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3.3. "Generationenprojekt" - Autoren und Texte

Diese Beispiele mögen genügen, um einen Eindruck der Texte zu vermitteln. Es wird deutlich, dass die historischen Großereignisse Bezugspunkt bleiben, durch die Erinnerungen des 'kleinen Mannes' aber ihre persönliche Einbettung erhalten. Der politische Aktionismus des 68er Sommers wird an einer AC/DC-LP gebrochen und an einer seltsamen Verbrüderung mit dem geschäftseifrigen Vater, der Mauerfall kommt nicht im Gewand der Sekt-Verbrüderungen auf offener Straße, sondern als plötzlich möglicher Krankenbesuch und wird an einer persönlichen Wiedergeburt kritisch gespiegelt. Die Ausrichtung der Geschichte von unten auf die von oben scheint aufzugehen.

Interessant ist, auf welche Weise die persönlichen Erfahrungen der Geschichte vorgebracht werden. Die Jahreseinteilung lädt natürlich dazu ein, die Aufzeichungen der eigenen Tagebücher einmal zu überarbeiten und der Öffentlichkeit preiszugeben. Bei solch fleißigen Schreibern wie Christian Erich Rindt, der seinem Text zu 1953 und den beiden Texten zu 1968 einen zu 1969 folgen lässt, lässt die Wiederkehr der gleichen Figur dabei zugleich die verschiedenen Stationen einer Lebensgeschichte erkennen, die in diesem Falle mit dem Hass auf Wollsocken beginnt, Mick später auf SDS-Kongressen und in der Kieler SDAJ-Ortsgruppe zeigt und anschließend als Kleindealer im Knast.

Interessant ist auch, welcher Bezug zwischen erzählender und erzählter Person hergestellt wird. Während die meisten Beiträge in der ersten Person gehalten sind, ganz wie es einem Tagebuch oder der Autobiographie entspricht (so natürlich der sehr emotional gehaltene Bericht über die Leberkranke 1989), reden andere in der 2. Person über sich (so etwa, nicht weniger naheliegend, Christopher Rays Beitrag von 1968 über die Verwirrung des Mannes durch emanzipierte Frauen). Die 3. Person ist als distanzierendes Stilmittel für autobiographische Texte nicht ungewöhnlich und folglich auch hier oft zu finden. Sie wird mitunter ironisch gebrochen, wenn Fabian Köster über die Erlebnisse des Fabians berichtet (1990: "Die Nationalhymne im Radiowecker"), oder verrät sich unfreiwillig als nachträgliche Einsetzung, wenn Rindt schreibt: "Mick versuchte zu lesen. Keine Chance, ich (!) konnte sich nicht konzentrieren" (1969 "Spinning Weels").

Bemerkenswert ist schließlich auch eine Art 'horizontales Generationsgefälle', das im Generationprojekt deutlich wird: ein Gefälle zwischen Ost und West. Obgleich das Projekt lange nach der Wiedervereinigung ins Leben gerufen wurde und obwohl Lokalitäten keinerlei Einfluss auf Kenntnis und Zugang haben dürften, scheint keiner der BeiträgerInnen aus Ostdeutschland zu kommen. All die entscheidenden Daten - 1953, 1968, selbst 1989 und 1990 - werden von Westdeutschen gefüllt. Und wenn es 1990 "Jenaer Betrachtungen" gibt, dann sind es die eines Westdeutschen, der im Osten ein Semester Chemie studiert und seine Erfahrungen mit den Umständen und Menschen vor Ort schildert. Dieses Gefälle in der Beteiligung hinterlässt Fragen danach, wie öffentlich, wie bekannt das Projekt wirklich ist. Der Gedanke, dass hier vorerst nur die Freunde des Projektleiters Beiträge liefern, ist sicherlich abwegig; die Erklärung, dass Ostdeutsche weniger erlebt und somit nichts zu berichten hätten, ist es nicht minder. Bedauerlich ist dieser Mangel ostdeutscher Beteiligung auf jeden Fall, denn gerade hier könnte eine Geschichte von unten, die aber den Blick auf die Großereignisse favorisiert, ihr aufklärerisches Potential gegen die Verlautbarungen der Medien entwickeln. 

