www.dichtung-digital.de/Simanowski/30-Dez-99


Die Ordnung des Erinnerns.
Kollektives Gedächtnis und digitale Präsentation

In der Schrift sah Sokrates nicht nur die Schwächung des Erinnerungsvermögen voraus, er beklagte auch das Schweigen der Wörter gegenüber den Fragen ihrer Rezipienten. Zwar entwickelte sich aus eben dieser Trennung von Sprecher und Rede die scientific community - mit Büchern als Fragen und neuen Büchern als Antworten -, aber das Schweigen hatte damit kein Ende, denn nun regelte die "Polizei des Diskurses" die Erteilung der Sprecherlaubnis.

Das Internet bricht mit dem Schweigen in doppelter Weise: es minimiert die Zugansbarrieren zur öffentlichen Rede auf ein Taschengeld und auf Minimalkenntnisse der HTML-Edierung. Es bedeutet zugleich eine Oralisierung der Schrift: in MUDs und Chat-Groups, aber auch durch Foren und E-Mails, die die unmittelbare Reaktion zum Regelfall machen. Genaue Zugriffsstatistiken ermöglichen sogar den für die mündliche Kommunikation so bezeichnenden 'Vorausblick' auf die Adressaten. Ist das Internet eine Lösung jener Probleme, die Sokrates mit dem Aufkommen der Schrift sah? Ist es das neue kollektive Gedächtnis? Der Beitrag geht, nach einer kurzen Erörterung des Zusammenhangs von digitalen Technologien und Erinnern, dieser Frage anhand zweier Internet-Projekte nach, die das kollektive Erinnern zu ihrem Anliegen erklären.

Das Internet ist gekennzeichnet durch eine archivische Unter- wie Überfunktion: Die Unzuverlässigkeit besteht in der Manipulierbarkeit der gespeicherten Daten und in ihrer Kurzlebigkeit (wegen der Kurzlebigkeit ihrer Presentationstechnologien), die Überfunktion besteht in der Übertreibung des Speicherns. Da Manipulierbarkeit im Netz zum Standard gehört und die Gegen-Illusion der ver- und besiegelten Nachricht fehlt, verschiebt sich das Problem vom Datenträger zum Datenempfänger, der aus der Haltung der Konsumtion verbürgten Wissens in die Mündigkeit des Zweifelns gestoßen wird. Die Kurzlebigkeit der Technologien wirkt als Gegensteuerung zur archivischen Überfunktion, insofern nur jene Daten erhalten bleiben, die durch fortlaufende Aktivierung immer wieder in die jeweils neueste Technologie umgeformt werden. Da die fortlaufende Aktivierung der Daten zugleich Notwendigkeit und Würdigkeite ihres Erinnerns belegen, liegt eine Art 'hypomnesischer Darwinismus' vor.

Jan Ulrich Hasechkes "Generationenprojekt. Ein halbes Jahrhundert im HYPERTEXT" lädt seine Leser ein, ihre persönlichen Erinnerungen zu den Jahren 1950-99 einzuschicken, und intendiert erklärtermaßen eine "Geschichte von unten". Da die historischen Großereignisse in Konzept und Ausführung eine perspektivierende Rolle behalten und es eigentlich mehr um die persönliche Verstrickung in diese geht als um die ganz privaten Erlebnisse abseits von den Eckdaten der Geschichtsbücher, entkommt diese Geschichte von unten nicht der Geschichte von oben. Die Beiträger, so scheint es, sollen sich als historisch bewusste Wesen verhalten, die Geschichte aus einer individuellen, vielleicht ein bisschen verqueren, sicher auch ein bisschen falschen Perspektive erzählen mögen, aber doch mit den richtigen Stichwortern.

