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Assoziations-Blaster
Alvar Freudes und Dragan Espenschieds Schreibprojekt
Höher, weiter, tiefer - Nutella und das Sein.
Ein Leseprotokoll mit philosophischen Assoziationen

von Roberto Simanowski

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Abstract - Interview

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1. Interaktion

Interaktion ist in, Multimedialität scheint zunächst an Boden verloren zu haben. Die Moralisten der Netzgemeinde haben die Argumente auf ihrer Seite: die Geburt des Netzes erfolgte zwar nicht aus dem Geiste des Dialogs, aber das Netz schrieb bald diesen auf seine Fahnen und proklamierte, anders zu sein als all die anderen elektronischen Medien: nicht Einbahnstraße für Couchpotatos, sondern interaktiv; sichtbarstes Zeichen dafür: der Link. Die Navigationsalternativen der Nonlinearität (oder Multi-Linearität) wurden als Befreiung der Leser vom Despotismus des Schreibers ausgegeben. Man feierte den Tod des Autors, allen voran die Autoren selbst. Später entdeckte man, dass die Autoren Wiedergänger sind und, wie alle Wiedergänger, sogar mehr Macht besitzen denn als Lebende: nun kontrollierten sie sogar noch die Assoziationen ihrer Leser, indem sie durch den Link Assoziationsstränge markierten, vorgaben, aufdrängten. Die Assoziation wurde mechanisiert, sie huldigte dem Gott Link; dessen Meister aber war der Autor.

Alvar Freudes und Dragan Espenschieds Schreibprojekt Assoziations-Blaster ist die Antwort auf das Dilemma. Das hat die Jury des Ettlinger Intenet-Literaturwettbewerbs mit einem Preis quittiert, denn das ist, wie Michael Charlier in der Laudatio betont:

nicht nur einfach eine lustige Idee, sie ist auch in hohem Maße "webgemäß" Jeder der des Weges vorbei kommt, kann sich beteiligen, gibt "seine 2 cent", wie es im Netz heißt, dazu. Aber auch nicht mehr. Kein einzelner kann den Kurs bestimmen und eine Tendenz vorgeben, das Projekt führt sein vom Entwerfer nur im Umriss skizziertes Eigenleben und entwickelt hier und da geradezu hinterhältigen Eigensinn

In diesem von jedem Internetsurfer erweiterbaren Text-Netzwerk ("net.art / Netzkultur-Projekt", heißt es im Content-Tag der Source) ist zwar die Produktion von Assoziationen durch Verlinkung auf die Spitze getrieben, aber der Meister des Links ist nicht mehr der Autor bzw. die Autoren, sondern ein Connectionmaker im Hintergrund, der selbst keine anderen Assoziationen hat als die, auf die er programmiert wurde. Wie funktioniert das genau?

"Der Assoziations-Blaster ist ein interaktives Textnetzwerk, in dem sich alle eingetragenen Texte automatisch miteinander verlinken", so heißt es in der Selbstbeschreibung. Er ist eine riesige Datenbank, die eine Liste von Stichworten verwaltet, sowie die Texte der verschiedenen Autoren, die diesen Stichworten zugeordnet sind (man schreibt einen neuen Text immer zu dem Stichwort des gerade geöffneten Textes. Weist der neu eingegebene Text Worte auf, die schon als Stichworte registriert sind, verwandeln sich diese Worte in Links zu jenen Texten, die diesen Stichwörtern jeweils zugeordnet sind.  

Es handelt sich hierbei zwar um zwangsläufige, aber zugleich 'flüssige Links', die kaum länger als einen Augenblick halten, weil per Zufallsgenerator immer wieder zu einem anderen Text aus derselben Rubrik gelinkt wird. Wer da die Zurück-Taste drückt, um nun etwa dem zuvor vernachlässigten Link zu folgen, wird also nicht auf den soeben verlassenen Text stoßen, sondern auf einen anderen, der dem gleichen Stichwort zugeordnet ist. Und wer nun Vorwärts drückt, findet nicht mehr den soeben verlassenen Text, sondern wieder einen anderen aus der Rubrik des gleichen Stichworts. 

Der Assoziations-Blaster lässt offenbar nichts zu wünschen übrig, was Interaktivität, Intertextualität und offene Linkstruktur betrifft. Jan Ulrich Hasecke nennt ihn am 12. 10. 1999 in der Mailingliste Netzliteratur zu Recht ein gelungenes Beispiel für offene Netzliteratur: indem Freude und Espenschied das Projekt konzeptionell auf dem Thema Verlinkung aufbauen und diese automatisch vorgenommen wird, "greifen die beiden eine zentrale Funktion des Netzes auf und spielen damit."  

