www.dichtung-digital.de/Simanowski/30-Dez-99


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2. Archivierung digital

Was die Funktion des Internet bzw. der digitalen Medien allgemein als Speichermedium betrifft, so wird sowohl eine archivische Unter- wie Überfunktion konstatiert. Die archivische Unzuverlässigkeit besteht in der Manipulierbarkeit und Kurzlebigkeit der gespeicherten Daten, die archivische Überfunktion in der Übertreibung des Speicherns.

Die Manipulierbarkeit des Gespeicherten allein durch bestimmte Zugangsangebote hebt z.B. Walther Zimmerli hervor, wenn er beklagt, dass durch die Unübersichtlichkeit des gespeicherten Wissens im Internet die Unternehmen der Informationstechnologie, die sich zwischen Wissen und 'Verbraucher' stellen, immer mehr Macht, auch zur Manipulierung des Wissenszugangs, erhielten. (Spiegel Online) Dieser Einwand ist so einsichtig wie irreführend, denn er beklagt im Grunde v.a., dass die traditionellen Unternehmen der Informationverwaltung und -steuerung - Printmedien, Schulen und das Examen -, ihre gut zweihundert Jahre alte Vormacht endgültig an eher kommerziell als ideologisch interessierte Medien verlieren. (1)

Das Paradigma des Kommerzes, das eine Ideologie der Unterhaltung ist, (2) ist freilich keine bessere Alternative. Und wenn man auf Zimmerlis Klage über das Zurückgehen des Auswendiglernens mit Jean Paul entgegnen kann, dass es weniger darauf ankomme, das Gedächtnis zu schulen als den Verstand - was bei Jean Paul gerade duch den alles verbindenen Witz geschehen solle (Jean Paul, 225), so ist es andererseits sicherlich richtig, in den Verbindungen des Internet nicht automatisch eine Schulung des Verstandes sehen zu wollen. Dass Information nicht gleich Wissen ist, und schon gar nicht Bildung, müsste über jedem Internet-Portal stehen. Ob das Internet ein "MacDonald's of education" ist oder gerade das Gegenteil, liegt, wie so oft, weitgehend daran, wie man mit dem Medium umgeht. (3)

Eine andere Möglichkeit der Manipulation liegt darin, dass mit der digitalen Speicherung Daten noch über ihre Veröffentlichung hinaus verändert werden können. Das Umschreiben des Aufbewahrten ist dabei so leicht und v.a. unbemerkt möglich, dass es allen Big Brothers dieser Welt bzw. allen, die wie Winston Smith vom "Ministerium der Wahrheit" in Orwells 1984 mit dem Umschreiben der Geschichte beauftragt sind, eine Freude sein muss. (4)

Allerdings ist Big Brother nichts ohne das Aussagemonopol, denn bekanntlich gehört zu Fälschungsaktionen immer auch die Beseitigung der widersprechenden Zeugen. Gerade dieses Monopol stellt das Internet mit seinen geradezu anarchistischen Zugangsbedingungen in Frage, wodurch es, verglichen mit dem nach dem Druck nicht mehr manipulierbaren manipulierten Wissen in real existierenden Diktaturen, auf jeden Fall die bessere Alternative bleibt. Die Manipulation ist im Postprintzeitalter zweifellos leichter möglich als zuvor, aber: sie ist jedem möglich.

Dieser entscheidende Unterschied nimmt der Intensivierung der Lüge im Grunde die Wirkung, denn er empfiehlt zu einem generellen Misstrauen und setzt Wahrheitsbehauptungen der Skepsis aus, die ihnen aus konstruktivistischer Sicht ohnehin gebührt. Die philosophische Revolution, die sich parallel zur technologischen ereignet, ist nicht nur, "die Legitimität von Fernsehen und Kinos als Verkünder von Wahrheiten oder als Übermittler von Wirklichkeit in Frage zu stellen" (Krieg, 56), sondern Übermittlung von Wirklichkeit überhaupt. Die unübersehbare Subjektivität und Manipulierbarkeit der Information im Internet ist die Explizierung dieser Botschaft, als der letzten denkbaren 'Wahrheit'. Ein Mittel gegen die Gutgläubigkeit des Publikums, das in die Mündigkeit des Zweifelns entlassen wird. Dass dies im Widerspruch zur Gewöhnung an die Konsumtion verbürgten Wissens steht, liegt auf der Hand und macht zugleich deutlich, dass die Frage der Manipulierbarkeit zunächst bzw. schließlich auf der Ebene der Datenempfänger zu stellen ist.

Eine dritte Facette der archivischen Unzuverlässigkeit wird darin gesehen, dass die gespeicherten Daten nicht sicher sind und entweder recht schnell absterben oder durch Viren gelöscht werden können. Diese Angst ist berechtigt, resultiert zu einem gewissen Grad aber auch aus der Undurchschaubarkeit des ganzen Prozesses.

