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Dirk Günthers und Frank Klötgens
"Die Aaleskorte der Ölig"
oder: Der tiefe Sinn des Banalen
Ein Kombinationsabenteuer
von Roberto Simanowski

Abstract - Struktur -Download (zip 0,7MB) - Kommentare - Interview

Der Film "Aaleskorte" in der Presse

Der Sieger des letzten Pegasus-Wettbewerbs wäre 1997 nicht einmal in die Vorrunde gelangt, sondern wegen Überschreitung der Umfangsbegrenzung disqualifiziert worden. Ein Jahr später waren die Beschränkungen faktisch aufgehoben, und offenbar störte die Jury auch nicht, dass Die Aaleskorte der Ölig [da die ZEIT ihr Pegasus-Archiv aufgelöst hat, wird das Werk hier in der Form zugänglich gemacht, in der es auf der Pegasus-CD-ROM präsentiert ist; alle Rechte liegen bei den Autoren] sich statt als Literatur als Film vorstellte. Der wie im Kino ablaufende Vorspann vermeldet "OmU, Dauer: 5 min", führt "Darsteller" auf und spricht von "Drehbuch" und "Regie". Die mitgegebenen Pressestimmen sind ausschließlich Filmzeitschriften entnommen:

 

"...poetisch, sphärisch, kontrovers. Und trotz interfreundlicher Kompakt- Klasse ein erstaunlich vielschichtiger Film." BLICKLINIE FILM

"DIE AALESKORTE DER ÖLIG ist ein komplexes Drama - eine Sammlung zufälliger Zutaten nach Ihrem eigenem Drehbuch." TV TOMORROW

"Man kann diesen Film wieder und wieder sehen - es wird nie derselbe sein." SIEHZU



Die Pressestimmen sind natürlich keineswegs irgendeiner Zeitschrift entnommen, wie spätestens die zuletzt aufgeführte vermuten läßt. Der Vorspann, dem man normalerweise Informationen über den Film oder (beim Klappentext) das Buch entnimmt (vor allem eben lobende Pressestimmen), gehört schon zur Rede der Autoren. Im akademischen Fachjargon heißt diese Ebene Paratext; hier wird sie unter der Hand zum Metatext, zu einer Reflektion des Textes über sich selbst. Denn die vorgetäuschte Presse (genauer: der deutliche Hinweis auf diese Vortäuschung) spielt an auf eine Wahrnehmungslage im Kulturbetrieb, die so nicht besteht. Es gibt gerade keine etablierten Filmzeitschriften (auch keine Literaturzeitschriften), die verwandte Phänomene im Internet zur Kenntnis nähmen und kommentierten. Indem sich der Paratext als Metatext herausstellt, offenbart sich das Lob der Presse zugleich als unverfrorenes Selbstlob der Autoren. Das Spiel beginnt, noch ehe man es vermutet, die Aaleskorte zeigt sofort, woraus sie gemacht ist: aus Witz und versteckten Aussagen

Der Zuschauer als Regisseur

Natürlich ist der Metatext auch ein bisschen Paratext und gibt Informationen über den zu erwartenden Film: "eine Sammlung zufälliger Zutaten nach Ihrem eigenem Drehbuch", die man "wieder und wieder sehen" kann, ohne dass sie dieselbe sein wird; und im Vorspann heißt es: "Drehbuch und Regie: zuschauergeneriert". Was soll das heißen?! Ist das ein Versprechen oder eine Drohung? Die nächste Seite gibt Aufklärung:

Zunächst müssen Sie Ihr Drehbuch für die Aaleskorte der Ölig zusammenstellen. Keine Angst, diese Mühe kostet Sie ganze zwanzig Mausklicks - dann startet der Film.

Die Aufgabe besteht darin, sich durch die fünf Protagonisten (Erzähler, Ölig, Hohmann, Aal, Kinder) zu klicken und damit die Perspektive zu wählen, aus der der Geschichte präsentiert wird. Hat man das Drehbuch zusammengestellt, läuft der Film - 20 Nodes, die jeweils aus einem Bild und einem kurzen Text bestehen - in nun unbeeinflussbarer Weise vor einem ab. Aber auch dies geschieht nicht automatisch. Der Zuschauer muß den Wechsel der 20 Nodes auslösen, weswegen der 'Film' durchaus kürzer oder länger als die angegebenen 5 Minuten dauern kann.

