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4.5. "23:40" - Einheit von Erinnern und Vergessen

Jan Ulrich Hasecke wünscht "23:40": "Möge das 'Kollektive Gedächtnis' nie von Alzheimer befallen werden." (Hasecke) Ein gutgemeinter, naheliegender Wunsch, wenn es ums Erinnern geht. Trotzdem möchten wir widersprechen. Denn wenn "23:40" nicht vergisst, geht es, anders als Haseckes eigenes Projekt, ein.

Das Problem liegt auf der Hand. Kollektive Schreibprojekte leben vom ständigen Rollentausch ihrer Leser-Autoren und sind weniger ergebnis- als prozessorientiert angelegt. Sie kommen zumeist nicht an irgendein Ende, sondern hören irgendwann, nach Monaten des Dahin-Existierens mit reduzierter Lebensenergie (wie im Falle "Beim Bäcker"), einfach auf. "23:40" zielt von seiner Anlage her jedoch auf das unausweichliche Ende. Da in diesem Projekt der Mangel an Schrift zur Produktion von Schrift führt, wird die Beseitigung des Mangels auf der Rezeptionsebene einen Mangel auf der Produktionsebene verursachen. Auch wenn heute noch nicht einmal ein Viertel der Plätze belegt ist, die Zeit wird kommen, da es nur noch zehn, fünf, zwei freie Minuten gibt. Wird die Füllung aller Minuten die Vollendung oder den Tod des Projekts bedeuten?

Man stelle sich die letzten Stunden des Projekts vor: Die zunehmende Verknappung der Schreibplätze wird die freien Minuten immer kostbarer machen und einen Wettlauf derer verursachen, die die letzte Gelegenheit ergreifen wollen. Nie war das Projekt mehr in aller Munde als in seinen letzten Augenblicken, niemals war es mehr Projekt. Und niemals war es stärker Lotterie als jetzt, der Hauptpreis: eine leere Seite. Wie heute auf beschriebene, wird man dann auf leere Minuten warten. Man wird in den Konzertsälen nach Pianisten suchen, die still an ihrem Instrument sitzen. Man wird sich um die miserabelsten Grundstücke reißen, um Minuten in der vierten oder fünften Nachtstunde, und man wird mehr für sie investieren, als heute für die beste Sendezeit. Schließlich, die Nachricht wird sich wie ein Lauffeuer verbreiten, ist auch die letzte Fläche vergeben. Geschafft! Freude unter den Teilnehmern, aber sehr schnell auch, auch sehr viel stärker, der Schrecken des Never More!

Man kann sich schwer vorstellen, dass die Leser nun von der vorher so beworbenen Option, Autor zu werden, einfach Abschied nehmen und sich künftig mit der Rolle des Lesers begnügen. Sie werden das Projekt meiden, weil es kein Projekt mehr ist. Seine Vollendung wird seinen Tod bedeuten. Aus dieser Situation gibt es zwei Auswege: einen langweiligen und einen raffinierten.

Der langweilige Ausweg besteht in der Schaffung neuer Schreibplätze. Der Projektleiter könnte einen zweiten Durchlauf starten und jeder Projekt-Minute erlauben, einen weiteren Text aufzunehmen. Das wäre freilich nur die Wiederholung des Gewesenen und insofern nicht gerade originell. Noch schlimmer wäre es allerdings, eine Doppel- oder Mehrfachbelegung schon vor der Beendigung des ersten Durchlaufs zu ermöglichen, wie es Grigat nach zweifelhafter Beratung erwog. (1) Damit ginge der Reiz der Verknappung der Schreibplätze völlig verloren, zugunsten einer äußerst fragwürdigen und letzlich äußerst langweiligen Unsterblichkeit.

