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Hyperfiction - Theorie und Praxis eines neuen Genres

Interview mit Beat Suter

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dd: Beat, du hast mit deiner Dissertation Hyperfiktion und interaktive Narration im frühen Entwicklungsstadium zu einem Genre die erste ausführliche Untersuchung digitaler Literatur im deutschsprachigen Raum vorgelegt. Wie kamst Du zu diesem Thema?

BS: Ich habe mich immer schon gerne mit grenzüberschreitenden Kunstwerken und Sprachexeprimenten beschäftigt und aufmerksam die Aufweichung und schrittweise Aufhebung der Gattungsgrenzen in Kunst und Literatur studiert. Viele dieser Experimente von Dadaismus, Futurismus, Konkreter Poesie, Fluxus, Concept Art u.a. sind geprägt durch einen spielerischen Umgang mit den Materialien und der Motivation, neue Konzepte zu entwickeln, in neue Räume vorzustossen, in denen auch der Rezipient eine ganz andere Rolle einnimmt. Diese beiden Aspekte finden sich auch im Zusammenspiel von literarischen Formen und Computertechnik, ja vielleicht treten sie hier gar konzentrierter zu Tage, weil die mediale Umgebung ihnen mehr Spielraum lässt

dd: Der Titel beinhaltet mit "Hyperfiktion" und "interaktive Narration" zwei verschiedene Begriffe. Inwiefern stehen diese auch für zwei verschiedene Phänomene? 

BS: Hyperfiktionen und interaktive Fiktionen unterscheiden sich grundlegend. Unter Hyperfiktionen verstehe ich in erster Linie Hypertext Geschichten mit starker Neigung zum Narrativen. Dem Leser einer solchen Fiktion ist es möglich, sich mit einfachen Mitteln durch die fragmentarisch angeordneten Erzählsegmente zu navigieren, indem er entweder bestimmten Figuren oder unterschiedlichen thematischen Anknüpfungen mittels der vorhandenen Hyperlinks folgt. Interaktive Fiktionen hingegen sind in erster Linie Simulationen und Spiele, die es einem Leser oder Spieler erlauben, eine immersive Perspektive einzunehmen und Situationen mehrmals durchzuspielen und den Text jeweils nach neuen Möglichkeiten bzw. Lösungen zu durchsuchen. Interaktive Fiktionen, die über ein Interface mit einem direkten Gegenüber interagieren, zeigen dies am deutlichsten. Solche interaktiven Spiele und Simulationen sind denn in der Regel auch als (exteriorisierte) virtuelle Welten konstruiert - zunehmend als komplexe 3D-Welten - in welchen sich der Leser supponiert frei bewegen und die Narration gestalten kann. 

Dagegen verlangen die Segmente und Verknüpfungen von Text-Hyperfiktionen die Kreation eines imaginären Raumes wie bei einem Buchroman. Die Aktivität des Lesers gestaltet sich denn auch nicht gleich: Der Spieler einer Interaktiven Fiktion kann synchron und aktiv handeln, manchmal ist auch ein direktes Gegenüber vorhanden, das ebenfalls Aktionen ausführt, die das Spiel und die Aktionen des Spielers unmittelbar beeinflussen. Der Leser der Hyperfiktion auf der andern Seite hat nur die Möglichkeit, asynchron zu handeln. Seine Interaktion beschränkt sich auf das Auswählen von Links, von Pfadmöglichkeiten, seine Methode ist die Entscheidung. Die Interaktionen des Spielers hingegen erfolgen in einem abgesteckten Regelrahmen und nehmen den Charakterzug von Spielzügen an. Diese beiden Phänomene sind für mich gleichermassen interessant, sie stellen zwei Wege dar, das neue Medium narrativ zu nutzen und deuten auch zwei mögliche Entwicklungslinien für die Zukunft an.

dd: Wo würdest du in diesem Zusammenhang Begriffe wie "Netzliteratur" und "Multimedia" platzieren?