Mit kühlerem Blute weiss man, dass man sich gegen Viren schützen kann, so wie man die papierenen Übertragungsmedien vor Feuer und Wasser schützen kann, und sei es dadurch, dass man genügend Kopien anfertigt. Was andererseits die Kurzlebigkeit des Speichermediums betrifft, (Zimmer, 45f.) so stimmt es zwar, dass durch die kurzen Produktzyklen in der Informationstechnik Hard- und Software rasch veralten und damit die Gefahr besteht, vorgestern gespeicherte Daten (etwa auf eine151/4- Zoll-Diskette) heute nicht mehr lesen zu können. Aber hier ist zu erwarten, dass sich maschinenunabhängige Standardformate durchsetzen, die fallen zu lassen kein innovationsversessener Entwickler sich wird leisten können. (Zimmer, 46)

Das Problem, das dem Bewahrten durch die rasche Technologieentwicklung entsteht, bringt einen interessanten Nebeneffekt mit sich. Da die Hard- und Software der jeweils aktuellen Generation immer auch die mit der Technologie der letzten (und vorletzten) Generation gespeicherten Daten noch entziffern kann und bei dieser Gelegenheit zugleich in das neue Format transformiert, besteht im Grunde keine Gefahr für all jene Dateien, die von Zeit zu Zeit aufgerufen werden. Das heisst, es besteht keine Gefahr für jene Teile des Bewahrten, die durch fortlaufende Aktivierung, also durch fortlaufendes Erinnertwerden, Notwendigkeit und Würdigkeit ihres Erinnerns nachweisen. Das sieht ganz nach einem 'hypomnesischen Darwinismus' aus und birgt all die Probleme in sich, die ein auf der sozialen Ebene wirkender Darwinismus mit sich bringt. Dieser Daten-Darwinismus scheint zugleich eine Antwort der Technik auf das mit der Technik einhergehende Problem der archivischen Überfunktion.

Der Computer, ob offline oder online, ist ein fotografisches Gedächtnis, insofern er alles festhält, worauf das 'Okular' zeigt. Jedes "Hallo" in einer Mailinglist, jede Meldung in einer Chatgroup kann vollständig archiviert werden. Diese Perfektion der Aufzeichnung erhöht das banale Ereignis gleichsam in den Rang einer Botschaft. Zugleich vernichtet die verlustfreie Speicherung aller Daten deren spezifische Qualität als 'sehr gut' bis 'gar nicht' erinnerbar, die das menschliche Gedächtnis dem Erinnerungsstoff performativ zuschreibt. Dieser Vorgang trifft freilich für alle materialisierenden Speichermedien zu, wird allerdings mit den digitalen Medien potenziert, weil hier gar nicht mehr erst der Aufwand der Archivierung bestimmter, als archivierungswürdig erachteter Teile der Kommunikation betrieben werden muss, sondern Archivierung zum Standard geworden ist.

Damit wird Vergangenheit unbegrenzt verfügbar und verliert so ihren Bezug zum Erinnern. Sie wird beliebig, ist 'enteignete' Information. Insofern verleiht also nicht erst das berühmte Silikonplättchen, das dem Gehirn in der Zukunft implantiert werden soll, "dem Menschen ein Gedächtnis [...], das nicht sein eigenes ist". (Virilio, 54) Der angesprochene Erinnerungs-Darwinismus erscheint diesbezüglich wie eine Selbstkorrektur der zugrundeliegenden Technologie: eine Rückaneignung des Erinnerten durch den Nachweis seiner Bedeutsamkeit. Die Aporie des Vorgangs ist leicht einzusehen: Zum einen überlebt natürlich auch auf diese Weise die banale Information in den aufgerufenen Dateien, zum anderen geht damit gerade das verloren, was, nach Jahren des Vergessens, der Hilfe zum Erinnern vor allem bedarf.

Bleibt der Wert der digitalen Medien als Speichermedien somit ambivalent, so gibt es auch Stimmen, die mit Blick auf die hypertextuelle Strukturierungsform der digitalen Medien diese zum Instrument des Vergessens deklarieren. Der Vorwurf zielt darauf, dass Hypertext durch seine Linkstruktur den "eventuell vorhandenen Assoziationsreichtum in eine Dissoziationswüste" verwandle und damit "weniger ein Denken der Vernetzung" als das der "Verfransung" unterstütze. (Matussek, 275) "Die Neutralisierung der relevanzstiftenden Emphase", so spitzt Peter Matussek zu, "macht den Hypertext zu einem idealen Instrument des Vergessens […] im Sinne der schieren Auslöschung von Bedeutung durch Dissoziation ihrer Komponenten." (277) Vorgefundenes wird vergessen, weil es gar nicht erst sinnstiftend als Erinnerungsstoff formuliert werden kann.

