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4.4. "23:40" - Lesers als Schreiber

Jedes kollektive Schreibprojekt ist ein System der wechselseitigen Leser-Autorschaft; Leser sind potentielle Autoren, Autoren sind zuverlässige Leser. Dies gilt für "23:40" nicht minder als für das "Generationenprojekt", den "Assoziations-Blaster" oder "Beim Bäcker". Grigats Projekt forciert den Rollentausch allerdings in ganz besonderer Weise, indem es die Anzahl möglicher Autoren beschränkt durch die Beschränkung der Schreibplätze.

Wenn man so will, ist die Minute in "23:40" die Aktie, die sich der Leser erwerben kann, um als Autor aufzutreten. Für die Gegenleistung eines Textes erwirbt man sich eine, allerdings anonyme Ausdehnung in Zeit und Raum. In einer Lesermeinung wird dieser Aspekt unter dem Slogan "23:40 Macht deine Zeit zur Ewigkeit" expliziert: "Erinnerungen bewahren - einfrieren für die Ewigkeit. Und wenn nur ein Moment, eine Minute in Ihrem Leben bemerkenswert ist, hier ist der Platz, an dem er zur Erinnerung der Menschheit wird." Die finanztechnische Sicht der Dinge lässt sich mit dem Vermerk fortführen, dass es in dieser '24-Stunden-Aktiengesellschaft' günstigere und weniger günstige Aktien gibt, und zwar zu je gleichen Konditionen. Welches die günstigeren Aktien bzw. Minuten sind, weiss jeder, der sich einmal Zugriffsstatistiken zu Websites angesehen hat; die übliche Schlafenszeit, soviel ist gewiss, bringt jedenfalls nicht die 'Höchstausschüttung' an Lesern, und der Blick in die Statistik von "23:40" bestätigt, dass auch hier 20 Uhr die beste Sendezeit ist. (1) Eine Pointe in "23:40" liegt nun darin, dass nicht die Autoren die Aktien besitzen, sondern diese die Autoren.

Aleida und Jan Assmann betonen, dass die Loslösung der schriftlichen Kommunikation vom zeremoniellen Verlautbarungsanlass ihr die unmittelbare Bedeutsamkeit der mündlichen Rede nimmt und dieser Verlust durch die Schaffung der Legitimationsinstanz Autor kompensiert wird. (Assmann, 276) So scheint es nur folgerichtig, wenn im vorliegenden Falle eines wiederhergestellten zeremoniellen Verlautbarungsanlasses auch die Autorinstanz wieder aufgelöst wird. An die Stelle des Autors tritt der Verlautbarungsanlass der richtigen Minute. Und zwar geschieht dies im banalen wörtlichen und im tieferen übertragenen Sinne: Die Minute nimmt die Stelle ein, an der sonst der Autorname steht, und sie ist Anlass der Textproduktion.

Dass die Texte keine Autornamen tragen, entspricht zunächst einmal ganz dem Wesen des Mediums. Da Autorschaft Werkherrschaft ist und da im Internet nur der Administrator der Website diese Werkherrschaft besitzt (2), ist es konsequent, auch nur dessen Namen anzuführen. Inwiefern der Autor- und Werkbegriff bei einem kollektiven Schreibprojekt an dessen Leiter zu binden sind, wurde schon am Beispiel des "Generationenprojekts" diskutiert; dass "23:40" nur Guido Grigats Namen aufweist, trägt diesem Umstand sehr genau Rechnung. (3)

Die Anonymität besitzt ihren tieferen Sinn freilich darin, dass im Grunde ja tatsächlich die Minute wenn auch nicht Autor, so doch motivationsspezifisch Urheber/Ursache des Textes ist. Denn die Minute, die noch nicht beschrieben ist, ruft ihren Lesern entgegen, sie zu füllen: "Leider", so liest man bei jeder leeren Minute, "kann sich 23:40 zu diesem Zeitpunkt an nichts erinnern. Können Sie dem kollektiven Gedächtnis auf die Sprünge helfen?" In diesem Ausruf versteckt sich der tiefere Grund des Erinnerns in "23:40".

