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4.1. "23:40" - Erinnern in der Warteschleife

Während in Haseckes Schreibprojekt Jahre mit Texten zu füllen sind, sind es in Guido Grigats Schreibprojekt die Minuten eines Tages. Im "Generationenprojekt" sind die Ordnung der Erinnerung die konkreten Jahre, die Basis des Erinnerns das historische Bewusstsein. In "23:40" liegt die Ordnung in konkreten Minuten eines nicht näher bestimmten Tages; das Erinnern ist in seltsamer Weise unhistorisch-konkret. In diesem Projekt geht es darum, die 1 440 Minuten des Tages, die hier als 1 440 Web-Seiten daherkommen, mit Texten zu füllen. Grigat spricht von "Erinnerungen" und "kollektivem Gedächtnis" und verweist in der Einleitung gleich auf den dialogischen Aspekt des Erinnerns im Projekt: "Welche Erinnerungen haben Sie an bestimmte Zeitpunkte? ...und die anderen? Finden Sie es heraus! Halten Sie es fest!"

Allerdings handelt es sich dann eher um die Produktion als um das Aufschreiben von Erinnerungen, denn die Beiträge sind zumeist Berichte über das augenblicklich Geschehene oder Gedachte, das erst in einem nächsten Schritt zum Erinnerten wird. Drei herausgegriffene, einander folgende Beispiele mögen einen Eindruck der Texte geben. 

Der Eintrag unter 09:15 lautet: "Achtzehn Telefonate. Telefonprotokoll (aus dem Gedächtnis) 2. Telefonat (10.12.1997) ca. 9.15 Uhr mit 030 3759 xx xx (Anrufbeantworter) Ich melde mich an, versuche es zumindest, hinterlasse meine Telefonnr. + Faxnr. und erwarte einen Rückruf."

Unter 09:17 heisst es: "Gerade mit dem Verfassungsdienst des Landes Oberösterreich telefoniert, bei dem man mir mitteilte, daß es zwar nicht ganz rechtens sei, daß eine Behörde schon einen Tag vor Ablauf einer gesetzlichen Einspruchsfrist eine Strafverfügung ausstellen könne, weil sie ja nicht hellseherisch erwarten dürfe, daß diese Frist ungenützt verstreiche, aber es ginge ja nur um einen solchen Bagatellbetrag, sodaß der Weg zum Verfassungsgerichtshof oder gar nach Straßburg zum Europäischen Gerichtshof zwar möglich wäre aber doch in keinem Verhältnis zu der Sache stünde, und ich daher großzügig sein sollte, vor allem deshalb, da ich die Kosten für die unbedingt notwendige juristische Vertretung in jedem Fall selber zu tragen hätte, da eine bestehende Rechtsschutzversicherung nur Beträge über der Bagatellgrenze abdecke, sodaß das Recht hier nicht billig zu haben sei, wenn es um so billige Angelegenheiten wie bestehendes Recht ginge, das letztlich mich selber doch recht teuer käme."

Unter 09:18 schließlich steht: "ich mache die mailbox auf und lade die 27 mails herunter, die sich letzte Nacht angesammelt haben - einige wandern sofort in den Papierkorb, denn ich habe keine Lust, mich mit Werbebotschaften amerikanischer provider herum- zuschlagen - zwei aus der Literaturliste beantworte ich spontan, an einer Antwort feile ich lange herum, einige lese ich und ebenfalls ab in den Papierkorb - ueber eine mail freue ich mich, denn sie fuehrt ein Gespraech ueber RL und VL weiter, die sich gestern fuer einen kurzen Augenblick so seltsam beruehrt hatten, diese mails sind [zu?] kostbar fuer den trash und ich wickle ein virtuelles Band herum (pfui, wie kitschig, ich lege sie in einen Ordner) - nur noch eine mail bleibt - der Absender ist ein Freund im fernen Wien - ich klicke drauf, denn Klicken ist der Rhythmus des VL - doch in dieser mail holt mich das RL ein: mein Freund aus der Schulzeit teilt mir in der mail den Tod meines besten Freundes mit." 

Diese Beiträger erinnern sich nicht im Moment des Schreibens, sondern überliefern den Moment des Schreibens bzw. vor dem Schreiben dem Erinnern. Das somit Gesicherte gibt banale Alltagsverichtungen wieder, informiert über den Deckungsradius von Rechtschutzversicherungen oder konfrontiert, wie im Falle des gestorbenen Freundes, mit den Konfrontationen anderer; Material von mitunter zweifelhaftem Erinnerungswert. Das Faszinierende des Projekts liegt wohl weniger im Aufgeschriebenen als in der Art, wie man dazu Zugang findet. Dies wird die Jury des Ettlinger Internet-Literaturwettbewerbs (1) schließlich auch bewogen haben, "23:40" den Projektpreis zuzusprechen. Juror Michael Charlier kommentiert in seiner Laudatio: "Eine feste, bis zur Starrheit gehende Form und größte Beweglichkeit des Inhalts spielen hier, zumindest bis alle Minuten angefüllt sind, ein denkwürdiges Spiel, wie es so nur im Netz möglich ist. Der Schreiber hat alle Freiheit, doch der Leser muß warten, bis der in manchen Stunden quälend lange Raum zwischen den Erinnerungen überbrückt ist - dann dauert seine Chance genau eine Minute, aber morgen ist wieder ein Tag." (2)

Charlier spricht über das Präsentationsprinzip, jede Minute nur 'zu ihrer Zeit' und nur für diese zugänglich zu machen. Das Programm schaltet nach 60 Sekunden automatisch zur nächsten Minute, wer dann den Text noch nicht gelesen hat, muss 24 Stunden warten. Jan Ulrich Hasecke, der dem Projekt ebenfalls Strenge "von geradezu klösterlicher Disziplin" attestiert, spricht den philosophischen Tiefsinn aus, der hinter dieser seltsamen Verknappung der Zugänglichkeit liegt: "Es [das Projekt] weigert sich die jederzeitige Verfügbarkeit von Texten mitzumachen, es rückt den 9:13-Text nur um 9:13 heraus. Ein subversives Spiel mit unserer Rezeptionserwartung." (3)

Damit sind wir bei der besonderen, man möchte sagen 'teuflischen' Konstruktion des Projekts, die vier eingehender zu betrachtende Konsequenzen mit sich bringt. Sie ist: 1. Verweigerung der ständigen Verfügbarkeit der Texte; 2. Rückkehr der schriftlichen Kommunikation zu den Bedingungen der mündlichen; 3. Verwandlung des Lesers zum Schreiber; 4. Einheit von Erinnern und Vergessen.

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(1) Vgl. den Kurzbericht dazu in dichtung-digital.

(2) Abgedruckt auch in dichtung-digital.

(3) Jan Ulrich Hasecke am 12. 10. 1999 um 10.36 in der Mailingliste Netzliteratur.de.