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Hyperfiction - Theorie und Praxis eines neuen Genres

Interview mit Beat Suter

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dd: Vom Autor zum Leser: Du nennst die Lektüre von Hypertexten eine detektivische Tätigkeit und sprichst angesichts des Links von Ausstieg und Aufschub. Wie verändert der Link unser Lesen?

BS: Dem Leser bieten sich in elektronischen Hypertexten Netzwerke von Möglichkeiten an, in denen er sich zurecht finden muss. Seine Lektüre gleicht einer Spurensuche, er sammelt Informationen, fällt Entscheidungen und legt sich so Schritt um Schritt einen eigenen Narrationspfad; dies kommt einer detektivischen Tätigkeit recht nahe.

Der Hyperlink macht ein sprunghaftes Voranschreiten zwischen Lese- bzw. Erzähleinheiten möglich. Er ermöglicht ein direktes Anküpfen an Ereignisse bzw. ein direktes Beschreiten von Assoziationen. Der Leser kann so eine eigene Anordnung der zur Verfügung stehenden Textsequenzen erstellen und einen individuellen Leseweg beschreiten. Doch jeder Hyperlink verlangt von uns eine Entscheidung:

Wir wissen, dass wir über das Anklicken eines Links an einen neuen Ort gelangen. Wenn wir jedoch das Anwählen des Links aufschieben, können wir noch eine Weile in der aktuellen Sequenz verbleiben. Ein Link beitet uns also nicht nur die Freiheit der Wahl (Option), sondern auch den Zwang, sich zu entscheiden, ob nun die aktuelle Sequenz verlassen und eine neue Perspektive geöffnet werden soll. Konkret stellt sich dem Leser vor jedem Link die Wahl zwischen den drei Möglichkeiten "ja", "nein" oder "noch nicht". Während die Ja-Entscheidung sofort zur neuen Texteinheit führt, erscheinen "nein" und "noch nicht" vorerst identisch. Die Entscheidung des "noch nicht" jedoch lässt mehr Spielraum offen, da sie immer auch ein Zurückkommen auf den bereits getroffenen "Ja/Nein-Entscheid" beinhaltet. So löst das "noch nicht" in den meisten Fällen das "nein" auf - und übrig bleiben lediglich die beiden Möglichkeiten "ja" und "noch nicht".

Der Noch-Nicht-Entscheid ist aber nichts weiteres als ein Aufschub. Der Leser verzögert die Entscheidung, weil er noch nicht genügend Informationen zur Wahl des Links A gesammelt hat. Er liest lieber zuerst einmal die gesamte Textsequenz zu Ende, um eventuell dann in einer Relektüre zu diesem Link zurückzukehren.

Anders die Wirkung der Ja-Entscheidung: Das schnelle Anklicken des Links A hat einen sofortigen Ausstieg aus der aktuellen Textsequenz zur Folge. Der Lesevorgang innerhalb einer Lesesequenz wird damit abgebrochen, und der Leser steigt aus der aktuellen Sequenz aus. Dieser Ausstieg ist aber zugleich wieder Einstieg in eine neue Textsequenz, in welcher dieselben Entscheidungsabläufe spielen.

dd: Aber in beiden Fällen, so scheint es, gibt es den ruhigen Lesefluss, wie wir ihn vom Buch kennen, nicht mehr.

BS: Es ist eine andere, performative Form des Lesens, die mehr Möglichkeiten kennt. Sie kann sprunghaft voranschreitend oder zögerlich und überlegt sein. Denn bei jedem Link stehen wir wieder neu vor der Entscheidung "Ausstieg" oder "Aufschub". Die jeweilige Entscheidung macht eine Differenz für unser Verständnis der Geschichte aus, ja sie kann uns gar eine unterschiedliche Geschichte "zusammenlesen" lassen. Je mehr Hyperlinks vorhanden sind, desto komplexer kann ein Leseprozess und desto einschneidender scheint ein Entscheidungsprozess zu werden. So unterbricht der Leser jeweils beim Wahrnehmen eines Hyperlinks den Leseprozess zumindest für einen kurzen Moment, bevor er dann an gleicher Stelle oder eventuell an einer ganz andern Stelle wieder weiterliest. Diese Unterbrüche des Leseflusses signalisieren eine ungewohnte Art der Mitwirkung des Lesers am Text.

dd: Du unterscheidest zwischen optionalen und notwendigen, zwischen syntagmatischen und paradigmatischen sowie zwischen präskriptiven und performativen Links. Was genau muss man sich darunter vorstellen?

