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Jürgen Daibers und Jochen Metzgers "Trost der Bilder"

Der zweite Preisträger des Pegasus-Wettbewerbs 1998, Trost der Bilder, ist so multimedial wie der erste, Die Aaleskorte, und zeigt dies schon im Titel an. Im Text ist dann allerdings nur noch vom Trost der Worte die Rede, denn nach einer Kritik der Psychographie, als dem betrügerischen Versprechen "unbeschränkten Erfolgs durch bessere Menschenkenntnis", und nach der Antithese "Das Leben ist trostlos ...Das Brot fällt mit der Nutella-Seite voraus in den Dreck ...und Sie werden sterben" werden den Lesern Trostgeschichten angeboten. Um die für den Leser geeignetsten Trostgeschichten zu ermitteln, soll dieser jedoch zuvor in einem interaktiven Multiple-Choice-Test durch die Beantwortung von sechs Fragen sein Persönlichkeitsprofil erstellen. Die Fragen sind albern oder abwegig, die Eingabe der Leser ergibt unlogische oder widersprüchliche Reaktionen und führt nicht wirklich zum Angebot individueller Geschichten, sondern nur zu einer (recht fragwürdigen) individuellen Reihenfolge der 13 Kurzgeschichten in den Rubriken Liebe, Sport, Kinder, Autos, Drogen, Filme.

-Die Eröffnung des Werkes und auch einige allzu vordergründig in den technischen Effekt verliebte Bildanimationen in den folgenden Geschichten deuten auf das häufig zu beobachtende Missverhältnis zwischen technischem Engagement und semantischer Einholung der programmierten Effekte. Da jedoch der wiederholte Unernst des Szenariums den parodistischen Ansatz nicht übersehen lässt, könnte der digitale Kitsch, der in dieser intendierten Gestimmtheit des Technischen steckt, als ästhetisches Konzept, gewissermaßen als eine Art modifiziertes Camp verteidigt werden und dann auch wieder den Titel rechtfertigen: der Trost liegt im Ornament und seiner technischen Existenz, die animierten Bilder sind nichts anderes als die gewollte Feier ihrer selbst.

Für eine solche Perspektive mangelt es den Geschichten allerdings an mangelnder Qualität. Sie sind stilistisch zu gut (von einigen Schnitzern abgesehen) und inhaltlich zu gewichtig, um eine ambitionierte Präsentation des Bedeutungslosen als Gesamtkonzept stützen zu können. Sie bedienen weder den parodistischen Zugriff, mit dem "Trost der Bilder" hinsichtlich der Psychographie begann, noch den bewußt kitschigen, den manche technische Effekte nahe legten. Gerade die Substanz der Geschichten entlarvt die unreflektierte Verliebtheit der Autoren (oder des Designers unter ihnen?) in technische Effekte. Trost der Bilder erweist sich als eine lose Sammlung recht gut geschriebener Geschichten und sehr gut programmierter Bildanimationen, die ein Rahmen zusammenhalten soll, der in keiner der möglichen Perspektiven trägt.

Der Gewinn des Scheiterns - der ungeplante Trost - sind einige Texte, die in origineller und überzeugender Weise Wort und animiertes Bild verbinden und ästhetische Ausdrucksformen finden, die im Printmedium unmöglich sind. Hier ist das Bild nicht nur illustrative Beigabe, sondern integraler Bestandteil der literarischen Gestaltung, wobei die tiefere Ebene des Textes zum Teil gerade im Bild liegt. "Trost der Bilder" ist insofern zwar als Ganzes gescheitert, in seinen Teilen jedoch ein interessanter Beitrag zur Ästhetik digitaler Literatur.