Das Verfahren der Wahl ist einfach, seine Durchführung weniger; es wird nicht klar, nach welchen Kriterien man entscheiden soll. Einzige Anhaltspunkte sind die wechselnden Sprüche unter den Fotos der Protagonisten, deren Bedeutung für das Ganze allerdings nicht erkennbar sind. Nun, die Enttäuschung hält sich in Grenzen; man bleibt gespannt, worauf die Sache hinaus will, denn die Untertitel sind in der Art von Head Lines formuliert, die jede Menge schrecklicher Geschichten versprechen:


"Hohmann gibt den Aal preis."
"Die Ölig und ihre störrische Sucht."
"Die Ölig vergibt die Lizenz zum Töten."
"Der Erzähler packt Angst mit in die Tüte."
"Der Aal riecht das Geschlecht des Schlächters."

Eine banale Geschichte

Und worum geht es? Um es kurz und platt zu sagen: die 20 Szenen berichten mit skurrilen Texten und Bildern von der Tötung und dem Verkauf eines Aals. Die erste Szene stellt die Hauptfigur vor. Die Assoziationen von High Society und Etiketten, die Bild und Text vermitteln, bestätigt Node zwei der Default-Variante (also der Erzählerperspektive) keineswegs. Dort steht unter einer nicht fotogenen Ölig ein nicht salonfähiger Satz:


Ihr After hustet den Atem verrottender Gedärme
in Kindergesichtshöhe.
Vermutlich ein Problem der Ernährung.

Die weiteren 18 Szenen berichten vom Besuch der Ölig auf dem Fischmarkt, von der Tötung des Aals, vom schlechten Gewissen, das die Ölig dabei beschleicht, und von ihrer Heimfahrt. Hat man alle Texte der Erzählerperspektive gelesen, ist man ratlos. Was soll man anfangen mit dieser banalen Geschichte?

Die Autoren sahen das voraus und konfrontieren ihre Leser nun mit folgendem Angebot:

- THE END -

...andererseits: Es liegen 6,9 Milliarden Versionen der Aaleskorte bereit, die darauf warten, von Ihnen abgedreht zu werden.

Sollte Ihnen noch einiges rätselhaft oder unklar geblieben sein, empfehlen wir eine Neuverfilmung des Plots. Sie werden den Film mit anderen Augen betrachten und immer mehr Licht in´s Dunkel bringen.

Also los, es gibt noch viel zu entdecken!
Ab zur Neuverfilmung der Aaleskorte



Publikumsverspottung

Dieses Angebot ist der eigentliche Gag, und es ist eine Zumutung, nicht nur wegen des ruppigen Tones im letzten Satz. Hier wird der Leser verspottet, wenn ihm mehr Erfolg bei ausdauernder Aufmerksamkeit versprochen wird. Was heißt denn das: "sollte Ihnen noch etwas unklar geblieben sein"?! Als wäre das Ganze nicht darauf angelegt! Man nehme nur die Hochstapelei der Wörter. Man nehme die Fotos, die oft keinerlei Zusammenhang mit ihrem Text erkennen lassen. Oder man nehme die Abbildungen der Ölig, die jeweils verschiedene Personen zeigen. Das ganze Werk basiert auf absichtlicher Täuschung und Verwirrung. Was soll es da helfen, 6,9 Milliarden Mal durch den Text zu gehen?!

Bedenkt man das Angebot der Perspektivenvielfalt, wird schnell klar, dass die Autoren nur auf Betrug aus sein können. Sie versprechen, die Neuverfilmung werde einen die Sache mit neuen Augen sehen lassen und "immer mehr Licht in's Dunkel bringen". Woher wollen sie das wissen, da sie ihr Publikum auf Lesewege schicken, die sie selbst nie gegangen sind? Die Leser mögen nach dem ersten Durchlauf beginnen, das Textgeflecht in seinen verschiedenen Varianten zu rezipieren. Werden sie damit etwas ent-decken, was zuvor im Text versteckt wurde? Niemand kann all die Möglichkeiten vorwegnehmen, die sich rein rechnerisch als Navigationsoptionen ergeben. Die Autoren haben keine Kombinationen angelegt, die immer mehr Licht ins Dunkel bringen könnten, sondern mechanisch einen Perspektivenreichtum kreieren lassen, der sich in seiner Übertreibung erschöpft. Sie bieten den Lesern Texte an, die sie selbst nie gelesen haben. Im gleichen Moment, da sie ihre Leser ermuntern bei ihnen zu bleiben, verraten sie ihre Funktion als Autor und verlassen das Schiff.

So scheint alles nur ein Witz zu sein, ein Spiel mit dem Leser, und das fing ja schon im Paratext an, mit den gefälschten Pressestimmen. Also steht unser Urteil fest? Ein gelungener Streich mittels JavaScript und einer aufgepeppten Sprache, der durch eine pfiffige Idee und ein multimediales Outfit die Preisrichter vorschnell für sich einnehmen konnte. Wer diese unsere Vermutung teilt, hat hier das Ende der Rezension erreicht. Wer meint, da müsse mehr zu holen sein, folge uns zur Neuverfilmung.