www.dichtung-digital.de/Simanowski/30-Dez-99/Generationenprojekt.htm


Generationenprojekt
Geschichte von unten von oben

Roberto Simanowski

Jan Ulrich Haseckes "Generationenprojekt. Ein halbes Jahrhundert im HYPERTEXT" versammelt Texte zu jedem Jahr von 1950-1999. Die Autoren dieser Texte sind all jene, die ihre Erinnerung in dieses offene Schreibprojekt einbringen wollen und somit gewissermaßen ein kollektives Gedächtnis produzieren.

Erklärte Intention ist die "Geschichtsschreibung von unten": Das Projekt "soll zeigen, daß es neben der großen Geschichte in den Geschichtsbüchern auch die Geschichte der Menschen gibt: Der erste Kuß, Schulabschluß, neu in der großen Stadt, der Abschied - jeder von uns hat viele Erinnerungen, schöne und traurige, die es wert sind, festgehalten zu werden." Hier also sind die Alltagserfahrungen eines Müllers einmal gefragter als die Erinnerungen eines Politikers. Das Generationenprojekt bietet als öffentlicher Ort all jenen Raum, die ihre private Geschichte(n) aus dem Dunkel der Tagebücher oder dem engeren Kreis der Verwandten, Bekannten emporheben wollen.

Gleichwohl ist Lieschen Müllers erster Kuss nur insofern interessant, als er sich irgendwie an die große Geschichte hängen lässt. Hasecke wünscht sich eine "individuelle Sicht auf ein großes oder kleines historisches Ereignis", eine "persönliche Verstrickung in die Geschehnisse", und gibt deswegen im Editorial die Stichworte vor: "Wie war das noch? Damals als die Mauer gebaut wurde, als der Minirock für Skandale sorgte, als die 68er auf die Straße gingen, als die RAF die Bundesrepublik terrorisierte, als Biermann ausgebürgert wurde, als Tschernobyl explodierte, als die Mauer fiel, als ... Schreiben Sie Ihre persönlichen Erinnerungen an wichtige Ereignisse der letzten 50 Jahre auf und schicken Sie sie ans GenerationenProjekt. Hier werden sie veröffentlicht."

Diese Einbettung persönlicher Erinnerung in die Erinnerungen herkömmlicher Geschichtsbücher zieht sich durch das ganze Projekt. Hasecke zählt für jedes Jahr einige relevante Ereignisse auf und liefert mitunter einen kurzen Text zu wichtigen Ereignissen. Ein Verfahren, das als Rahmensetzung nahe liegt, ein bisschen aber auch wie die Absicherung gegen die Ungewissheiten wirkt, die aus der Geschichte von unten entstehen mögen.

Geschichte von unten bleibt es freilich auch, wenn es sich nicht um den ersten Kuss mit der ersten Liebe handelt, sondern tatsächlich um individuelle Perspektiven auf Großereignisse wie Stalins Tod, die Studentenrevolte, den Mauerbau oder die Wiedervereinigung. Und die Anwesenheit der historischen Eckdaten im Projekt verhilft der Geschichte von unten eigentlich erst zu ihrem Recht, wenn sie entweder durch persönliche Erlebnisse mit Leben gefüllt oder durch ganz andere Erlebnisse einfach übergangen und damit gleichsam in ihrer Bedeutsamkeit relativiert werden.

Das Jahr 1953 bietet Beispiele für beide Varianten: der Beitrag "Wie ich diese langen Strümpfe gehasst habe!" erwähnt Stalin mit keine Silbe, der Beitrag "Ballspiele. Eine Kindheit in Warschau", in dem Stalin als Denkmal den Ball des dreijährigen Helden zurückwirft, wirkt wie der Kommentar Betroffener auf die sachliche Mitteilung der Verfolgung jüdischer Ärzte durch Stalin. Dem historischen Gewicht des Jahres 1968 wiederum wird von unten gegengehalten, wenn der allseits bekannte politische Aktionismus plötzlich dem Neuigkeitswert einer AC/DC-LP unterliegt oder wenn die pubertierenden Revolutionäre sich ins Diskutieren flüchten, als eine Frau sie mit der Bereitschaft konfrontiert, die Losung der freien Liebe hier und jetzt zu praktizieren.

Zum Stand der Dinge Ende 1999: Für jedes Jahr werden so viele Erinnerungen aufgeführt, wie als Zusendungen eintreffen. Meistens sind dies zwei oder drei, im Spitzenjahr 1968 vier. Über große Strecken herrscht allerdings Schweigen, so von 1954 bis 1965 und von 1978 bis 1985. Auch die Zahl der beteiligten Autoren ist mit 19 noch recht überschaubar. Beiträge aus dem Osten Deutschlands scheint es nicht zu geben. Hat man dort weniger erlebt und zu berichten? Wenn das so weitergeht, wird es noch eine 'Geschichte von west-unten'. Man wünscht dem Projekt, im neuen Jahrtausend von den Wie-war-das-doch-damals-Fragen zu profitieren, die solche Zeitenwenden im Gepäck haben. Wer sich seinen Platz in der Geschichte von unten sichern will, der zögere nicht länger!
[Roberto Simanowski]

Ausführlicher zum "Generationenprojekt" siehe die entsprechenden Abschnitte in "Die Ordnung des Erinnerns. Kollektives Gedächtnis und digitale Präsentation" in der Rubrik >Theorie<.


Ihr Kommentar

to homepage dichtung-digital
home