www.dichtung-digital.de/Simanowski/30-Dez-99


Index - 1 - 2 - 3 - 4//1 - 2 - 3 - 4 - 5 -//5 - Bibliographie

4.3. "23:40" - Schrift als mündliche Kommunikation

Bedeutet die Verschriftlichung der Kommunikation gegenüber ihrer mündlichen Variante eine doppelte Situationsentbindung - von gleicher Anwesenheit in Zeit und Raum - , so schafft "23:40" durch sein Präsentationsprinzip eine Sonderform der Situationsgebundenheit. Indem die gemeinsame Zeit zur Grundlage der Kommunikation gemacht wird, werden innerhalb einer schriftlichen Kommunikation partiell die Teilnahmebedingungen der mündlichen Kommunikation reetabliert. Dies geschieht allerdings nicht in der Form, wie man es vom Telefon kennt: Nicht die Zeit des Berichts, sondern eine festgelegte Zeit seiner 'Ausstrahlung' muss mit der Zeit der Anwesenheit des Rezipienten übereinstimmen. Die Situation ist vergleichbar mit der Kommunikation in den zeitbasierten Medien Radio und Fernsehen.

Die Nähe zu diesen Medien kann noch forciert werden, wenn der Autor eines Textes einen langen und recht kompliziert ausgedrückten Text in den Zeit-Raum einer Minute setzt (die Länge ist alledings auf maximal 200 Wörter begrenzt). Der zu langsame Leser wird, wenn er den Text nicht rechtzeitig runtergeladen hat und anhaltendes Interesse vorausgesetzt, auf die nächste Möglichkeit der Lektüre warten müssen (also n mal rund 24h), womit dieses Projekt die gleiche Fortsetzung-folgt-Strategie einsetzt, mit der Radio und Fernsehen ihr Publikum zu bestimmten Zeiten 'um sich' versammeln. Eine andere, tatsächlich eingesetzte Möglichkeit ist die Verteilung zusammengehörender Texte auf verschiedene Zeitpunkte, die die Leser zu bestimmten Zeitpunkten an den Bildschirm zwingt. (1) Diese Möglichkeit kann freilich individuell genutzt werden, indem ein Autor adressierte Leser auf seinen 'besonders spannenden Text' hinweist, der z.B. um 3:07 Uhr in der Nacht erscheint.

Wenn die schriftliche Kommunikation sich hier zum Teil wie eine mündliche verhält, erwachsen daraus ganz neue Ausdrucksformen. Man muss annehmen, dass die Festlegung auf den Ein-Minuten-Takt die Vermittlung existentieller Erfahrungen ausschließt. Diese Gefahr besteht durchaus, selbst wenn es mitunter gelingen sollte, dem Prokrustesbett der 60 Sekunden zu entkommen und einen Text auf mehrere freie Minuten hintereinander zu verteilen. Aber die Präsentationsform von "23:40" bietet auch ganz neue Möglichkeiten, solche Erfahrungen nahe zu bringen.

Ein Beispiel ist jener oben abgebildete Bericht über die per Email erhaltene Nachricht vom Tode des besten Freundes. In dem dieser Minute folgenden Abschnitt 09:19 steht nicht mehr als: "PS: RL ist SCHEISSE!" Diese vulgäre Fortsetzung der Todes-Nachricht aus dem realen Leben ist, wie Grigat bestätigt, vom gleichen Autor, der damit seinem Freund eine Schweigeminute verschafft. Die programmatische, programmgesteuerte Verknappung der Schreibzeit, die Mitteilung auf Banalitäten zu reduzieren droht, wird hier im Gegenteil zur Basis einer sehr bewegenden Mitteilung durch die freiwillige Verknappung der Mitteilung. Die Leser, gefangen im Minutentakt, sind gefangen im Gedenken des Todes - sie können weggehen, wie man immer auch weggehen oder wegdenken kann in solchen Situationen, aber sie können nicht fortfahren. (2)

- 1 - 2 - 3 - 4//1 - 2 - 3 >> 4 - 5 -//5 -


(1) Von der Seite "Hilfe und Statistik" linkt Grigat auf "Zeiten und Seiten", wo es geheimnisvoll heisst: "Das komplette Protokoll der 'Achtzehn Telefonate' finden Sie in richtiger Reihenfolge um 9:01, um 9:15, um 9:35, um 18 :00, um 8:00, um 14:00, um 17:10, um 17:30, um 8:02, um 8:10, um 8:15, um 14:01, um 14:05, um 14:15, um 14:20, um 14:30, um 14:40 und um 14:45."

(2) Ein Resultat dieser (Ge)Denkminute könnte freilich die Frage nach den genaueren Umständen dieser Mitteilung sein. Während der Text in Minute 09:17 mit einem "Gerade […] telefoniert" eingeläutet wird und somit auf die Vorläufigkeit des Berichteten hinweist, suggeriert der Text zu 09:18 ("ich mache die mailbox auf …") durch sein Präsens eine Unmittelbarkeit von Ereignis und Bericht, die gerade in diesem Falle sehr unwahrscheinlich ist. Diese Unmittelbarkeit trifft andererseits sehr gut die berichtete Konfrontation mit der Todesbotschaft, aus der der Schreiber offenbar, und wahrscheinlich durchaus mit einiger Verzögerung, in die Mitteilung, als Möglichkeit der Verdrängung bzw. des 'Fortfahrens', flieht.