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3. Nachbetrachtung 

In einem Eintrag zum Stichwort Assoziationsblaster erkennt pcb (sic!) philosphische Qualitäten im Projekt:

 

Ich denke nicht, daß der Assoziationsblaster unbedingt irgendwann das gesamte Wissen der ganzen Welt beinhalten muß. Dafür haben wir den Rest vom Internet und Suchmaschinen.  

Aber ich finde es sehr interessant, die Gedankengänge der anderen User zu lesen. Ich entdecke viele neue Ideen. Das hat ja fast schon philosophische Qualitäten!

 

Ich bin mir nicht ganz sicher. Vielleicht nimmt pcb die Sache zu ernst. Man kann, indem man die entsprechende URL eingibt, zwar auch externe Texte in die Verlinkung einbeziehen und somit in der Tat allmählich Verbindungen zum gesamten Wissen der, nun, sagen wir Online-Welt aufbauen. Aber ob man damit dem Stein der Weisen schon irgendwie näher kommt? Die Anleitung unter der entsprechenden Maske beharrt mit ihrer Formulierung jedenfalls nicht mehr auf diesem Anspruch:

Zwinge fremde Websites zur Teilnahme am Assoziations-Blaster!
Gib einfach die URL der zu unterwerfenden Site ein

Ein Eintrag zum Stichwort >oder< bezeichnet das Wesen dieses Projekts schon genauer, obgleich auch hier noch seltsame Freiheitsphantasien mitschwingen:

Ohne Sinn. Aber das hier macht echt Spass. Ich produziere zwar Einträge ohne intellektuellen Wert, aber dafür schreibe ich, was ich denke! Das ist sehr wichtig, wie ich finde.

Vielleicht liegt der tiefere Sinn gerade im Spiel. Ungefähr so wie in Jean Pauls Konzept vom Witz als "verkleideter Priester, der jedes Paar kopuliert", und zugleich "ohne wahre Verbindung" ist, der das Gemeinsame im Verschiedenen aufzeigt, Verbindungen knüpft und wieder zerreisst. Das ethische Ziel lag dort in der Entautomatisierung von Wahrnehmung, in der Dekonstruktion von Stereotypen. Im Konzept des "gelehrten Witzes", der alle sozialen und ethnischen Wissensbereiche der Welt zusammenbringt, kam dem noch der kosmopolitische Akzent hinzu. Ist der Assoziations-Blaster in ähnlicher Weise mit Bedeutung aufladbar wie Jean Pauls Spiel des Witzes? 

Dagegen spricht zunächst einmal der letzte Satz in der Vorstellung des Projekts: "Das wars und dabei bleibts." Das ist zwar von sympathischer Ruppigkeit, tut dem Ganzen aber keinen guten Dienst, denn wie kann man mit einem solchen Satz ein Projekt unterschreiben, das selbst auf Veränderung angelegt ist. "Nichts bleibt wie es war", wäre der angemessenere 'Schluss'satz für eine Philosophie der unendlichen Assoziation gewesen. Aber gut, wollen wir noch einmal die Ironie als Retter erlauben und annehmen, dass dieser im Ton der Unerschütterlichkeit daherkommende Satz gar nichts anderes aussagen kann als sein Gegenteil. 

Das schwerere Argument gegen eine Analogie zu Jean Pauls Witz liegt im Konzept selbst: die Assoziationen werden im Blaster nach dem Lexemstamm vorgenommen, sie berufen sich also auf eine verbriefte morphologische Gemeinsamkeit, die inhaltlich weder bestätigt noch in Frage gestellt wird, denn dies kann die Maschine nicht, jedenfalls nicht diese. Konzeptionell käme der Assoziations-Blaster den wilden Verbindungen des Jean Paulschen Witzes vielleicht dann nahe, wenn er das offenbar nicht Gemeinsame verbinden und dessen versteckte, absurde, für einen Moment behauptbare Gemeinsamkeit anzeigen würde. Aber dies kann, wenn es wirklich sinnvoll sein soll, eben keine Maschine leisten, dies verlangt menschliche Intelligenz.  

Und die wäre durchaus da: die Autoren selbst könnten solche Verbindungen produzieren, sie könnten Assoziation zwischen und und ich programmieren oder zwischen Sein und Nutella. Aber dann wären sie die Wiedergänger, von denen anfangs die Rede war, und die wollten Freude und Espenschied gerade vermeiden. So dürfen die Autoren, statt seltsame Verbindungen zu kreieren, nur Stichworte nennen, innerhalb derer die Maschine nach dem verbrieften Ordnungsprinzip Verbindungen erstellt, die nicht unerwartet und auch nicht sehr aufregend sind: und zu und und ich zu ich.  

Aufmerksame Leser werden hier einwenden, dass eine Verbindung zwischen Sein und Nutella, wie oben gesehen, durchaus gezogen wird. Das stimmt, aber gerade jenes Beispiel zeigt, dass dies nicht im Rahmen der Maschine bzw. des Programms geschieht, sondern durch einen Autor innerhalb eines linearen Satzes, also in ganz traditioneller Manier, die weder das Internet, noch die kollektive Autorschaft benötigt. 