BS: Dem Begriff Netzliteratur ziehe ich den Begriff Hyperfiction vor, weil er das neue literarische Genre klarer umreisst. Denn als Netzliteratur wird im Web so ziemlich alles gehandelt, was literarischen Anspruch hat und auf einer Homepage Platz findet. Ich schätze bsp. den Versuch von Christian Köllerer in seinem Aufsatz Die feinen Unterschiede. Über das Verhältnis von Literatur und Netzliteratur, eine treffende Definition für den Begriff "Netzliteratur" zu finden. Köllerer bezeichnet ein Werk als Netzliteratur, wenn es sich "um einen überwiegend sprachlichen, komplex strukturierten ästhetischen Gegenstand handelt", der zusätzlich "hypertextuell oder multimedial oder interaktiv" ist. Doch der Grossteil der Netzliteraturgemeinde versteht und wendet den Begriff leider anders an. 

dd: Aber auch Köllerers Begriff scheint mir problematisch, denn die damit bezeichneten Werke brauchen nur im Falle der Interaktivität wirklich das Netz, funktionieren ansonsten aber auch offline und könnten zum Beispiel ebenso gut bzw. genauer ganz allgemein "digitale Literatur" heißen.

BS: Das zeigt mir zumindest, dass der Begriff "Netzliteratur" sehr verwirrlich ist bzw. auf verschiedene Arten verstanden werden kann. Mit "Netz" muss ja nicht das Internet gemeint sein, sondern irgendein hypertextuelles oder nicht-hypertextuelles Netzwerk! Worauf stützt sich denn die Annahme, dass nur sogenannt "interaktive" Werke wirklich adäquat von Netztechnologien Gebrauch machen? Und welche "Interaktivität" ist gemeint? Entsprechen die vorwiegend eingesetzten asynchronen interaktiven Elemente den formulierten Ansprüchen? Gerade wegen dieser Verwirrung halte ich Abstand vom Begriff "Netzliteratur". 

Da scheint mir "digitale Literatur" bereits viel neutraler. Allerdings benötigt auch der relativ offene Begriff "digitale Literatur" eine allgemein akzeptierte Definition, damit bsp. nicht einfach digitalisierte "Papierliteratur" dazu gerechnet werden kann. Ich weiss, dass du "digitale Literatur" favorisierst und ihr mindestens eines von drei spezifischen Merkmalen für digitale Medien zuweist: Interaktivität, Intermedialität und Inszenierung. Doch sämtliche der drei Begriffe benötigen wiederum eigene Definitionen und Erläuterungen, damit sie nicht einfach für Verwirrung sorgen. Diese Erläuterungen gibst du selbstverständlich in deinen Aufsätzen, kenne ich sie aber nicht, so sagen mir die Begriffe Intermedialität und Inszenierung etwas anderes.

Du fragst auch nach einem Zuweisungsort für den Begriff "Multimedia". Der inflationäre Gebrauch des Begriffs Multimedia ist überdeutliches Zeichen einer Verschiebung vom Textmedium zu den Multimedia: Der Text ist nicht mehr unangefochtener Sinnträger, sondern reiht sich gleichrangig als ein Spielelement neben Ton, Bild und Animation ein, die alle gleichermassen in binären Daten ausdrückbar sind. Der Multimedia-Begriff scheint mir aber im Kontext digitaler Literatur geeigneter zur Beschreibung der Modalität als zur Bezeichnung eines Genres.

dd: Du hast eingangs auf die starke Neigung der Hyperfiction zum Narrativen verwiesen. Der Aspekt der Narration scheint mir recht gut geeignet, auch angesichts veränderter Proportionen zwischen Text und Ton, Bild, Animation von einer Netz- bzw. digitalen Literatur zu sprechen und diese von der Netz- bzw. digitalen Kunst abzugrenzen, die ja zumeist auf Installationen und Konzeptionen zielt und weniger 'Geschichten' erzählt. Hältst du dies für ein brauchbares Unterscheidungskriterium oder sollte man eine solche Differenzierung gar nicht mehr anstreben?

BS: Das Narrative sehe ich mehr als wichtigen Aspekt eines Werks, denn als Unterscheidungskriterium. Hyperfictions wie "Afternoon, a story", "Hilfe!" oder auch "My Boyfriend came back from the war" haben eine starke Neigung zum Narrativen, während das Konzeptionelle bsp. bei Projekten wie dem "Web Stalker" oder dem "Discoder" klar dominiert. Doch die Grenzen vieler digitaler Projekte sind sehr fliessend geworden. Auch sogenannte "digitale Kunst" arbeitet mit narrativen Momenten. Und bei manchen Werken wie dem "Assoziations-Blaster" ist es äusserst schwierig abzuschätzen, wie stark formend das Narrative wirklich noch beteiligt ist. Deshalb scheint mir das Narrative lediglich zu einer Grobunterscheidung geeignet, die festzustellen versucht, welcher Aspekt in einem Werk überwiegt. 

dd: Du sprichst ausdrücklich von der Hyperfiktion als einem neuen literarischen Genre. Wie grenzt sich dieses Genre von anderen Genres ab und inwiefern verbleibt es im literarischen Bereich?