Es wurde schon gesagt, dass das Projekt weniger die Erinnerungen der Beiträger aufweist als deren Erlebnisse. Grigat kommentiert: "Was den Erinnerungscharakter angeht: wie gesagt, ich bin nicht sicher, ob ich mich entscheiden muessen moechte zwischen: Schickt mir Eure Erinnerungen oder: schickt mir Eure Erlebnisse, damit wir uns erinnern." (E-Mail am 14. 10. 1999) Aber es geht auch nicht so sehr um das Erinnern fremder Erlebnisse - "Im Grunde erinnert natuerlich nur der Schreiber beim Lesen des selbst Geschriebenen" (ebd.) - und eigentlich geht es auch nicht um das Erinnern im Angesicht der festgehaltenen eigenen Erlebnisse. Es geht um das Erinnern angesichts nicht festgehaltener Erlebnisse.

Die Leerstelle der unbeschriebenen Minute ist die Erinnerungsstelle, sie veranlasst den wartenden Leser, in sich zu gehen, zu erinnern bzw. zu vergegenwärtigen, mit dem Ergebnis einer Notiz. "23:40" nutzt die Methode der Konzeptkunst, durch entgegengebrachtes Schweigen den Rezipienten zum Produzenten zu machen. Das berühmte Vorbild ist John Cages Klavierstück "4'33''" (1953), wo das viereinhalbminutenlange Schweigen des Pianisten die Geräusche der Zuhörer provoziert, als eigentlichem Inhalt des Stückes. In "23:40" provoziert die schweigende Minute. Da das zu den Bedingungen mündlicher Kommunikation geschieht (zeitliche Identität von Verlautbarung des Textes und Anwesenheit der Rezipienten), gibt es tatsächlich ein Publikum, das dieses Schweigen gemeinsam erfährt. Der Unterschied zwischen "23:40" und "4'33" ist, dass in unserem Falle das Publikum nicht beieinander sitzt, sondern an isolierten Computern, und somit dem Schweigen jederzeit entfliehen kann. Insofern produziert das Schweigen nicht zwangsläufig Geräusch, während die umgekehrte Formel durchaus gilt: Geräusch resultiert aus Schweigen. (4)

Dass der Platz, an dem man dieses 'Geräusch' schließlich 'hören' kann, nicht zwangsläufig der Zeitpunkt seiner Verursachung ist, empfindet man allerdings als Inkonsequenz. Das Projekt bietet den Autoren die Freiheit, die Minute selbst zu wählen, in der der eingesandte Text zugänglich sein soll. Das bedeutet, dass die an eine bestimmte Zeit im Projekt gebundene Erfahrung der Leere nicht zwangsläufig als Erfahrung dieser Zeit wirksam wird.

Ein Grund der vorliegenden Inkonsequenz ist gewiss die Problematik der Kontrolle. Wie will man sichern, dass ein für die Minute 23:45 bestimmter Text auch tatsächlich in dieser Minute geschrieben wurde und somit die Authentizität erreicht wird, die die Ersetzung des Autornamens durch die Minutenbezeichnung erwarten lässt? Man kann maximal voraussetzen, dass der Text in dieser Minute verschickt wurde, da die Email den Zeitpunkt im Absender zeigt. Dies würde im günstigsten Fall bedeuten, dass der Text in der Minute zuvor geschrieben wurde, im weniger günstigen, dass er schon Stunden früher vorlag, jetzt aber immerhin abgesandt wird. Man kann jedoch nicht ausschließen, dass das Mailprogramm auf die Versendung in dieser Minute eingstellt wurde und der Autor schon schläft, mit Freunden beim Wein sitzt oder anderweitig keinen Gedanken an diese Minute in dieser Minute verschwendet.

