu
besichtigen.
Doch schließlich
stellte ich fest, dass all das mich zu viel Zeit kostete.
Von der Programmidee bis zur Ausführung ist es oft ein
weiterer Weg als die reine Machbarkeit einen ahnen
lässt. Mein Physik-Studium forderte seinen Tribut und
ist heute mein Hauptinteresse, so dass ich die
Netzliteraturszene im Moment nur noch als Zuschauer
betrachte.
dd:
Da bleibt nur zu hoffen, dass sich wieder die Zeit für
künstlerische Projekt findet, denn das entworfene
Mitschreibprojekt der "Teleskopsätze" klingt sehr
spannend und es wäre interessant zu sehen, wie sich
diese Art 'ausfahrbarer Hypertext' in einem kollaborativen
Setting entwickelt. Apropos Netzgemeinde: Wie schätzt
du die deutsche Szene der digitalen Literatur
ein?
US: Jung, klein und
voller interessanter Köpfe.
dd:
Letzte Frage: "Epos der Maschine" basiert nicht auf der
Erzählstruktur des Hypertextes, aber auch nicht auf
linearer Narration, es ist Produkt der Zusammenarbeit, aber
kein nach außen offenes kollaboratives Schreibprojekt,
das den Werk- und Autorbegriff auflösen würde.
Wenn du ein Manifest der digitalen Literatur schreiben
würdest, wie lauteten die ersten
Sätze?
US: Das "Epos" ist in
der Tat kein Produkt des Netzes, als es nur einen Autor hat.
Doch ist der Text netzartig und in gewissem Sinne ein
kollaboratives Schreibprojekt eines Autors mit sich selbst.
Seine Darstellung hängt nur vom Medium Computer ab,
seine Rezeption allerdings vom Netz selbst, nur durch das
Internet sind solche Dinge überhaupt von Interesse.
Auch Kollaboration ist ein wichtiger Aspekt des Internet,
doch mich faszinieren noch mehr die Prozessoren, die
überall dort im Hintergrund schlummern und sich bei der
Darstellung von HTML-Seiten langweilen. Kollaboration
hätte man auch in einem Internet, das auf
Posteulen-Austausch basiert, aber ein Rechner ist mehr als
die Kreuzung zwischen Schreibmaschine und Telefon und das
Internet nicht nur ein Kommunikations-, sondern vor allem
ein Rechnernetz. Das größte Netzliteraturprojekt
in diesem Sinne ist vielleicht seti@home, die Suche nach
außerirdischem Leben per verteiltem Rechnen im
Internet.
dd:
Und spätestens da müsste man dann wieder die gute
alte Frage stellen, was das alles noch mit Literatur zu tun
hat :) Lassen wir uns
überraschen.
Ihr
Kommentar

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