www.dichtung-digital.de/Simanowski/30-Dez-99


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3.4. "Generationenprojekt" - die Macht des Projektleiters

Die Frage der Macht, die sich der Projektleiter im vorliegenden Falle auf geschickte Weise sichert, führt zum Dilemma aller kollektiven Schreibprojekte. Hasecke bemerkte anlässlich eines anderen Schreibprojekts, in dem die Macht der Maschine übertragen wurde, in der Mailinglist Netzliteratur einmal: "Wenn der Inhalt banal ist, und er ist es manchmal, dann ist dies eine notwendige Banalität, weil sie die Banalitäten des Netzes aufgreift." (1) Das gemahnt an frühere Diskussionen um den Wert von Dokumentarliteratur. Die zur Auswahl stehenden Parameter heißen auch diesmal Authentizität und Lesbarkeit; die Einwände der verschiedenen Parteien lauten: Was nützt Authentizität, wenn man sich durch Unmassen authentischen Datenmülls kämpfen muss? Was nutzt Lesbarkeit, wenn sie mit der Amputation des Störenden erkauft ist?

Hasecke schlägt sich mit den Teilnahmebedingungen des Generationenprojekts offenbar nicht auf die Seite der authentischen Banalität. Allerdings sind die Alternativen im vorliegenden Falle nicht so eindeutig, wie es klingt. Es geht nicht nur darum, Unsinn rauszuwerfen, es geht auch darum, Sinn zu- oder abzusprechen. Der heikle Punkt des Generationenprojekts ist genau das, was es im Untertitel anzeigt. Von wie weit unten darf Geschichte kommen? Wieviel Lebensgeschichte neben und ohne große Geschichte darf es sein? Die Problematik verdeutlich ein Gedankenexperiment: 1989 ohne Maueröffnung, aber mit einem Todesfall in der Familie; 1990 ohne Wiedervereinigung, aber mit der Hochzeit des Erzählers/Autors; 1991 ohne Golfkrieg, aber mit der Geburt einer Tochter. Würden solche Texte ohne den geringsten Alibi-Bezug zur großen Geschichte die Evaluation überstehen? 

Die Zuspitzung lässt ahnen, mit welcher Vorsicht man die Repräsentanz kollektiver Schreibprojekte bewerten muss. Insofern der Zugang für alle - der ja erst den Anspruch auf Repräsentanz rechtfertigt - seine Grenzen in den Intentionen des Projektleiters findet, überlebt im Resultat des kollektiven Schreibvorgangs ein Autor- und Werkaspekt, der durchaus individuell benennbar ist. Im vorliegenden Fall wird die später als CD-ROM geplante "Geschichte von unten" zunächst einmal Haseckes Geschichte von unten sein. Und da wir vermuten, dass Hasecke weniger an den Mäusen als an den Mehlpreisen liegt, könnte diese Geschichte von unten eine Interessenlage präsentieren, die möglicherweise gar nicht repräsentativ ist. Um es mit dem gemachten Gedankenexperiment zu sagen: Wenn die historischen Ereignisse der Jahre 1989 bis 1991 - Maueröffnung, Wiedervereinigung und Golfkrieg - in den entsprechenden Beiträgen irgendwie enthalten sein müssen, dann wird die "Geschichte von unten" schließlich aussehen, wie sich Geschichtslehrer "Geschichte von unten" vorstellen: aus einer individuellen, vielleicht ein bisschen verqueren, sicher auch ein bisschen falschen Perspektive, aber mit den richtigen Stichwörtern - ein Nachweis also, im schweren Schuldienst letzlich doch recht erfolgreich historisch bewusste Menschen erzogen zu haben.

Das ehrenwerte Unternehmen, den Erfahrungsschatz des Namenlosen der üblichen Reduktion auf Briefe und Erzählungen bei Familienfeiern zu entheben zur Mitteilung auch an die unbekannten Adressaten, wird damit ein recht unzuverlässiges Dokument des kollektiven Gedächtnisses hervorbringen. Ein Vorwurf, dessen Schwere freilich an der Alternative des absoluten Nicht-Eingriffs zu messen wäre. So problematisch die von Hasecke installierte Ordnung des Erinnerns als Erinnern an Ereignisse von allgemeiner Bedeutung auch ist, die unmoderierte Zulassung aller Einsendungen wäre kein geringeres Übel. Unter Unmassen banaler, schlechter Texte würde ein Projekt nur noch moralisch argumentieren und auf seine Authentizität pochen können, aber kaum Leser gewinnen. Es wäre dann zwar ein unverfälschtes, repräsentatives Dokument des kollektiven Erinnerns - dessen Banalitäten lediglich den Vorrat an existierender Banalität im Autoren-Publikum spiegeln würden -, aber was nützt dies, wenn keiner es lesen mag. 

Damit kommen wir zur oben bereits angesprochenen Alternative zurück, vor der jedes kollektive Projekt steht: der Wahl zwischen Authentizität und Qualität. Zugleich stoßen wir zum Aspekt des "literarischen Feldes" (Bourdieu) vor. Dieses Feld etabliert sich allmählich auch im digitalen Bereich, und zwar durchaus in Anlehnung an das traditionelle. Im Falle des Generationenprojekts fällt z.B. der Plan auf, das Projekt später als CD-ROM herauszugeben, was der Logik des traditionellen Literatursystems folgt, ein greifbares, gewissermaßen abgeschlossenes Werk zu erstellen, das vermarktet werden kann.