BS: Ich spreche von Hyperfiktion in einem "frühen Entwicklungsstadium zu einem Genre". Das neue Genre hat also seine endgültige Ausprägung noch nicht gefunden. Die Grenzen sind noch nicht abgesteckt. Es besteht genügend Spielraum, auch verschiedene multimediale Experimente miteinzubeziehen. Deshalb würde ich auch keine Grenzlinien in Richtung Kunst, Musik oder künstliche (Programmier)Sprachen ziehen, sondern den neuen Entwicklungen und Formen gegenüber offen bleiben. Hyperfictions sollten immer unter dem Aspekt des Experimentellen betrachtet werden. Man darf schlichtweg nicht mit dem althergebrachten Verständnis an die Sache gehen, dass mit den Hyperfictions perfekte, abgeschlossene und gattungsimmanente Meisterwerke entstehen, sondern muss immer Offenes, Unfertiges und Experimentelles erwarten, bzw. man muss eine Verlagerung der Erwartung einkalkulieren, bsp. vom Autor weg zum Leser oder Nutzer hin. 

Es ist schon ein wenig fragwürdig, bereits heute vom Ende der Hypertext-Aera zu sprechen, wo lediglich eine Minderheit der Internet-User mit dem Konzept des Hypertext wirklich vertraut ist, wie das verschiedene Exponenten der Netzliteraturszene tun. Die meisten Menschen wissen nicht einmal, was elektronischer Hypertext ist, geschweige denn haben sie gelernt, damit umzugehen. Und das gilt nicht nur für die Leser bzw. Surfer, sondern auch für viele Autoren und Produzenten von Webseiten. Denn Leser wie Autoren müssen sich zuerst an die multilinearen bzw. nichtlinearen Informationsbereiche gewöhnen und anpassen. Und da hilft nichts anderes als sich Zeit nehmen und Erfahrungen sammeln im sich Zurechtfinden in grossen, vernetzten Textmengen , im Schreiben von Hypertexten und allenfalls im Zusammenstellen von nützlichen Webseiten, um eine Hypertext-Kompetenz zu erreichen. Davon ist die Mehrheit der Menschen aber noch weit entfernt. Web-Usability-Spezialist Jakob Nielsen prognostiziert "das Schreiben von guten Hypertexten in grösserem Umfang, wenn das Web vollentwickelt ist und wenn Benutzerbedürfnisse befriedigt werden, anstatt dass sich Webnutzer von der Neuartigkeit des Mediums blenden lassen. Vielleicht wird im Jahre 2005 die Mehrheit der Benutzer genügend Erfahrung im Umgang mit Hypertext gewonnen haben."

dd: Auf dem Umschlag deines Buches heisst es im Hinblick auf die experimentelle Verbindung von Literatur und Computertechnik: "die entstehenden hybridformen sind in erster linie beliebig manipulierbare binäre daten, die in mehrfacher hinsicht von transitorischer flüchtigkeit geprägt sind." Was ist damit gemeint?

BS: Das ist eine knappe Beschreibung des Umstandes, dass allen digitalen literarischen Versuchen binäre Daten zugrunde liegen, die in ein Speichermedium eingeschrieben werden, aber genauso leicht wie sie festgehalten wurden, auch wieder gelöscht oder beliebig verändert werden können. Damit erweisen sich die "Datenwerke" als in einem hohen Masse flexibel, transferier- und manipulierbar. Dieser Umstand kann mit dem Begriff "transitorische Flüchtigkeit" umschrieben werden, denn die beliebige Veränderungsmöglichkeit und Transferierbarkeit der Daten zeigt, dass sie flüchtigen Charakter haben und eine Sicherung vorerst weniger nachhaltig ist als die Sicherung von Texten auf lange haltbaren Medien wie Stein oder Papier.

