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1. Schrift und Gedächtnis

Als der ägyptische Gott Theuth zum König Thamus kam und ihm die Schrift als Geschenk mitbrachte, die die Ägypter weiser machen und ihr Gedächtnis stärken solle, widersprach dieser dem Gott: Die Schrift werde Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, denn sie werde zur Vernachlässigung des Gedächtnisses führen. (Platon, 274c-278b) 

So erzählt es Sokrates in Platons Dialog Phaidros. Schrift eigne sich allemal als Trost und Heilmittel gegen die Vergesslichkeit im Alter, bringe aber ansonsten Vergesslichkeit mit sich, denn man merkt sich gerade die Dinge nicht, die man aufschreibt, weil man sie aufgeschrieben hat. Der Alltagstest hierfür sind Geburtstage, die im Notizbuch rettlungslos verloren wären, würde man es nicht täglich aufschlagen, auf der Suche nach Dingen, die es zu erinnern gilt. Gegenbeweis ist der Spickzettel für Klassenarbeiten, auf den man dann, hat man ihn einmal zusammengestellt, oft schon verzichten kann, weil das Aufgeschriebene nun auch im Gedächtnis vorliegt. 

Sokrates führte noch etwas gegen die Schrift ins Feld: "Bedenklich, nämlich, mein Phaidros, ist darin das Schreiben und sehr verwandt der Malerei. Denn auch ihre Schöpfungen stehen da wie lebend, - doch fragst du sie etwas, herrscht würdevolles Schweigen. Genauso verhalten sich geschriebene Worte: du könntest glauben, sie sprechen wie vernünftige Wesen, - doch fragst du, lernbegierig, sie nach etwas, so melden sie immer nur eines-und-dasselbe. Und jedes Wort, das einmal geschrieben ist, treibt sich in der Welt herum, - gleichermaßen bei denen, die es verstehen, wie bei denen, die es in keiner Weise angeht, und es weiß nicht, zu wem es sprechen soll und zu wem nicht. Wird es mißhandelt oder zu Unrecht getadelt, dann bedarf es des Vaters immer als Helfers; denn selber hat es sich zu wehren oder sich zu helfen nicht die Kraft."

Das hier beklagte Schweigen der Wörter, ihre Wehrlosigkeit gegen Missverstehen, ist der Nachteil, der auf dem Vorteil beruht, denn die Ablösung der Wörter vom Vater ermöglicht ihr Überleben auch bei dessen Abwesenheit. Dieses Überleben war vor der Erfindung der Schrift nur in den Berichten der vormaligen Hörer möglich, und wie missverstanden und wehrlos Wörter da sein können, haben uns schon die Flüsterkettenspiele auf Kindergeburtstagen gelehrt. Sokrates weiss als geübter Redner, dass der Vorausblick auf den Adressaten zur Redekunst gehört, und hat deswegen seine Probleme mit der Schrift. Die Ironie liegt darin, dass sich diese Probleme uns nur in der Schrift mitteilen, zu der sich Platon, offenbar ebenfalls misstrauisch gegenüber Flüsterketten, entschied. 

Mag das geschriebene Wort auch keine Rückfragen beantworten können - und speziell im vorliegenden Fall der Platonischen Sokrates-Dialoge wüsste man gern, wessen Kind das Wort eigentlich ist -, so legt sein Schweigen doch Spuren. (1) Anders formuliert: Erst durch die Fixierung in der Schrift können Zeichen auf Zeichen bzw. Texte auf Texte antworten, womit schließlich eine Reflexivität Einzug hält, die im mündlichen Kommunikationsprozess so nicht gefordert ist. Diese Spuren führten zu einem regelrechten Stimmengewirr spätestens, seit der Buchdruck auch für die entsprechende Verbreitung 'wehrloser' Wörter sorgte, und zu dem, was heute öffentlicher Diskurs und scientific community genannt wird. 

Freilich hat das Schweigen damit kein Ende. Hinter dem Stimmengewirr steht die "Polizei des Diskurses", die mit externen und internen Mitteln die Erteilung der Sprecherlaubnis regelt. (2) Dies war mit der Etablierung der bürgerlichen Öffentlichkeit schon recht liberal, verglichen mit den Zeiten vor Luthers Bibelübersetzung etwa, aber wer den Diskursregeln nicht folgte, blieb weiterhin ausgeschlossen, und auch die Folgsamen hatten keine Garantie, die verschiedenen Zugangsbarrieren der Publikationsinstitutionen zu überwinden.

