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3.2. "Generationenprojekt" - Textbeispiele 

Für jedes Jahr werden so viele Erinnerungen aufgeführt, wie als Zusendungen eintreffen. Meistens sind dies zwei oder drei, im Spitzenjahr 1968 vier. Über große Strecken herrscht allerdings Schweigen, so von 1954 bis 1965 und von 1978 bis 1985. Auch die Zahl der beteiligten Autoren ist mit 19 im November 1999 noch recht überschaubar. Sehen wir uns die Jahre 1953, '68 und '89 etwas genauer an.

1953 bietet gleich zwei schöne Beispiele dafür, auf welch unterschiedliche Weise Geschichte von unten von unten sein kann. Das Eckdatum des Jahres ist Stalins Tod, Hasecke erinnert in einem Extra-Text noch einmal kurz die blutige Spur Stalins. Christian Erich Rindts Beitrag "Wie ich diese langen Strümpfe gehasst habe!" erwähnt Stalin allerdings mit keine Silbe, sondern berichtet unbekümmert nicht über den Schulabschluss, aber über den ersten Schultag und über die Zumutung, mit sechs Jahren noch lange Wollstrümpfe tragen zu müssen. Das ist wahrlich Geschichte von unten: Während Millionen um den toten Stalin trauern und andere Millionen auf nun mögliche Reformen hoffen, konzentrieren sich Hass und Leiden eines Sechsjährigen auf Wollstrümpfe. Hier wird der Unterschied zwischen persönlicher Geschichte und offizieller, politischer Geschichte greifbar.

Der Erzähler in Julian S. Bielickis Beitrag, "Ballspiele. Eine Kindheit in Warschau", ist nur halb so alt und wusste gewiss nicht, wer Stalin war. Trotzdem handelt der Text von Stalin. Dieser steht nämlich als "Denkmal aus rotem Sandstein", von dem der Ball mit Zuverlässigkeit wieder zurückspringt, im Park der Wohnsiedlung des Erzählers. "Eines Tages", so heisst es im Text, "war der Kopf weg, zugleich sah ich den Kopf dieses Herrn auf der Titelseite unserer Kinderzeitschrift, schwarz umrandet. […] Mit dem schnurrbärtigen Kopf verschwanden auch die Soldaten, die den Eingang zu unserer Siedlung bewachten." Auch das ist Geschichte von unten bzw. Geschichte konkret, denn sie wirkt wie der Kommentar Betroffener auf den letzten Satz in Haseckes Bericht zum Wirken Stalins: "Eine letzte stalinistische Säuberungswelle wurde durch den Tod des Diktators gestoppt. Sie richtete sich gegen ein angebliches Komplott jüdischer Kremelärzte und trug deutlich antisemitische Züge." Der Dreijährige, der mit dem Denkmal aus Sandstein sein Spielzeug verliert, ist Kind jüdischer Ärzte, die, wie es dann heisst, "sehr erleichtert zu sein [schienen], daß dieser Herr verschwunden war, weil sie bis dahin zunehmend von der Sorge getrieben worden waren, daß dieser Herr sie beschuldigen könnte, ihn zu vergiften." 

1968 weist mit drei Attentaten (Martin Luther King, Rudi Dutschke, Robert Kennedy), den Studentenunruhen und dem Prager Frühling eine geradezu erschlagende Menge an gewichtigen Eckdaten auf. Kein Wunder, dass die vier Beiträge im Bann dieser Ereignisse stehen. Was sie leisten, ist die Zugabe des persönlichen Erlebens. So berichtet Christopher Ray unter dem Titel "Altes Spiel mit neuen Regeln" (unter dem wohl von Hasecke stammenden Stichwort "1968/Studentenunruhen") über die Revolution zwischen den Geschlechtern, als plötzlich die Frauen von Objekten der sexuellen Werbung, zu deren Subjekten wurden ("Eine ganze Rockerbande, selbst die versammelte RAF hätte dich nicht annähernd so in Bedrängnis bringen können").

Christian Erich Rindts Erzähler hat die Wollstrümpfe längst gegen Jeans eingetauscht und berichtet unter dem Titel "Die Frau ist uns um Jahre voraus" (Stichwort "Herbst 1968: die APO") vom Lehrling Mick, der für die proletarische Revolution glüht, an Sit-Ins gegen den Vietnamkrieg oder an SDS-Kongressen teilnimmt und an Küchentischen mit anderen bei Tee und Wein bis in die Morgenstunden diskutiert. Die Pointe dieser halb nostalgischen, halb kritisch-distanzierten Beschreibung liegt im konkreten Versagen der revolutionären Freunde Micks, als eine Frau sie mit der Bereitschaft konfrontiert, die Losung der freien Liebe auch zu praktizieren.

Rindts zweiter Text, "So wahr ich Sergej Iljitsch Eisenstein heiße …" (Stichwort "Einmarsch der Warschauer Pakt Truppen in die CSSR"), schildert die "feindliche Übernahme" der Kieler SDAJ durch den Eintritt von 20 langhaarigen Trotzkisten, Anarchisten, Maoisten, die den nun überstimmten linientreuen Söhnen und Töchtern von DKP-Mitgliedern durch Protestresolutionen gegen den volksrechtswidrigen Einmarsch der Sowjetunion in Prag das Fürchten lehren. Hier liegt die Pointe darin, dass die Palastrevolte an der mangelnden Ausdauer der Rebellen scheitert, die schließlich lieber im Plattenladen "'ne neue Scheibe von 'ner Band namens AC/DC" anhören, als die Vesammlungen der SDAJ-Gruppe aufzusuchen und so die eigene Stimmenmehrheit zu sichern.

Auch An O'Nymes' "Die Geschäftsreise. Der Sommer, in dem alles möglich war" ergänzt den historischen Hintergrund mit einer persönlichen Erinnerung, nämlich dass jener Sommer voller Energien war, die den Erzähler auf einer unfreiwillig mitvollzogenen Geschäftsreise des Vaters zu einem erfolgreichen Poker um Lizenzen und Patentverkauf beflügelten und den Vater, dem dies ein Vermögen einbringen wird, zu einem Joint mit den Hippies des Stadtparks. 

Das Jahr 1989 bleibt aus unersichtlichen Gründen ohne Auflistung der historischen Ereignisse (ebenso wie alle folgenden Jahre), ist aber mit Haseckes Text "Der Fall der Mauer" eindeutig festgelegt. Der einzige Beitrag, "November" von Margret Metz, schildert die Euphorie der Ereignisse aus der Perspektive der Leberkranken, die am 10. November plötzlich die Freunde aus dem Osten an ihrem Krankenbett sieht und so von der Maueröffnung erfährt, wenige Tage später ins Koma abgleitet und wenige Wochen später im letzten Moment durch eine neue Leber gerettet wird. Der Schlusskommentar über die ersten Szenen der nationalen Wiedergeburt - "Und dann würde es nicht mehr sehr lange dauern, bis die Euphorie von 1989 der Ernüchterung der 90er Jahre weichen würde, und aus den glücklichen Menschen dieses Herbstes würden Besserwessis und dumme Ossis werden. Aber noch wußte ich nichts von all dem." - berührt aus dieser Perspektive einer persönlichen Wiedergeburt in besonderer Weise.

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