Für die Literatur ist das ist eine neue, einmalige Situation. Sie ist sich sonst gewohnt, Primärtexte in Archiven registriert vorzufinden oder ausnahmsweise einmal Manuskripten in Privatbesitz nachzuspüren, aber sie muss sich in der Regel nicht mit flüchtigen Phänomenen befassen. Nun aber muss sie Kenntnis davon nehmen, dass bereits verschwundene Texte meist keine Spuren hinterlassen, weil ihre elektronischen Daten meist wirkunsgvoll vom Netz gelöscht wurden. Allenfalls sind einige der Texte auf lokalen Computern oder einzelnen Datenträgern noch vorhanden, ohne ausreichende Angaben über den Urheber oder die Urheberin des Textes dürfte es aber ein Ding der Unmöglichkeit sein, einen verlorenen Text einige Jahre später aufzuspüren - und mit jedem Jahr wird ein solches Unterfangen noch schwieriger werden, weil sich Hardware und Software ständig wandeln und die Lesbarkeit eines alten Dateiformats nicht gewährleisten können. 

Da scheint es selbst ein Archäologe einfacher zu haben, der sich wenigstens an einzelnen materiellen Überresten und Spuren orientieren kann. Ein Daten-Archäologe der Zukunft nämlich müsste wohl immer auch die entsprechende Datenlesemaschine und die entsprechende Datenlese-Software ausgraben oder mit Hilfsmitteln rekonstruieren können, um einen Datenfund auch entziffern zu können. 

dd: So erweist sich das Medium der Übertreibung des Speicherns, in dem man jeden banalen Gesprächsfetzen festhalten kann, letztlich als das unzuverlässigste Archiv aller Zeiten. Du sprichst passend von "transitorische Flüchtigkeit", und du benutzt in deinem Buch im Hinblick auf Hyperfiktion noch mehr Worte mit "Trans-": Transfugalität und Transversalität. Wofür stehen diese Begriffe?

BS: Die beiden Begriffe dienen mir dazu, die Grundlagen des neuen Kultur- und Literaturmilieus der Hyperfictions zu umschreiben. Den Begriff "Transversalität" verwendet Wolfgang Welsch in seiner Philosophie der zeitgenössischen Vernunftkritik zur Bezeichnung allgemeiner Denk- und Gestaltungsformen der Gegenwartsgesellschaft. Schreiben und Denken im Netz, bzw. im World Wide Web kann man als praktische Vollzüge transversaler Vernunft sehen, die im Kontext von Internetliteratur strukturbildenden Charakter haben. Denn Schreiben und Denken im Netz sind nicht zu trennen von der kreativen und ästhetischen Gestaltung einzelner Projekte. 

Konkret heisst Schreiben und Denken im Netz für einen Autor: kreatives Installieren von Hyperlinks, ästhetisches Gestalten des Designs von Webseiten, geschickter und einfallsreicher Umgang mit Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop und multifunktionalen Editoren wie Go Live oder Dreamweaver beziehungsweise geschicktes Programmieren mit HTML, DHTML, XML, JavaScript, Applets, Flash, ASP, SQL etc. Der Künstler hat also keine Wahl, er muss sein Spektrum erweitern und sich gewisse Progammierer- und Gestalterqualitäten erarbeiten. Und diese praktischen, handwerklichen Vollzüge reissen den Schreibenden aus der Position eines reinen Beobachters heraus und binden ihn in konkrete Handlungszusammenhänge ein. 

Allgemein gesehen und vielleicht etwas überspitzt formuliert wird der Hyperfiction-Autor zu einem universalen Künstler: Schriftsteller, Programmierer und Gestalter in einem, der nicht nur das theoretische Instrumentarium der neuesten Kommunikations- und Medientheorien beherrscht, sondern stark praxisorientiert ist und sowohl computertechnologische, als auch soziale und künstlerisch ästhetische Kompetenz verknüpft. 

Der Begriff der "Transfugalität" hingegen umschreibt den zuvor angesprochenen Tatbestand der transitorischen Flüchtigkeit, der die neue Literaturform eben in mehrfacher Hinsicht bestimmt. Transitorische Flüchtigkeit heisst: Jeder Autor kann sein eigener Herausgeber sein; beschreibt die relative Flüchtigkeit des materialen Datenträgers und der binären Datenspeicherung auf unterschiedlichsten, schnell veraltenden Datenträgern; zeigt den Umstand an, dass ein Datenwerk lediglich temporäre Bildschirmgestalt annimmt; meint die unbegrenzte Eingriffsmöglichkeit über die Funktionen "Speichern", "Löschen" und "Verändern"; und beschreibt die beliebige Transportierbarkeit in Teilmengen und auf unterschiedlichsten Wegen über elektronische Netzwerke.

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