Da die Vermarktung von Interaktivität bzw. Authentizität im traditionellen Literatursystem nicht vorgesehen ist bzw. nach den Zeiten der Dokumentarliteratur sich nicht als Option halten konnte, muss das Produkt Qualität aufweisen. Die wiederum ist ohne Moderation nicht zu haben, denn auch für kollektive Schreibprojekte gilt: Sie sind so gut wie ihr schwächster Beitrag. Das ist zwar für eine Sammlung eigenständiger Texte weniger akut als für Projekte, deren Teile aufeinander aufbauen, spielt aber auch im ersten Falle eine wichtige Rolle. Die Vermarktungsmöglichkeiten einer gesammelten Geschichte von unten steigen und fallen mit dem Angebot einer ausgewogenen Mischung von Authentizität und Qualität (inhaltliche und literarische Relevanz eines Beitrages, "so dass andere ihn gerne lesen"). Die spannende Frage bleibt, ob das schließlich vorliegende Mischungsverhältnis tatsächlich Aussagen über Art und Weise des kollektiven Erinnerns zulässt oder eher das Werk eines individuell benennbaren Autors darstellt. 

Der Blick auf diese Konstellationen dürfte deutlich gemacht haben, dass auch die Interaktivität im Internet aus verschiedenen Gründen nur bedingt der Leitung und Beschränkung durch bestimmte Regeln entkommt. Zwar ist mit dem Internet eine neue Qualität des Redens eingetreten, zwar beseitigt das Internet in der Tat viele traditionelle Zugangsbarrieren und öffnet damit zugleich die Schleusen zu einer gewissen Überproduktion an öffentlicher Rede. Aber diese Rede ist deswegen nicht unbedingt frei von Organisation und Kanalisierung.

Um es mit Bezug auf die Türsteher-Metapher zu sagen: Jeder kann jetzt sein eigener Türsteher sein - einmal abgesehen von vorgelagerten Türstehern der Provider, die Kinderpornographie und Rassismus von ihrem Server fernzuhalten haben. Das Problem ist nur, dass dann jeder auch sein eigenes Haus bauen muss. Um diesem Aufwand zu entgehen, der zudem nicht verlockend ist, wenn das Grundstück am sumpfigen Waldrand liegt, geht man gelegentlich freiwillig durch die Türen anderer, vorzugsweise derer, deren Adresse der Marktplatz ist. Dort gibt es zwar Regeln, die man nicht selbst verfasst hat; sofern sie moderat sind, mag man sie für die helle Wärme und die Gesellschaft anderer jedoch leicht in Kauf nehmen. Man kann immer wählen, im eigenen Haus ungesehen im Pyjama zu trinken oder im Wirtshaus in Gesellschaft. Leiter kollektiver Schreibprojekte sind Wirtshausbesitzer oder auch Götter, wie es in einem anderen Schreibprojekt metaphorisch und unverblümt zugleich heisst. (2)

Das Besondere an kollektiven Schreibprojekten bzw. kollektiver Rede-Produktion ist die Varianz und Mobilität der Regeln, die daraus resultiert, dass die "Polizei des Diskurses" hier durchaus wieder als Person auftritt und nicht nur als ein depersonalisiertes System von Regeln. Die Erteilung der Sprecherlaubnis liegt in der Macht eines benennbaren Projektleiters. Das schließt nicht aus, dass der bzw. die Projektleiter, wie im Falle des "Assoziations-Blasters", den Großteil ihrer Macht an eine Maschine delegieren. Aber auch bzw. gerade diese Delegierung basiert auf der Re-Personalisierung von Diskursmacht.

Die Qualität eines kollektiven Schreibprojekts ist zu messen an den Vorgaben des Projektleiters. Dieser oder diese wird gerade angesichts der Überproduktion von Rede im Internet und angesichts des damit verschärften Kampfes um Aufmerksamkeit klare Regeln setzen müssen, um dem Projekt eine spezifische Qualität zu geben, die sich, gewissermaßen als erkennbares Label, auch an ein spezifisches Publikum adressieren lässt. Die von den Stichworten der großen Geschichte gelenkte Geschichtsbetrachtung von unten ist das Qualitätsmerkmal, für das Jan Ulrich Haseckes Name auf der Splashpage der Website oder schließlich auf dem Cover einer CD-ROM bürgt. Eine Geschichte von unten und ein Ergebnis kollektiven Erinnerns, gewiss, aber eines, das an Hasecke vorbei musste.

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(1) Am 12. 10. 1999, 10:36 Uhr, in der Mailingliste Netzliteratur (http://www.netzliteratur.de). Zum "Assoziations-Blaster" vgl. meine Besprechung in dichtung-digital.

(2) Im Schreibprojekt "Fraktalroman" wird, vor der nicht überzeugenden Wendung am Ende, der willkürliche Machtgebrauch freiweg eingestanden: "Aufmerksam wachen die Romangötter über das fraktale Literaturuniversum. Wie in allen bekannten Welten ist ihre Rolle umstritten. Sie entscheiden, welche eingesandte Texte als Fortsetzung eingesetzt werden. Nicht objektiv. Nicht gerecht. Nicht weise. Und doch: Die Macht der Romangötter ist nicht unbegrenzt. Nur aus zugesandten Texten können sie das Neue schöpfen. Die wahre Macht ist bei den Wreadern."