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Digitale Literatur
Begriffsbestimmung und Typologisierung

von Roberto Simanowski



Abstract - Struktur

Wovon ist die Rede, wenn von Literatur im Netz die Rede ist? Die Texte, die mit den Begriffen Netzliteratur, Elektroliteratur, Ergodic Literature, Cybertext oder Hypertext bezeichnet werden, unterscheiden sich z.T. völlig voneinander und sind oft mehr oder sogar alles andere als Text. Die Differenzen solcher 'Texte' bestehen im Hinblick auf ihre Medialität, ihre Struktur, ihre Interaktivität. Eines immerhin haben sie gemeinsam, sie liegen in digitaler Form vor - und an diesem Punkt könnte man zu einer Begriffsbestimmung ansetzen.  

Das Medium, in dem diese Literatur geschrieben wird, zeichnet sich dadurch aus, daß es nicht mehr ein bestimmtes Ausdrucksmittel verlangt oder bevorzugt wie etwa das Buch den Text und das Radio den Ton. Diese Medien basieren letzlich alle auf dem Atom und bewahren deswegen klare Grenzen zwischen einander. Das grundlegene Mittel des Computers ist der Strom. Alles muß durchs Nadelöhr des binären Codes, muß erst als An- oder Abwesenheit von Strom definiert werden. Ist dies geschehen, können die einzelnen Sprachen dann relativ einfach miteinander verbunden werden; und die verbesserte Leistungsfähigkeit der Programme und Computer ermöglicht dies inzwischen auch, ohne daß man wegen eines integrierten Videoclips einen Systemabsturz oder eine Viertelstunde Ladezeit befürchten müsste.

Und weil dieses digitale Alphabet’ der Bits und Bytes immer die erste Ebene der Darstellung ist, egal ob es sich nun um Buchstaben, Bilder oder Töne handelt, ist der Begriff Digitale Literatur ein ganz treffendes Wort für das, was es hier zu beschreiben gilt. Die Metapher hält bewußt, daß alles auf dem gleichen Grundmedium basiert. Sie macht damit die Existenzvoraussetzung zum Hauptkriterium und nicht den Existenzort, wie es etwa beim diesbezüglich zu engen Begriff Netzliteratur der Fall wäre.  

Der mit dem Begriff Digitale Literaur bezeichnete Gegenstand bleibt indes different genug. Man kann ihn in mindestens folgende Typen unterteilen: 

1. Texte, die linear strukturiert und traditionell verfaßt sind. Sie sind mit Strom geschrieben, aber sie sind nicht auf die digitale Existenzweise angewiesen. Es handelt sich um 'unechte' digitale Literatur, um Schmuggelware gewissermaßen, die das Netz allein seiner besonderen Distributionsform wegen braucht. Dieter E. Zimmer nennt diese Texte Literatur im Netz im Unterschied zur Netzliteratur, die nicht gedruckt werden kann (Text in Tüttelchen, DIE ZEIT, 7. 11. 1997).  

2. Texte, die linear angeordnet sind, die ihre Entstehung aber den elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten verdanken und somit aus produktionsästhetischer Sicht das Netz benötigen. Solche Texte sind kollaborativ verfaßte Texte, wie Beim Bäcker, bei denen jeder den bisher geschriebenen, im Web ausgestellten Text fortsetzen kann, oder Baal lebt, der per E-mail an den nächsten Autor gesandt wird, welcher nicht nur weiterschreiben, sondern das Vorgefundene auch verändern darf. Der Reiz solcher kollektiv verfaßten Texte liegt weniger in ihrer literarischen Qualität als in der abzulesenden Gruppendynamik. So ist es interessant zu beobachten, wie auf den Text des Vorgängers eingegangen wird bzw. eben nicht, wie Machtkämpfe in der weiteren Gestaltung einer etablierten Figur entbrennen, wie die meisten ihr eigenes Süppchen kochen und schließlich eine gute Seele durch einen moralischen Appell den roten Faden zu retten versucht. Aus soziologischer Perspektive, als Geschichten über das Schreiben von Geschichten, sind diese Texte durchaus spannend. 

3. Texte, die ebenfalls linear angeordnet sind, die aber unmittelbar den spezifischen Kommunikationsmöglichkeiten des digitalen Mediums entspringen. Sie sind sowohl hinsichtlich der Produktion wie der Rezeption auf die Interaktionsmöglichkeiten des Netzes angewiesen. Hierzu gehören die Rollenspiele (MUDs) und die Chatgroups. Diese Texte geben noch stärker als Typ 2 Autor- und Werkbegriff auf und zielen auf die totale Immersion des 'Rezipienten'. Obgleich somit am weitesten vom traditionellen Literaturverständnis entfernt und eher dem Spiel zugehörig, wird mitunter hier die eigentliche Zukunft der digitalen Literatur gesehen (so von Janet Murray und von Espen J. Aarseth).  

4. Texte, die eine nichtlineare Struktur aufweisen. Diese Hypertexte, wenn es sich um Literatur handelt, auch Hyperfiction genannt, eröffnen dem Leser durch die 'multi-lineare' Anordnung Alternativen der Textzusammenstellung. Die Möglichkeiten der Textgestaltung beschränken sich hier, im Gegensatz zu den Typen 2 und 3, auf dessen Zusammensetzung. Obgleich es Vorformen dieser Texte in der Printliteratur gibt, sind sie zum eigentlichen Strukturmodell des Schreibens erst im Kontext der Digitalität geworden. Die ersten Exemplare - Afternoon (1987) von Michael Joyce und Victory Garden von Stuart Mouthrop (1991) - erschienen vor der Etablierung des Netzes und wurden von Eastgate Systems auf Diskette vertrieben, was auch heute noch, und bei Eastgate unter dem Slogan serious hypertext, für einen Großteil der Texte gilt.

5. Texte, die mit Bild-, Ton- und Videoelementen versetzt sind und eine Art Gesamtkunstwerk darstellen. Sie erscheinen entweder in linearer oder in nichtlinearer Form und werden Hypermedia genannt oder, mit einem erweiterten Textbegriff, ebenfalls HT. Es handelt sich hier um den gegenwärtig vielleicht relevantestete Typ, der das hypertextuelle Erbe seines Vorgängers in die Multimedialität der neuen technischen Möglichkeiten überführt. Hierher gehören Werke wie Mark Amerikas Grammatron,die beiden Preisträger des Pegasus-Wettbewerbs 1998 - Die Aalskorte der Ölig von Dirk Günter und Frank Klötken (vgl. die Besprechung in dichtung-digital) und Trost der Bilder von Jürgen Daiber und Jochen Metzger (vgl. die Besprechung in dichtung-digital) - und Stuart Moulthrops neues Projekt The Tomb Robbers.

Es bleiben Textformen, die je nach Akzentuierung ihrer Struktur oder ihrer Entsehungsform zuzuordnen sind, wie etwa Die Säulen von Llacaan, ein kollaborativ verfaßtes Textgebilde, das zugleich hypertextuell strukturiert ist, indem es Navigationsalternativen anbietet.

Mai 1999


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