Die Versammlung individueller Erinnerungen in einem kollektiven Schreibprojekt, das damit vielleicht einen Baustein zum kollektiven Gedächtnis bildet, wirft, wie jedes kollektive Schreibprojekt, einige Fragen prinzipieller Natur auf. Insofern das Projekt durch den Projektleiter moderiert wird - was geraten scheint, schon um dumme Sprüche von Störenfrieden fernzuhalten -, ist zu fragen, wie weit die Macht des Projektleiters über die sich beteiligenden Autoren gehen sollte? Welche inhaltliche, welche formale Qualität darf er als Voraussetzung für die Sprecherlaubnis fordern? Wieviel Einfluss auf das Projekt, das seine Erfindung ist, steht ihm zu?

Hasecke geht diese Frage im Editorial an: "Ihr Text sollte allerdings zwei Bedingungen erfüllen: 1. Im Text sollte auf ein Ereignis Bezug genommen werden, das von allgemeiner Bedeutung war oder ist. Ihr Text kann z.B. Ihre individuelle Sicht auf ein großes oder kleines historisches Ereignis vermitteln oder Ihre persönliche Verstrickung in die Geschehnisse schildern. Sie können aber auch ein ganz persönliches Erlebnis schildern, das für Sie so wichtig war, dass Sie sich um die große Geschichte, die zur gleichen Zeit geschrieben wurde, gar nicht gekümmert haben. 2. Der Texte sollte eine gewisse literarische Qualität haben, so dass andere ihn gerne lesen."

Die Teilnahmebedingungen sind denkbar vage und doch wohldurchdacht formuliert. Die angemahnte "gewisse literarische Qualität" bleibt in ihrem erwünschten Ausmaß klugerweise völlig dunkel, denn da man literarische Qualität nicht messen kann, sollte man erst gar nicht ein bestimmtes Maß angeben. Natürlich hat jeder seine Vorstellungen von literarischer Qualität, aber gerade weil diese Vorstellungen jeder hat und weil sie nicht objektivierbar sind, (1) ist der Projektleiter gut beraten, die Sache gleich so offen zu lassen, dass seine Entscheidung später nicht mit den eigenen Vorgaben angezweifelt werden kann. Das genannte Kriterium - "so dass andere ihn gerne lesen" - könnte dabei schon zur Gefahr werden, denn man weiss ja, was das Publikum gerne liest.

Was den ersten Punkt betrifft, so verbirgt der Projektleiter sein Interesse an der Geschichte von oben nicht. Trotzdem nimmt er schließlich die Forderung der Verstrickung eigener Erlebnisse mit den Ereignissen von allgemeiner Bedeutung wieder zurück. Gottseidank möchte man sagen, denn diese Forderung wirft einen Schatten auf das Konzept der Geschichte von unten, da es die Subjekte der Erinnerung auf das verpflichtet, wovon sie eigentlich befreit werden sollen. Aber: Die Verpflichtung bleibt, als Richtungsanzeige, im Grunde auch nach dem Einlenken bestehen. Das "ganz persönliche[s] Erlebnis" muss, so die implizite Formulierung, schon von solcher Wichtigkeit sein, dass die Vernachlässigug der großen Geschichte entschuldbar ist.

Alle Indizien sprechen dafür, dass Hasecke wenig Interesse an den Erinnerungen eines Müllers hat, wenn darin nur die Mäuse, nicht aber die Mehlpreise, die allgemeine Wirtschaftslage und deren Veränderung durch aktuelle Kriegswirren vorkommen. (2) Mit der Relativierung der Bedingung allgemeiner Relevanz behält sich Hasecke allerdings vor, gegebenenfalls auch einen Beitrag ohne eine solche aufzunehmen, wie im Falle des Wollstrümpfe hassenden Sechsjährigen in Rindts Text zu Stalins Todesjahr, wobei diesmal die Nachsicht sicher schon deswegen geboten war, weil Rindt zuvor drei politisch ergiebige Texte zu 1968 und '69 geliefert hatte. (3)

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(1) Alle Versuche der Objektivierung scheitern letzlich daran, dass sie auf Voraussetzungen beruhen, die wiederum keine objektive Geltung beanspruchen können. Zur Auseinandersetzung mit dem Problem literarischer Wertung vgl. Schulte-Sasse und von Heydebrand.

(2) Neben der Auflistung der historischen Großereignisse im Projekt und der Erklärung im Editorial "Gute literarische Texte sind immer politisch" spricht für diese Vermutung auch Haseckes Website, die unter dem Stichwort "Sudelei" wöchentlich einen brillanten Kommentar zur politischen Zeitgeschichte liefert.

(3) Diese Reihenfolge der Einsendung ergibt sich zumindest aus den Daten, die in der Datei-Quelle als Entstehungstag der Datei angegeben sind.