Linguistische Hochstapelei

Es beginnt mit dem Titel Die Aaleskorte der Ölig. Ein Genetiv, der um so stärker im Kopf umgeht, als man nicht weiß, was eine Aaleskorte ist. Man weiß nicht einmal, ob hier ein Genitivus objectivus oder Genitivus subjectivus vorliegt. Schwimmt die Ölig, eskortiert von Aalen, durch den See? Eskortiert sie den Aal, im Wasser, auf dem Land? Und dann der Name: Ölig! Klingt da >Öl< mit? Spielt dies auf eine tiefere Verbindung zum Aal, diesem öligen Fisch, an? Der Titel sagt einem nichts und ist doch voller Versprechen. Es gibt Titel, die mit aufdringlichen Worten nach Aufmerksamkeit schreien: "Mord im Morgengrauen" etwa, wo nur die Präposition sich zurückhält. Bei "Die Aalskorte der Ölig" ist es die Geste des Ungreifbaren, die weit nachhaltiger Aufmerksamkeit erregt als alle aufdringliche Rede von Sex and Crime.

Dies ist das Verfahren der Autoren: Sie schaffen Aufmerksamkeit durch Unbestimmtheiten und sprachliche Auffälligkeiten. Die Sätze in der Drehbuchabteilung - diese zum Großteil im Stile des "Mord im Morgengrauen" - sind voll davon. Ein Beispiel ist der vielsagende Spruch "Der Erzähler beobachtet die Zuschauer" (Erzähler/7). Hier mag man wieder einen Metatext vermuten, eine Spiegelung der Beobachtung, ein Auge auf der Leinwand, das zurückblickt, wie man es vom Kino kennt. In diesem Falle vielleicht sogar eine interaktive Sache, bei der das Verhalten des Zuschauers ausgewertet wird.

Was sich in der zugehörigen Szene dahinter verbirgt, ist jedoch alles andere als das: "Die Kinder aus der Siedlung sitzen um den Eimer herum und johlen, wenn sich was bewegt", heißt es wahr, aber banal in der Erzählerperspektive. Auch der Spruch "Der Erzähler schreitet zur Hinrichtung" (Erzähler/8) ist sachlich korrekt und Lüge zugleich: der Erzähler vollzieht weder die Hinrichtung, noch wird er hingerichtet, er tritt ('schreitet') einfach an den Tisch, auf dem der Aal getötet wird. Das gleiche gilt für den Spruch "Die Ölig sieht der Hinrichtung entgegen." (Ölig/11), was stimmt, insofern man ans Dativobjekt >Hinrichtung< das Genetivobjekt >des Aales< anfügt und >Hinrichtung< durch >Tötung< ersetzt sowie >entgegensehen< durch >erwarten<. Ein anderes Beispiel gesuchter Auffälligkeiten ist der Regietrick, Hohmann das grammatische Geschlecht des Aales und des Fingers verfehlen und immer von die Aal und die Finger sprechen zu lassen.