BS: Hyperlinks stellen immer Beziehungen zwischen zwei Einheiten, Themen oder Objekten dar. Deshalb machen Diskursunterscheidungen auch für Hyperlinks Sinn. Die erste Unterscheidung in notwendige und optionale Links ist ziemlich banal, aber eben grundlegend: Kann ein Link nicht umgangen werden, um eine weitere Leseeinheit zu erreichen, so ist er notwendig. Befinden sich auf einer Webseite mehrere Links, die dem Leser zur Auswahl stehen, so sind diese optional.

Die Unterscheidung in syntagmatische und paradigmatische Links greift auf das linguistische Zwei-Achsen-Modell von Roman Jakobson zurück und orientiert sich an den Modalitäten Kombination und Selektion. Kombination heisst hier, die Leseeinheiten sind über Kontiguitäten 'verlinkt' und konstituieren sich auf der syntagmatischen Achse. Und Selektion heisst, die Einheiten sind über Ähnlichkeiten miteinander in Beziehung und befinden sich auf der assoziativen bzw. paradigmatischen Achse. In einfachen narrativen Geschichten sind Hyperlinks, die biografische Einheiten öffnen, oftmals paradigmatisch, während Links, die die Geschichte weitertreiben, meist syntagmatisch zugeordnet sind.

Die Unterscheidung in präskriptive und performative Hyperlinks macht ein Leser wohl oft automatisch. Hyperlinks vermögen knappe Informationen zu liefern. Dabei zeigt sich, dass zahlreiche Links präzise beschreiben, welche Information der Leser über den Link erreichen kann: Der Linktext 'Jacob Nielsen´s Homepage' zeigt uns an, dass wir mit einem Mausklick Nielsen´s Homepage erreichen können; dieser Link hat also ausgesprochen präskriptiven Charakter. Andere Links zeigen eher produktive und performative Aspekte. Das einfachste Beispiel eines performativen Links ist wohl der E-Mail-Adressen-Link: Er führt den Leser auf ein adressiertes Formular und fordert ihn zu einer Handlung auf - eine Antwort zu schreiben und abzuschicken. Vor allem kollaborative Hyperfictions arbeiten mit performativen Links, die den Leser zur Eingabe weiterer Texteinheiten auffordern bzw. anregen.

dd: Du fragst in deinem Buch, ob der Unterschied zwischen einer Hyperfiktion und einer gedruckten Erzählung mit komplexen Verknüpfungen (du nennst Prousts "A la recherche du temps perdu") nicht einfach die Tatsache sei, dass die Hyperfiktion quasi indexierte, direkt verfolgbare Verknüpfungen enthält gegenüber den nicht indexierten, komplizierteren Verknüpfungen z.B. bei Proust. Ist die Hyperfiktion am Ende also eine Mechanisierung und vielleicht sogar Verflachung der Komplexität, die navigiert und schliesslich restlos aufgelöst werden kann?

BS: Gerade der narrative Erzählaufbau von Prousts Roman zeigt, wie komplex Textsequenzen und Fragmente miteinander verwoben werden können, sich aber gleichzeitig auf einfache Weise dem Leser wieder zu öffnen vermögen. Der Vergleich mit Prousts Roman war lediglich als Analogie gedacht. Es dürfte äusserst schwierig sein, wenn nicht unmöglich, einen solchen Roman (nach dem Muster der Erzählanalyse von Genette) in einen Hypertext zu übersetzen. Das kann auch nicht der Sinn sein. Doch der Vergleich zwischen indexierten (Hypertext) und nicht indexierten (Buchroman) Verknüpfungen ist nach Betrachtung der proustschen Verschachtelungen bei Genette (temporale Sequenz, syntaktische Beziehung, Funktion der Szene etc.) sehr naheliegend. Es dürfte jedoch ebenso klar sein, dass auch beim Schreiben eines Hypertextes wiederum neue Ebenen und Verknüpfungen entstehen können, die sich erst durch aufmerksames Lesen und Interpretieren erschliessen und nicht durch blosses Navigieren auflösen lassen.

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