Die Inkonsequenz ist jedoch nicht nur Folge mangelnder Überwachungstechnik, sondern auch der Konzeption. Grigat sieht in der Übereinstimmung zwischen der Minute der Einsendung eines Texte und der Minute seiner Präsentation keine Notwendigkeit: "die Frage ist, ob es fuer den Charakter des Projekts oder die Aussage des Projekts noetig ist, den Schreibvorgang genauso konsequenten Bedingungen zu unterwerfen wie den Lesevorgang. Ist es imho absolut nicht." Dieser absoluten Verneinung widersprechen wir entschieden: Wenn man einen um 7:13 verfassten Text in die Minute 19:05 setzen kann, ergibt sich die Frage nach der Semantik der konkreten Uhrzeit. Man hätte dann die 1 440 Minuten eines Tages auch einfach aufwärts zählen und unverblümt von 'Zeiteinheit 373' oder 'Zeiteinheit 658' reden können, unter dem Titel "1 360" statt "23:40".

Natürlich bleibt der Umstand, dass ein Text nur zu seiner Zeit abrufbar ist. Aber der Bedeutsamkeit, der Aura der 'bestimmten Minute' wird somit die vorangegangene Handlung genommen. Wenn die zeitliche Festlegung des Zugangs zum Text nur auf der Seite der Rezeption besteht, wirkt das ganze wie ein Spiegelbild ohne Original. Die 'schriftliche Mündlichkeit' der kommunikativen Konstellation von "23:40" geht dann verloren, die so faszinierende zeitversetze Identität von Verlautbarungsanlass und Rezeptionsmoment schwindet auf die auch recht interessante, aber von Radio und Fernsehen eben auch schon reichlich bekannte Identität von Ausstrahlungs- und Rezeptionsmoment.

Dieser Vorwurf basiert auf einer Grundlage, die Grigat gar nicht teilt. Da für ihn nicht die leeren Minuten die eigentlichen Autoren der Texte sind - "Ich erinnere mich eher beim Lesen der eingesandten Texte an etwas, als beim Betrachten der Nullseiten" (E-Mail am 15. 10. 1999) -, sieht er auch nicht die Notwendigkeit, die Texte an die Minuten ihrer Einsendung zu binden. Und da er das zugrundegelegte Konzept nicht teilt, ist auch die Rede von konzeptionellen Mängeln nicht fair. Allerdings ist dann zu fragen, worin das Konzept eigentlich besteht. Worin liegt die zeitliche Spezifik der Textpräsentation? Repräsentiert die konkrete Minute im Projekt den Zeitpunkt eines Geschehens, den Zeitpunkt eines erinnerten Geschehens oder den Zeitpunkt des Erinnerns an ein Geschehen?

Die Fragestellung mag kleinlich wirken, gleichwohl ist die Antwort erheblich, denn sie bestimmt den Charakter des ganzen Projekts. Im ersten Falle würde es auf Ereignisse festgelegt werden, die jemand jetzt aufschreibt und erst im Moment des späteren Lesens in "23:40" erinnert. Im zweiten und dritten Fall würde es sich um Erinnerung handeln, die dem Aufschreiben vorausgeht. Dieser unterschiedliche Einsatzpunkt des Erinnerns vor oder nach dem Aufschreiben und Einsenden verändert wesentlich die Stellung des Projekts zum Erinnern: als dessen Produkt oder Anlass.

Damit liegen praktisch zwei grundverschiedene Ansätze vor, die Text-Präsentation einer bestimmten Minute zu semantisieren. Geht es um Ereignisse - ist das Projekt also Anlass des Erinnerns -, müssten konsequenterweise erzählte und repräsentierende Tages-Zeit übereinstimmen. Die Öffnung der E-Mail mit der Todesnachricht in der Projekt-Minute 9:18 ist dann idealerweise tatsächlich um 9:18 (an irgendeinem Tag) erfolgt, was dieser Minute eine Authentizität gibt, die sie im Erinnerungsgeflecht des Projekts fortan (an jedem Tag) als diese eine Minute der Todesbotschaft konnotiert.

