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2. Lesespur

Mein Vorurteil schien sich zu bestätigen, als ich auf eine Menge Texte stieß, die so aussagekräftig waren, dass einem gar nichts anderes übrig blieb, als in eigene Assoziationen zu fliehen. Von "So ist es" zu ist zu "jörg hat gesagt ich soll dir was schreiben, aber ich habe keine ahnung was!" zu aber. Dann traf ich auf Matzes Eintrag zu und:

 

»und« welch sinniges wort wurde da einst erfunden, woher kommt es?? um zu zeigen das man nicht allein ist, war; um zu zeigen das man mehrere sachen eingekauft hat um total auszuflippen? nein es ista_ER;vjilqeuasdcäpafe

Da saß ich nun mit einer unleserlichen Buchstabenfolge und wusste nicht den Code. Und dabei fing der Text so klug an (und als Symbol seiner Nichteinzigartigkeit und dafür, dass man nicht vom Brot allein lebt), dass ich glaubte, im Geheimwort die schon lang gesuchte Wahrheit vermuten zu dürfen. Keine Frage, ich hatte die Bedeutung von und als Assoziationssubjekt unterschätzt. Es sorgt nicht nur für viele Verbindungen, es regt auch zu philosophischen Überlegungen an. Zuversichtlich geworden, ließ ich mich in meiner Navigation forthin von Pronomen und Partikeln leiten.  

In Tannas Äusserung zu Sie - "Sie sieht mich einfach nicht" (es gibt keinen Punkt, als wäre sich Tanna selbst nicht sicher gewesen, ob der Satz so schon abgeschlossen werden könne) - klickte ich statt auf Sie auf nicht und erhielt einen Eintrag von S:  

Aber »Abeund »und« oder »oder« machen »machen« zu »zu«.

Ich konnte nicht erkennen, wie die Rechnung aufgehen sollte. Der einzige Sinn hier schien die Trefferquote an Assoziationslinks zu sein; sobald S. in die Reihe der Stichwortgeber aufgenommen ist und auch zu plaziert hat, wird sie 100 % betragen. Ich stieß über Zurück auf eine andere Assoziation (von Smiley) zu Nicht:

Nicht Leben ist gleich tot sein, also lebt euer Leben!!!

Dieser Satz war im Vergleich eine so leichte Rechnung wie 1 ist ungleich 2, und auch sonst, durch seine Rhetorik der Lebensphilosophie und sein aufklärerisches Engagement, ganz anders als die grammatische Verspieltheit zuvor. Bemerkenswert hier war v.a., dass tot bisher (wir schreiben den 15 Oktober 99) mit keiner Assoziation verbunden wurde. Leben ist da freilich besser dran; auch sein sagt uns mehr. Ich wagte, viel zu hoffen, und erwartete hinter sein entweder Descartes - in naheliegender Modifikation: "Ich poste, also bin ich" - oder die Eröffnung des berühmten Hamletdialogs. Statt dessen erhielt ich Friedels kryptische Anzüglichkeit:

Ich zeigte ihm meins, er zeigte mir seins, dann gerieten beide irgendwie ineinander.

Das Ich liess mir freilich noch Hoffnung. Vielleicht war Descartes hier zu haben, oder irgend etwas anderes Existentielles mit Ich. Diemal wurde ich nicht enttäuscht. Es gibt jemanden, der assoziierte, wie ich es mir wünschte. Nulle heisst er, und er schrieb:  

du
wir
selbst
ego
wer sonst

Ich folgte begierig dem wir und stieß auf Hellkeeper. Und: ja!!!!! Da war er, der lang assozierte Satz, er stand inmitten einer langen Reflexion, deren erste beiden Zeilen (Ich lebe!/Lebe ich?) mir schon zeigten, dass ich hier fündig werden würde. Und er stand sogar im Original da: "Ich denke also bin ich." In diesem vergleichsweise langen Text ist fast jedes Wort unterstrichen. Jedes ich zumal, jedes wir, lieben, leiden, Sinn. Ebenso ist keine Lieblingsfrage der Philosophie ausgelasssen. Wer sich ein Urteil bilden will, klicke hier.

Ich wagte Sinn und wurde nicht enttäuscht. Meridian wusste folgendes:

Die Idee des Sinns ist unergründlich, ich selbst suchte ihn schon lange, bis ich ihn verlohr [sic]. Alles ist Sinn und doch auch garnichts zugleich. Die Suche nach Sein ist Sinn nur ist es unmöglich etwas zu finden!!

Auch hier war fast alles unterstrichen. Ich folgte dem ersten Sinn und erhielt durch Gerhard nun in der Tat einiges zu denken:  

Durchschnittlicher Sinn erhebt sich über weite Strecken konstitutionell bedingter Unlust.

Ich beließ es erst einmal dabei, folgte wieder Sinn und stieß auf folgenden Eintrag von Gerald:

 Wohin, wohin? Zu Sinn!

Hier gab es kein Entrinnen vor dem Sinn; und auch diesmal äußerte sich ein Freund der Philosophie, Dragan, einer der Projektmanager selbst:

 

»Das macht keinen Sinn« ergibt keinen Sinn. Ich weiß nicht, warum es einen Sinn machen sollte, aber ich habe eine Idee, warum es Sinn macht.

 

Die Idee selbst erhält man vorerst nicht, dafür eine Menge Links - fasst jedes Wort ist unterstrichen -, um weiterzusuchen. Ich hoffte auf eine mentalitätsphilosophische Begründung des amerikanischen "make sense" und des deutschen "es hat Sinn", hatte aber keine Ahnung, hinter welchem Link ich diese Assoziation vermuten sollte, klickte auf Idee und erhielt, vom Entropisten, gleich einen ganzen Pool:

Was ist eine Idee? Die Idee ist ein Prozeß, der aufs engste mit dem verbunden ist, was ich für eine der wichtigsten Facetten des menschlichen Wesens halte.