Ein anderer Einwand wäre, dass mich meine eigenen Assoziationen auf eine falsche Fährte geführt haben. Warum sollen die produzierten Verbindungen die Geste des Jean Paulschen Witzes wiederholen? Dies setzte eine Disziplin der Autoren voraus, die hier kaum zu haben ist. Links zwischen Sein und Nutella etwa bedingen, dass der Nutella-Text auch wirklich den Seins-Aspekt des berühmten Brotaufstrichs aufzeigt. Das ist zunächst nicht unmöglich und Jean Paul hätte die Aufgabe gewiss mit Bravour gelöst. Aber wer will bei einem derart offenen Interaktionsspiel schon seine Hand für alle Beteiligten ins Feuer legen! Eine kleine Gruppe von Autoren wäre da wohl weit verlässlicher.  

Um eine Gruppe Auserwählter geht es in diesem Projekt aber gerade nicht. Freude und Espenschied lassen daran keinen Zweifel, wenn sie in der Erklärung ihres Konzepts auf Tim Berners-Lees ursprüngliche HTML-Konzeption verweisen: "Ich wollte, daß jeder im Netz Daten nicht nur lesen, sondern auch verändern oder ergänzen kann". Genau dies leistet der Assoziations-Blaster. Genau so ist der in der Einleitung wiederholt gegebene Verweis auf die Mahnung Trons im gleichnamigen Computer-Film von 1981 zu verstehen: "Die Entscheidung liegt bei uns, den Usern." Und die Entscheidung ist: die User zusammenzubringen. Es geht, das scheint nun klar, doch nicht darum, "dem Zusammenhalt der Dinge schlechthin auf die Spur zu kommen". Das Maximum an Interaktion steht über der Qualität der Assoziation.  

Und hier haben wir im Grunde den 'internetionalisierten' Jean Paul: Der Witz besteht nicht darin, Assoziationen zwischen den verschiedensten Begriffen zu erstellen, sondern eine Assoziation der verschiedensten Autoren zu schaffen. Der Assoziations-Blaster selbst ist diese association, in der die Autoren an die Stelle der Begriffe treten und eine Einheit des Verschiedensten bilden. Und der Unterschied der hier vereinten Autoren könnte nicht größer sein, wenn dem einen zu ist "Was ist ist was nicht ist ist möglich (Einstürzende Neubauten)" einfällt und dem anderen "ist burtschers familie net? nein sie kommen ja vom thüringerberg. wei mein sax lehrer. ein sax schaut ca. so aus. \_". Oder wenn es zu Sein einmal heisst: "Es seinte sich ein Plöpp", ein andermal: "Sein oder nicht sein - das ist hier die Frage" (was natürlich nicht heisst, dass letztere Option die anspruchsvollere sei, vielleicht eher umgekehrt, insofern die Vermeidung des Naheliegenden das Pfiffige, das Selbstverständliche aber, wie Heiner Müller es ausdrückte, das Dumme ist).  

Damit wird das ethische Konzept Jean Pauls gewissermaßen vermenschlicht: nicht die verschiedensten ethnischen und sozialen Wissensbereiche werden zusammengeführt, sondern unmittelbar deren Vertreter. Nicht um die assoziierten Texte geht es, sondern um die assoziierten Autoren. Eine geblastete Mailinglist oder Newsgroup, könnte man sagen, deren gemeinsames Thema der Blaster selbst ist. Aus dieser Perspektive erweist sich selbst die so sachlich erscheinende Statistik zu den Stichwörtern als Spiel mit dem eigenen Projekt, das die wirklich relevante Statistik zu Alter, Herkommen, Profession und Hobbies der Autoren verschweigt.  

Nun gibt es keinen Zweifel mehr: das Ganze ist eine durch und durch ironische Geschichte, die ihren Ernst (durch "endlose Kette von Assoziationen dem Zusammenhalt der Dinge schlechthin auf die Spur zu kommen") nur vorgaukelt. Zum Glück, muss man sagen, denn in der Optik des epistemologischen Ansatzes würde das Projekt kaum überzeugen. In der Optik des Witzes aber ist es eine schöne Sache, von der man sich immer wieder mal einwickeln und zu Assoziationen anregen lässt. Wer nicht mit falschen Erwartungen herantritt, wird sich dabei durchaus amüsieren können, sei es über jenen seltsamen Satz mit der bald 100%igen Trefferquote, sei es über das Seinen des Plöpps, die Apotheose Nutellas oder über all die anderen listigen Verspieltheiten, die unter der philosophischen Unergiebigkeit einen Reichtum an Ironie und Spielfreude offenbaren und eine Respektlosigkeit im Umgang mit der Schrift und dem Schreiben, die sich in den besten Fällen als eine heitere Leichtigkeit vorstellt.

Der Erfolg des Assoziationsblasters jedenfalls - inzwischen gibt es auch eine englische Version (www.assoziations-blaster.de/english) - ist Kunde davon, dass es in Netzprojekten nicht immer, vielleicht fast nie, auf Sinnproduktion ankommt, sondern vielmehr auf das Ereignis des Vereintseins in/an einem Projekt. Im Grunde nur eine netzspezifische Fortführung dessen, was außerhalb des Netzes ohnehin vonstatten geht: Die Umstellung vom Sinn aufs Event. Dies wäre denn zugleich die nachhaltigste Assoziation, die der Assoziationsblaster hervorruft.


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