Werden nicht Ereignisse notiert, sondern Erinnerungen - ist das Projekt also Produkt des Erinnerns -, würde die repräsentierende Projekt-Minute entweder ebenfalls den Zeitpunkt eines Ereignisses anzeigen (der sich dann vom Zeitpunkt des Niederschreibens unterscheidet) oder den Zeitpunkt des Erinnerns an ein Ereignis. Im letzteren Falle dürfte der abendliche Opernbesuch durchaus eine Projekt-Minute der Morgenstunden besetzen; der semantische Wert dieser Minute läge dann etwa im Hinweis darauf, wann eine Erinnerung eintritt.

All diese drei Varianten sind eine sinnvolle Möglichkeit, die zeitlich strukturierte Ordnung des Erinnerns in "23:40" zu semantisieren. Allerdings sind sie dies wohl nur in ausschließlicher Anwendung. Der Einsatz aller drei Varianten zugleich deutet eher auf Indifferenz gegenüber der Beziehung des Projekts zum Erinnern und weist damit doch wieder auf Mängel in der Konzeption. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn gelegentlich auch eine vierte Variante benutzt wird, nämlich jene vorher erörterte des Eintreffens eines Textes; diejenigen Texte, die ohne Wunsch-Minute eintreffen, setzt Grigat in die Minute ihrer Absendung (E-Mail am 15. 10. 1999). Verzichtet die im Projekt eingesetzte Ordnung des Erinnerns jedoch auf eine stimmige Semantisierung, wirkt die raffinierte Konstellation des vorgefundenen zeremoniellen Verlautbarungsanlasses als nicht viel mehr denn technische Spielerei, die ihr eigenes philosophisches Potential nicht einzuholen vermag.

Ein Ausweg läge darin, schließlich doch die Minute als eigentlichen Autor des Textes zu verstehen und demzufolge dessen Eingangszeit - als ungefähre Produktionszeit - konsequent zur Präsentationszeit zu machen. (5) Die Authentizität der Minute ist dann nicht in ihrer Identität mit erinnerten oder erlebten Ereignissen zu sehen, sondern in ihrer Rolle als Anlass der Textproduktion. Der Akzent läge in ihrer Verwandlung von einer leeren zu einer beschriebenen Stelle, was ja immer auch die Verwandlung eines Lesers in einen Schreiber bedeutet. Das Merkmal einer jeden beschriebenen Minute wäre aus dieser Perspektive nicht, womit sie beschrieben ist, sondern dass sie beschrieben ist. Genauer gesagt: dass sie schon beschrieben ist. Dies entspräche voll und ganz der Logik des Projekts, dessen Wesen ja darin besteht, dem Zustand der völligen Beschriftung entgegenzugehen.

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(1) Die Zeit von 20:00 bis 20:59 ist mit 22 Beiträgen am besten gefüllt, gefolgt von der Folgestunde und der 24. Stunde mit 21. Die 23. Stunde fällt mit 14 Beiträgen erstaunlicherweise auf das Nachmittagsniveau zurück, weitere Stoßzeiten sind die 15. Stunde (18), die 20. und 10. (17), erwartungsgemäß dünn besetzt die Stunden nach Mitternacht mit 3-7 Beiträgen (Statistik am 17. 12. 99 um 14:56).

(2) Aber selbst dies ist keine Garantie, da Hacker das Password entschlüsseln und Fälschungen unbemerkt vornehmen können.

(3) Einige Beiträger sind in der Liste der Preisträger namentlich aufgeführt, allerdings ohne Nennung ihres Beitrages. Natürlich trifft man einige alte Bekannte aus dem "Generationenprojekt" wieder und noch viel mehr aus der Mailingliste Netzliteratur.

(4) Diese Formel stimmt mindestens in der Hinsicht, dass es ohne leere Seiten keinen Schreibanlass mehr gäbe - so wie ein eifriger Pianist verhindert, dass das Publikum Geräusche verursacht.

(5) Die Mängel auch dieser Variante wurden schon angesprochen: es kann nicht gesichert werden, dass der Zeitpunkt der Absendung mit dem des Schreibens einigermaßen übereinstimmt; zumeist wird man aber wohl davon ausgehen können, wobei der Akzent der Minute gar nicht auf der zeitlichen Korrektheit liegt.