Nämlich mit dem Vermögen, Dinge aus der Welt der Vorstellungen durch Kreativität in die materielle Welt zu übertragen. Denn vielleicht gibt es einen Pool der ungedachten Gedanken, der alle Schöpfungen des Menschen also Musik, Erfindungen, mathematische Beweise usw. schon enthält, bevor je ein Mensch daran gedacht hat. Doch die Idee, der kreative Prozeß läßt durch den Menschen die Gedanken Wirklichkeit werden und bereichert so die Welt.

Ich betätigte die Back-Funktion und stieß auf Freudianas Äußerung zum Sinn:

Der Sinn macht sich niemals selbst, auch »es« kann das nicht. Oder vielleicht doch? Was ist »ES«, das wir so gerne für den Sinnverantwortlich machen wollen? Ist es das Es in uns selbst? Der Sinn ergibt sich also? Wem ergibt er sich? Dem Es natürlich, der Rumpelkammer der Seele. Dort findet man nicht nur Spielsachen und Geschichten, dort wird auch der Sinn gemacht. Selbst wenn er nur Un-Sinn ist. »Es« ist also stärker als »Ich«.

Nun, das war schon recht dicht am Ausgangssatz dran. Die Kreation des Sinns wurde mit Freud aus dem Es heraus erklärt (verbotener Keller wäre wohl genauer gewesen als Rumpelkammer, auch vermisste ich eine Aussage zur Rolle des Über-Ich bei der Konstituierung von Sinn). Und hier zögerte ich: sollte ich den Link Ich betätigen oder auf den Link neben der Titelleiste klicken, um einem anderen Eintrag zu Sinn zu erhalten. Ich tat letzteres. Das Ergebnis las ich als Kommentar auf die zu kompliziert werdende Materie. Guido äußerte sich wie folgt über Sinn:

»Zuviel Nerv, zuviel Nerv, gib mir Energie. Zuviel Nerv, zuviel Nerv, oh woman rescue meeeee.«
Frei nach Trio.

Hier blieb meine Assoziation am Kommentar des Kommentars hängen. Wieso "frei" nach Trio? War es nicht wortwörtlich? Das interessierte mich nun. Ich stand auf, lief ins Nachbarzimmer, kramte, fand und legte die Scheibe auf. Oh ja, das waren noch Zeiten. Wann war das eigentlich rausgekommen? Und wir ging dieser irre Song von sweet Sabine oder wie das hieß? Und natürlich "ich lieb mich nicht, du liebst mich nicht", ja, ja, ja! 

Es wurde spät. Mein Computer hatte die Verbindung zum Netz längst beendet, ich ließ es für heute dabei. Vor dem Schlafen aber ging mir alles mögliche durch den Kopf: Trio, das Unbewusste, Descartes, Ophelia, Swimmingpool, Friedhof, Kohleofen und Lagerfeuer…  

War es ein Traum, als ich dann auch Hamlet noch traf, nicht unter Sein, wo ich ihn vermutete, sonder unter Ist? Dort gab mir Holger Blaschka den ganzen Satz im deutschen Original:

Sein oder nicht sein - das ist hier die Frage.

Die Zuordnung gab mir freilich zu denken. In der Tat, warum hatte ich den Ausspruch unter Sein erwartet und nicht unter ist, dem Gegenspieler im Satz! Und plötzlich sah ich es auch so: das >ist<, nicht das >oder< ist Hamlets wirkliches Problem, denn das >ist< macht erst die Rechnung auf. Man setze die Verneinung ein seine Stelle und man wird erkennen, wie leicht es Hamlet hätte haben können. Wie dem auch sei, als ich nun der Seins-Spur folgte, taf ich auf Benjamins Bemerkung:

Sein wir mal ehrlich: das Dasein ohne Nutella wäre elend.

Die amüsierte mich erheblich, denn es erweckte Assoziationen, die ganz dem jungen Diskurs des Mediums entstammen. Ich musste an Jürgen Daibers und Jochen Metzgers "Trost der Bilder" denken, wo anfangs die These von der Trostlosigkeit des Daseins aufgestellt wird, in deren Begründung Nutella eine wichtige Rolle spielt: "Das Brot fällt mit der Nutella-Seite voraus in den Dreck, die schönen Frauen und Männer sind in Begleitung, die Zeit vergeht und Sie werden sterben."

In Benjamins Satz erhielt ich auf Sein, wenn ich mich recht erinnere, Nicos Sentenz:

 Es seinte sich ein Plöpp.

Und ich weiss noch, wie mich das Wort seinte verwirrte, was auch der Blick in den Duden nicht besser machte. So nahm ich Zuflucht zu ein. Meine Verwirrung minderte sich jedoch nicht, als ich Captain Kirks Beitrag las

Literarisch sehr tiegreifend geschildert. Reich-Ranizky wäre sicher stolz auf den Verfasser dieser tief bewegenden Worte.

Nirgendwo war das Wort ein zu entdecken. Hatte ich das Verlinkungsprinzip doch noch nicht verstanden?! Dafür der Literaturpapst! Und ich fragte mich, wann dieser jemals ein Exempel der digitalen Literatur in sein Quartett aufnehmen würde und was er wohl über die gedankliche und sprachliche Qualität des Assoziations-Blasters sagen würde. Und wenn ich mich recht erinnere, hatte ich ihn sogar angerufen und gefragt, mit welchen Maßstäben er sich solchen völlig anders konzipierten Werken nähern würde. An seine Antwort kann ich mich nicht entsinnen. Es kam mir wohl der Wecker dazwischen.

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