Diese Schlussfolgerung kommt etwas schnell daher und lässt außer Acht, dass der Hypertext meist nicht Sätze auseinanderreisst, (5) sondern größere Texteinheiten dissoziiert, die in ihrer polyvalenten Zuordnung eher zu einem Bedeutungsüberschuss als zu einem Bedeutungsverlust führen. Dennoch trifft der Einwand prinzipiell, und zwar um so mehr, wenn er aus der Perspektive der Intertextualität diskutiert und festhält, dass Hypertext entgegen den verbreiteten Verlautbarungen durch seine Link-Alternativen nicht die Assoziations-Freiheit der Leser befördert, sondern einschränkt, da "die Annotationen [d.i. die Links des Autors] […] die Konnotationen des Lesers [überschreiben]." (275) (6)

Andere kollektive Schreibprojekte wählen andere Strukturierungsmethoden, die dem erklärten Ziel des kollektiven Erinnerns ernsthafter dienen. Zwei solcher Projekte sind Jan Ulrich Haseckes "Generationenprojekt. Ein halbes Jahrhundert im HYPERTEXT" und Guido Grigats "23:40". Beide nutzen die Chronologie als Ordnungsprinzip, was nahe liegt, wenn es um das Erinnern geht. Allerdings führen die unterschiedlichen Zeiteinheiten zu völlig verschiedenen Ergebnissen: während im "Generationenprojekt" die Jahreszahlen des 20. Jahrhunderts Orientierung und Maßstab sind, sind es in "23:40" die einzelnen Minuten eines beliebigen Tages. Beginnen wir mit dem traditionelleren, aus Geschichtsbüchern reichlich bekannten Zeitstrahl.

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(1) Zur Bedeutung der Wissenssteuerung (v.a. durch das Schulsystem) für die Etablierung ideologischer Konstrukte wie den Nationalilsmus (vgl. Gellner). Auf Zimmerlis Einwand, die enormen Langzeitfolgen des Internet für die Menschen würden bislang zu wenig diskutiert, passt auch recht gut die Entgegnung, man solle erst einmal die enormen Langzeitfolgen mancher (jahrhundertealter) Philosophien/Glaubenssysteme diskutieren (Guenther Botek am 29. 12. 99 innerhalb der Diskussion dieses Artikels in der Mailingliste Netzliteratur.de).

(2) Die Technologie des Internet (Klick-Paradigma, Spontanität des Zugriffs auf eine Information und daraus folgende Ungeduld) unterstützt eine solche Informationsaufbereitung und fordert geradezu 'Häppchen-Texte', Visualisierung, sowie Aufmerksamkeitsbindung durch Vereinfachung und entsprechende Aufbereitung von Information.

(3) George P. Landow sieht in einem mit Hypertext arbeitendem, der konstruktivistischen Pädagogik verpflichteten Unterricht gerade den Gegenentwurf zum Fast-Food-Modell des Informationskonsums. (176) Zu diesem Komplex und zu den Analogien zwischen Jean Paul und dem Hypertext vgl. meinen Aufsatz ">MacDonald's of education< oder Technologie einer konstruktivistischen Weltsicht? Hypertext im Sprach- und Literaturunterricht" in: www.dichtung-digital.de.

(4) Myron C. Tuman, hat die Tatsache der Unendgültigkeit des digitalen Textes und damit der Möglichkeit des fortwährenden Umschreibens der Geschichte nicht zu Unrecht unter dem Topus des Big Brothers diskutiert und demgegenüber gerade die im Hypertext-Diskurs gewöhnlich diskreditierte Autorität des (linearen, fixierten) Textes als Grundlage freier Meinungsbildung hervorgehoben.

(5) Matusseks Argumentation mit dem Beispiel einer dreigliedrigen Wortgruppe ("meines Vaters Bruder") zeigt sehr plastisch, wie der Hypertext durch die isolierte Semantik seiner Kompenenten deren erst aus der linearen Folge resultierende Bedeutung verpasst ("Indem sie [die Hypertextleser] per Mausklick erfragen mögen, was ein Vater oder ein Bruder ist, fällt ihnen der Onkel durch die maschen des distributiven Lektürenetzes") (276), gilt aber nur bedingt für die Vernetzung auf den nächst höheren Strukturebene der Sätze und Absätze.

(6) Ein konkreter Beleg für Matusseks These wäre der "Assoziations-Blaster", ein von Alvar Freude und Dragan Espenschied initiiertes kollektives Schreibprojekt, in dem ein Programm automatisch Links bzw. 'Assoziationen' erstellt auf der Basis einer verbrieften Ordnung, nämlich der morphologischen Gemeinsamkeit der Wörter. Auf diese Weise wird das unschuldige Genetivpronomen sein schon mal mit der gewichtigen Substantivierung das Sein verlinkt und somit völlig überfordert. Das ist in der Tat banalisierte Intertextualität, die der in der Selbstbeschreibung kundgegebenen Intention, "dem Zusammenhalt der Dinge schlechthin auf die Spur zu kommen", wohl kaum dienlich ist (vgl. meine Besprechung des "Assoziations-Blasters" in dichtung-digital unter: www.dichtung-digital.de/Simanowski/27-Okt-99).