Mit dem Internet nun ist eine neue Qualität des Redens eingetreten. Die Gründung einer Online-Zeitung kostet kaum noch mehr als das Taschengeld und vollzieht sich unter Umgehung aller Zugangsbarrieren, die über Taschengeld und HTML-Programmierung (bzw. die Einarbeitung in HTML-Editoren) hinausgingen. (3) Die Folgen dieses Anarchie für den Qualitätsnachweis des Publizierten liegen auf der Hand; ebenso aber auch der demokratische Aspekt dieser Entwicklung, die das öffentliche Zur-Sprache-Kommen nicht mehr an wie auch immer legitimierte Schiedsrichter und Türsteher bindet, deren Legitimation schon aus strukturellen Gründen nie dem Makel entkommt, von einem bestimmten Standard geprägt zu sein, der wiederum auch erst legitimiert werden müsste, und so ad infinitum.

Das Internet durchbricht das Schweigen aber auch in der Hinsicht, dass das Wort wieder Fragen beantworten kann. Das ist durch Leserbriefe und Entgegnungen auf Entgegnungen (Schriften auf Schriften, Bücher auf Bücher) in gewisser Weise freilich auch in den Printmedien der Fall. Diese Praxis kann man aber nicht vergleichen mit der im Internet, wo einerseits Foren und E-Mails einen unmittelbaren Dialog zu den publizierten Beiträgen gewährleisten und durch ihre fast obligatorische Präsenz wie durch ihre einfache, unmittelbare Funktionsweise die Reaktion zum Regelfall machen, und wo zum anderen Zugriffsstatistiken den Vorausblick auf die Adressaten, den Sokrates für die mündliche Kommunikation so bezeichnend fand, wieder ermöglichen. (4)

Ist das Internet also eine Lösung jener Probleme, die Sokrates mit dem Aufkommen der Schrift sah? Oder ist es eher eine Verstärkung des Problems, wie nicht nur Philosophieprofessoren, sondern auch einige Netzaktivisten vermuten? (5) Wie verhält sich das Internet zum Erinnern? Fördert oder behindert es das kollektive Gedächtnis? Ich werde diesen Fragen im folgenden nachgehen anhand zweier Internet-Projekte, die gerade das Erinnern zu ihrem Anliegen erklären und beispielhaft deutlich machen, welche Zugangsbedingungen zu hypomnesis (griech. Erinnern) und hypomnema (griech. das, was durch seine Existenz z.B. als Schrift erinnert) im Netz bestehen und welche oralen Bestandteile eine solche schriftliche Kommunikation aufweisen kann. Zunächst jedoch eine kurze Erörterung des Zusammenhangs von digitaler Technologien und Erinnern.

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(1) Hans-Georg Gadamer verweist auf den methodischen Vorrang der Schrift gegenüber der lebendigen Rede, "sofern die Eingrabung von Spuren, wie sie die Zeichen der Schrift vor denen der verhallenden Rede voraushaben, einen Weltaspekt von eigenem Realitätsdrang repräsentiert" (10).

(2) Michel Foucault hat die Kontrolle, Organisierung und Kanalisierung der Produktion des Diskurses am prägnantesten in seiner Inauguralvorlesung am Collège de France "Die Ordnung des Diskurses erörtert". Er nennt als externe Prozeduren der Reglementierung die Tabuisierung bestimmter Gegenstände bzw. die Begrenzung der Thematisierung auf bestimmte Situationen und Sprecher ("Verknappung der sprechenden Subjekte"), als interne Prozeduren werden Klassifikations-, Anordnungs- und Verteilungsprinzipien markiert, die die Konstruktion neuer Aussagen durch "ein Bündel von Methoden, ein Korpus von als wahr angesehenen Sätzen, ein Spiel von Regeln und Definitionen, von Techniken und Instrumenten" steuern (22).

(3) Welche Konsequenzen die veränderten Zugangsbedingungen haben können, wurde klar, als Matt Drudge gegen den Willen der Medienriesen den Lewinsky-Clinton-Fall am 17. Januar 1998 auf seiner Homepage veröffentlichte und somit die etablierten Medien in Zugzwang brachte

(4) Zu den Standardangeboten der meisten Website-Provider gehören neben Zugriffsstatistiken, die ermitteln, welche Websites wie lange von wie vielen besucht wurden, Gästebücher und Foren, die jene Besucher zu einer Reaktion auf das Rezipierte ermuntern.

(5) Vgl. den Artikel "Durch das Internet verlieren wir unser Wissen" (Spiegel Online) am 28. 12. 99, der auf Walther Zimmerlis Bedenken hinweist, das Internet verringere unsere Gedächtnisleistung - "Bei auswendig gelerntem Wissen schneiden wir im Vergleich zu früheren Zeiten miserabel ab" - und mache Wissen durch notwendige Suchdienste manipulierbar. Vgl. Claudia Klinger im "Webgespräch" auf ihrer Homepage am 15. Juli (99 ?): "Wenn im Außen ein Arbeitsspeicher errichtet wird, wird der innere Datenspeicher gelöscht. Je mehr Informationen wir im Netz abrufen können, desto weniger behalten wir im Kopf. Genau wie beim Telefon: wer die Speichertasten belegt, vergißt die Nummern seiner Freunde." (http://www.snafu.de/~klinger/webgespraech)