Das heisst allerdings nicht, dass man nun die Wiedergänger los wäre. Zwar setzt das Programm die Links, aber wer diesem die Stichworte eingibt, sorgt letztlich auch für die Verlinkung. Und wer gibt die Stichworte ein? Der in der Autorhierarchie schon etwas gestiegen ist: "Gibt es kein passendes Stichwort, muß ein neues in die Datenbank eingetragen werden. Das ist allen Teilnehmern möglich, sobald sie ein paar Texte in den Assoziations-Blaster getippt haben." Im Grunde ist es wie im richtigen Leben: wer schon eine Weile da ist, darf irgendwann die Regeln vorgeben, nach denen andere sich verhalten, philosophieren oder eben assoziieren sollen.  

Wer schon eine Weile da ist, kennt freilich auch die Regeln und weiss, sie für sich arbeiten zu lassen: "Assoziations-Blaster-Profis, die schon ein paar Stichworte kennen, können versuchen, ihre Texte so zu formulieren, daß möglichst viele Stichworte darin vorkommen und diese somit in Links umgewandelt werden. Dadurch erhöht sich die Assoziationskraft des Blasters" - und, so möchte man hinzufügen, es erhöht sich die Einschaltquote für den eigenen Beitrag. Aber diese Eitelkeit des Schreibenden muss man gar nicht unterstellen, um hier ein Problem zu sehen. Schon das implizierte Ziel der erhöhten Assoziationskraft an sich ist fragwürdig. Warum soll man dies eigentlich anstreben? Weil alles mit allem zusammenhängt? Oder nur, damit das Projekt, das nun einmal auf Assoziation basiert, wächst und gedeiht? Aber zu welchem Preis?!  

Was passiert zB., wenn die Worte oder oder nicht, und und aber zum Stichwort erhoben werden, wie es tatsächlich der Fall ist! Welche Assoziations-Seriosität besitzen nicht und oder?! Bei sein und ich, ebenfalls prominente Stichworte, ist die Sache aus einer philosophischen Perspektive klarer. Hinter dem ersten aller Personalpronomen und dem Infinitiv des wichtigstens Hilfsverbs stehen Welten. Aber die Konjunktionen aber oder und?! Nun, irgendwie sieht das alles nach dem doch recht fragwürdigen Leistungsprinzip des Schneller-Höher-Weiter im Gewand der Informationsgesellschaft aus. Oder ist dieses Prinzip in der Informationsgesellschaft gar nicht mehr fragwürdig? 

Freude und Espenschied sind natürlich zunächst einmal stolz auf ihr technisches Meisterwerk und deklarieren selbstbewusst: "Alle eingegebenen Texte werden automatisch miteinander verlinkt und es entsteht durch das Wunder der Automation endlich das Informationsnetzwerk, von dem viele dachten das WWW wäre es bereits." Der Name Vannever Bush taucht in der Selbstbeschreibung nicht auf, aber Eingeweihte wissen, dass sich Freude und Espenschied hier in dessem Dienste sehen und das Vermächtnis erfüllen, das dieser mit seinen 1945 veröffentlichten Artikel "As we may think" hinterließ. Da hilft den beiden Organisatoren auch die Ironie nicht, hinter der sie sich verstecken. Sie verbinden mit dem Projekt durchaus einen hohen philosophischen Anspruch, den man so ernst nehmen muss, wie Bush's Apparat der Memotechnik. Es geht, so die Selbstbeschreibung, dem Assoziations-Blaster nicht um Assoziation und Interaktivität um der Assoziation und Interaktivität willen, sondern, ach die Deutschen, noch immer um die Erkenntnis dessen, was die Dinge im Innersten zusammenhält: "Dadurch entsteht eine endlose Kette von Assoziationen, die dem Zusammenhalt der Dinge schlechthin auf die Spur zu kommen vermag." Das also ist des Pudels Kern: nicht Philosophie und Religion muss man studieren, sondern Informatik. Die Tiefe liegt im Mehr. 

Über das intendierte Verhältnis von Quantität und Qualität wird man sich allerdings sogleich wieder unsicher, wenn man die Maske für den eigenen Beitrag anschaut. Hier erhält man einen Kommentar - von "sehr mager" über "oberflächlich" und "interessant" bis zu "literarisch" -, der auf der Menge des eingegebenen Textes basiert. Dieses Urteil nach der Logik einer Kaffeemaschine (mehr Wasser = höherer Eichstrich) führt freilich zu den seltsamsten Konstellationen zwischen Input und Beurteilung, wie zwei Screenshots zeigen.

 

Die bla-bla-Fraktion siegt vor Descartes. Keine Chance also für Denker? Es könnte sich um Ironie handeln. Inwiefern? Weil die meisten Experimente in der Welt der digitalen Literatur letztlich zu dieser Zuflucht suchen. Manchmal aus Überzeugung, manchmal aus Mängeln in der Umsetzung des eigenen Konzepts. Begeben wir uns also in den Text.

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