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4.2. "23:40" - ständige Verfügbarkeit der Texte

Die Verweigerung der jederzeitigen Verfügbarkeit der Texte muss nicht weiter kommentiert werden. Ihre Bedeutung liegt auf der Hand, wenn man sich vor Augen führt, dass das Internet mit seiner Linkstruktur uns gerade an den unverzüglichen Zugang zu Daten gewöhnt. "23:40" erzieht in dieser Hinsicht zum Warten, das natürlich nicht so aussehen wird, dass die Leser vor dem Bildschirm tatenlos und unendlich geduldig auf die nächste beschriebene Minute warten, sondern so, dass sie von einer anderen Beschäftigung immer wieder zu diesem Projekt zurückkommen. Der Effekt dieses 'Wartens' liegt dennoch im erbrachten Interessenachweis, der irgendwann auch mit einem neuen Texthäppchen als Lektüre belohnt wird.

Während die pädagogische Intention des besonderen Präsentationsprinzips somit die Erziehung zur Geduld zu sein scheint, treibt dieses Präsentationsprinzip andererseits zur Eile, wenn eine Minute mit einem recht langen Text erscheint. Wer sich hier Zeit lässt, riskiert, auf die letzten zwei, drei Sätze einen Tag warten zu müssen, und so etwas mag unerträglicher sein, als den Text gar nicht erst zu Gesicht zu bekommen.

Was die gegensätzlichen Faktoren Geduld und Ungeduld verbindet, ist die Aufwertung des Zugangs zur Schrift. Jan Ulrich Hasecke hat an 23:40 die Erzeugung eines fast schon vergessenen Gefühls hervorgehoben: "Das Glück des Lesens, das früher einmal all jene ergriffen haben muss, die aus bescheidenen Verhältnissen kommend zum ersten Mal eine gut ausgerüstete Bibliothek besuchen durften." (Hasecke) Man musste lange warten auf diesen Moment, und man ist irgendwie gut beraten, jetzt keine weitere Zeit zu verlieren.

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