Raffinierter wäre der Ansatz des Palimpsests, also das allmähliche Überschreiben der Texte aus dem ersten Durchlauf. Dieses Überschreiben hätte zugleich einen semantischen Mehrwert, denn es würde der Erinnerungsarbeit eine bittere, aber notwendige Wahrheit einschreiben: Erinnerungen konkurrieren, bekämpfen sich und heben sich auf. Um diesen Umstand im Projekt plastisch zu machen, könnte man die Raffinesse des Palimpsest-Verfahrens nun dadurch erhöhen, dass den neuen Texten die beschränkte Lebenszeit von 24 Stunden gegeben wird. Danach werden sie automatisch gelöscht, ist die überschriebene Fläche wieder frei, allerdings noch nicht zur Neubeschreibung. Das Projekt hätte seine Richtung geändert, es würde nun auf seine völlige Leere zusteuern. Schreiben hieße jetzt Leerstellen schaffen. Erst die 'negative Vollendung' des Projekts mit Leerstellen würde dann den Neudurchlauf in der ursprünglichen Form ermöglichen.

Wenn solcherart für jede Geschichte, die verschwinden soll, eine andere Geschichte erzählt werden muss, wäre schließlich gerade die Leere der Beweis dafür, dass es genug zu erzählen gibt. Das wäre nicht nur ein reizvolles Paradox; das Verschwinden des Aufgeschriebenen bedeutete zugleich eine individuelle Vergegenwärtigung des Erlebten, zu Erinnernden im Prozess seiner Veröffentlichung. Das Projekt wäre Anlass der Niederschrift, bewahrte diese aber nur unzulänglich. Sie mag innerhalb ihrer 24 Stunden auch von anderen gelesen worden sein, (2) zuverlässiger aufgehoben ist sie allerdings im Gedächtnis dessen, der sie verfasst hat. Er oder sie wird sich angesichts der leeren Seite erinnern, was vormals auf diese geschrieben wurde.

Anlass des Erinnerns wird letztlich jedoch nicht nur die eigene leergeschriebene Seite sein, sondern alle leeren Seiten, denen man begegnet. Da das Projekt mit zunehmenden Palimpsesten zunehmend weiß wird, werden die Leser zunehmend nichts zu lesen haben. Im Gegensatz zum ersten Durchlauf gilt es nun aber auch nicht, etwas zu schreiben. Es gilt, die eigenen Texte zu erinnern, die in jenen 1 440-n leeren Seiten unsichtbar enthalten sind. Das Erinnern ist damit wieder ganz auf das Gedächtnis des Erinnernden verwiesen, kurioserweise jedoch auf der Grundlage der Existenz des zu Erinnernden in der Schrift. Eine Versöhnung zwischen Theuth und Sokrates.

Das Projekt wird es mit diesem Konzept freilich schwerer haben, Mitwirkende zu finden, als mit dem jetzigen oder mit dem der Mehrfachbesetzung. Die konsequente Verknappung der Schreibplätze und gar das Modell des Schreibens als Verschwinden von Schrift ist ein Risiko, für das es möglicherweise noch gar kein Publikum gibt. "23:40" muss dieses Wagnis nicht eingehen, es ist schon durch seine jetzige Form der Zugangsregelung ein faszinierendes Projekt. Man wünscht dem Projekt jedoch die Courage, der eigenen Logik zu folgen und sich somit schließlich vollends über die sonst im Netz üblichen, zumeist recht biederen Erinnerungssammlungen zu erheben.

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(1) Grigat in der E-Mail am 13. 10.: "In den naechsten Tagen/Wochen bereits werde ich ermoeglichen, dass nun zu einem Zeitpunkt mehrere Erinnerungen liegen duerfen - ich wollte dies vermeiden, um zu erreichen, dass nicht nur wenige Zeitpunkte angefuellt werden, sondern viele, aber am Wochenende in Ettlingen kristallisierte sich heraus, dass das wenig Sinn macht."

(2) Es wäre vielleicht sogar ratsam, die Versuchsanordnung etwas zu ändern und jede neu beschriebene Minute unabhängig von der tatsächlichen Tageszeit zugänglich zu machen. Der zeremonielle Verlautbarungsanlass wäre dann die jederzeitige, aber auf 24 Stunden begrenzte Zugänglichkeit.