Diese Vorgabe mag sinnvoll sein, denn Lieschen Müllers erster Kuss ist dann doch von recht begrenztem Interesse, es sei denn er findet auf einer Demonstration im 68er Sommer statt oder auf der Mauer im 89er November. Die Moderation wirft allerdings zugleich Licht auf die Rolle des Projektleiters als 'Polizist des Diskurses', der mit den gesetzten Teilnahmebedingungen Sprecherlaubnis erteilt und verweigert. Dass dies durchaus im Interesse der Qualität des Projekts geschieht, für die einmal der Name des Projektleiters wird bürgen müssen, ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass die damit erstellte Geschichte von unten zwar Ergebnis kollektiven Erinnerns ist, aber eben eines Erinnerns, das am Projektleiter vorbei musste. Die Repräsentanz kollektiver Schreibprojekte ist damit zu relativieren: Insofern der Zugang für alle - der ja erst den Anspruch auf Repräsentanz rechtfertigt - seine Grenzen in den Intentionen des Projektleiters findet, überlebt im Resultat des kollektiven Schreibvorgangs ein Autor- und Werkaspekt, der durchaus individuell benennbar ist.

Guido Grigats Schreibprojekt "23:40" - in dem es darum geht, die 1 440 Minuten eines Tages mit Texten zu füllen - intendiert explizit, kollektives Gedächtnis zu sein. Der Charakter des Erinnerungsstoffes ist recht offen (Erinnerung an eine bestimmte Minute, in dieser bestimmten Minute oder Erlebnis in dieser Minute, die erst durch das Aufschreiben zum Erinnerungsstoff wird), das Konzept der Präsentation hingegen genau festgelegt: jeder Text ist nur in jener Minute des Tages zugänglich, für die er geschrieben wurde, und dann natürlich nur für genau 60 Sekunden.

Die Konsequenzen dieses raffinierten Konzepts sind von geradezu philosophischer Tiefe: Verweigerung der jederzeitigen Verfügbarkeit der Texte; schriftliche Kommunikation zu den Bedingungen der mündlichen (entgegen der üblichen Situationsentbindung der Schrift in Raum und Zeit, kehrt ein Verlautbarungsanlass der Gleichzeitigkeit zurück); Verwandlung des Lesers zum Schreiber (allerdings unter den Bedingungen verknappter Schreibplätze und einer Anonymität, die der jeweiligen Minute als eigentlichem Schreibanlass die Stelle des Autornamens einräumt); Einheit von Erinnern und Vergessen (durch die Verknappung der Schreibplätze geht das Projekt - denn als vollendetes ist es nicht mehr Projekt - seinem Tod entgegen, dem es nur durch ein inszeniertes 'Vergessen' entgehen kann, etwa in Form des Palimpsests und vielleicht mit der Pointe, dass es durch automatische Löschung der Überschreibungen auf eine Leere zusteuert, die Zeichen des nun nicht mehr als Schrift festgehaltenen Erinnerungsstoffes ist).

So klar und raffiniert das Konzept auch ist, scheint es doch einige Inkonsequenzen aufzuweisen. Dies betrifft neben der mangelnden Klärung des Erinnerungsbegriffs auch die Semantisierung der Minuten als (Re)Präsentationsort: die Möglichkeit der Beiträger, die Präsentationszeit ihrer eingesandten Texte selbst zu bestimmen, nimmt der Aura der bestimmten Minute im Rezeptionsprozess die Aura der vorangegangenen Handlung. Die 'schriftliche Mündlichkeit' der kommunikativen Konstellation geht dann verloren, die so faszinierende zeitversetze Identität von Verlautbarungsanlass und Rezeptionsmoment schwindet auf die trotzdem interessante, aber von Radio und Fernsehen auch schon reichlich bekannte Identität von Ausstrahlungs- und Rezeptionsmoment.

Die abschließende Erörterung nähert sich dem Leitgedanken dieser und anderer Erinnerungsprojekte mit der Behauptung, dass es gar nicht um das Erinnern gehe, sondern um das Vergessen. Die Projekte produzieren weniger ein kollektives Gedächtnis als ein Kollektiv der Beteiligten. Die im Erinnern grundsätzlich wirkende Transzendierung der ephemeren Verfassung des Menschen wirkt in den Schreibprojekten des Internet, und zwar auch in jenen, die vorgeblich dem späteren Erinnern dienen, v.a. durch die Gemeinschaftlichkeit der Gegenwart. Der Prozess des Schreibens ist Erinnern: der Gemeinschaft, der man damit augenblicklich angehört. Er ist zugleich Vergessen: der ephemeren Verfassung des Menschen und des Horror vacui.