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"23:40"
Erinnern in der Warteschleife

Roberto Simanowski

Guido Grigats "23:40" ist ein Schreibprojekt, in dem es darum geht, die 1 440 Minuten eines Tages mit Erinnerungen zu füllen. In der Einleitung und Einladung des projekts heisst es: "Welche Erinnerungen haben Sie an bestimmte Zeitpunkte? ...und die anderen? Finden Sie es heraus! Halten Sie es fest!" Rund 300 Minuten sind somit seit Oktober 1997gefüllt worden. Die meisten in der Hauptsendezeit zwischen 19 und 24 Uhr, in den späteren Nachtstunden muss man länger warten, bis zwischen den leeren Stellen einmal ein Text auftaucht. 

Ob es sich bei den Texten um Erinnerungen an eine bestimmte Minute handeln soll oder um Erinnerungen in dieser bestimmten Minute oder einfach um Erlebnisse in dieser Minute, die erst durch das Aufschreiben zum Erinnerungsstoff werden, lässt der Projektleiter offen. Klar festgelegt sind indes Umfang des eingesandten Textes und die Zugangsmöglichkeit zu ihm: nur in jener Minute des Tages, für die er geschrieben wurde, und dann natürlich nur für genaue 60 Sekunden. 

Die Konsequenzen dieses raffinierten Konzepts sind von geradezu philosophischer Tiefe:

Die Verweigerung der jederzeitigen Verfügbarkeit der Texte
Das Projekt bringt das längst vergessene Gefühl des "Glücks des Lesens" (Jan Ulrich Hasecke) zurück: Man musste lange warten, und möglicherweise seine Schlafenszeit verschieben, bis ein bestimmter Text erscheint, und man ist gut beraten, dann keine weitere Zeit beim Lesen zu verlieren (oder eben den Text runterzuladen, ehe er wieder verschwindet).

Schriftliche Kommunikation zu den Bedingungen der mündlichen
Bedeutete bisher Schrift immer eine Situationsentbindung (von der gleichen Anwesenheit von Sender und Empfänger in Zeit und Raum), so kehrt hier der zeitliche Verlautbarungsanlass zurück. Dies ermöglicht, die Rezeption eines Textes an die Zeit des Erzählten zu binden (die Beschreibung der Nachteinsamkeit liegt dann sinnvollerweise in den Nachtstunden). Die zeitliche Festlegung der Textpräsentation ermöglicht aber auch solch bemerkenswerte Dinge wie in Minute 09:19, da der gleiche Autor, der in Minute 09:18 eine Todesnachricht erhielt, nun durch eine nur drei Wort umfassenden Text seine Leser zu einer Gedenkminute veranlasst.

Verwandlung des Lesers zum Schreiber
Wie jedes Schreibprojekt lebt auch "23:40" vom Leser-Autor-Rollentausch. Allerdings wirkt dieses Projekt durch seine Verknappung der Schreibplätze wie eine Aktiengesellschaft, in der man sich rechtzeitig für die Gegenleistung eines Textes einen guten Platz zur Ausdehnung in Zeit und Raum erwirbt. Der Clou ist, dass die erschriebene Ewigkeit eine anonyme ist, denn an der Stelle der Autorennamen steht nur die genaue Uhrzeit. Dies ist freilich insofern konsequent, als die leere Minute mit ihren nicht überspringbaren 60 Sekunden ja zum Schreiben annimierte, und damit Anlass, wenn nicht gar Autor des resultierenden Textes ist (so wie John Cage Autor des Klavierstücks "4' 33''" bleibt).

Einheit von Erinnern und Vergessen
Da die Schreibplätze so begrenzt sind wie die Minuten eines Tages, läuft "23:40" auf seine Vollendung zu. Für kollaborative Schreibprojekte, die stärker prozess- als ergebnisorientiert sind, bedeutet dies zugleich den Tod. Um zu überleben muss "23:40" also 'vergessen' bzw. Erinnerungsplatz wieder freigeben. Eine Lösung dafür ist bisher nicht vorgesehen, ein Vorschlag wäre das Palimpsest, also das allmähliche Überschreiben der Texte aus dem ersten Durchlauf. Die besondere Raffinesse könnte sein, dass den neuen Texten die beschränkte Lebenszeit von 24 Stunden bis zur automatischen Löschung gegeben wird. Danach wäre die überschriebene Fläche wieder frei, allerdings noch nicht zur Neubeschreibung. Das Projekt hätte seine Richtung geändert, es würde nun auf seine völlige Leere zusteuern. Schreiben hieße jetzt Leerstellen schaffen, und somit wäre gerade die zunehmende Leere Beweis dafür, dass es genug zu erzählen gibt. Der tiefere Sinn des Paradoxes wäre die Rückkehr des Erinnerns in die Zeit vor Erfindung der Schrift: das zu Erinnernde wäre wieder auf das Gedächtnis verwiesen und überlebte im Gedächtnis all jener, die sich angesichts der weißen Stellen an die beiden darunterliegenden Texte erinnern.
 

Aber dies ist schon ein anderes Projekt. Zunächst gilt es, jene 1 440 Minuten zu füllen, und noch ist es nicht zu spät, sich seine persönliche Minute zu sichern. Wie gesagt, die Plätze sind gezählt und die Zeit läuft.

Ausführlicher zu "23:40" siehe die entsprechenden Abschnitte in "Die Ordnung des Erinnerns. Kollektives Gedächtnis und digitale Präsentation" in der Rubrik >Theorie<. 


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