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Praiseloser Internet-Literaturpreis zum Millennium
Netzliteratur in der Krise?

Anmerkung von Roberto Simanowski

Das Literatur-Café und blue window hatten Anfang November 1999 einen Internet-Literaturpreis zum Millennium ausgeschrieben. Die Beiträge sollten das Thema - Millennium und Jahr 2000 - literarisch aufgreifen und mit den Mitteln des Netzes umsetzen. Denkbar waren HTML-Format und Hypertexte, Flash- und Shockwave-Animationen, Film- und Tondaten u.v.a.m., nur eben nicht das, was auch in Papierform hätte erfolgen können. Genau hier liegt - wie die Bekanntgabe der Ergebnisse am 6. 2. 2000 zeigt - das Problem.

Die Entscheidung der Jury war ein Eingeständnis: Aufgrund mangelnder Qualität zeichnete sie keinen der eingesandten Beiträge aus. In der Begründung heisst es:

Der in der Ausschreibung verlangte Einsatz der "Möglichkeiten des Internet" wird von den Beiträgen nur formal durch die Verwendung entsprechender technischer Formate erfüllt. Ein mediengerechter Einsatz in Verbindung mit Literatur ist jedoch leider selten zu erkennen. Hierzu zählen für die Jury insbesondere Elemente der Kommunikation und Interaktion. Die meisten eingereichten Texte sind linear und statisch aufgebaut. Hierüber können auch rudimentäre Verlinkungen und Animationen nicht hinwegtäuschen. Die durchschnittliche literarische Qualität der Arbeiten ist nicht sonderlich hoch, und auch hier werden von vielen Beiträgen medienspezifische Besonderheiten nicht berücksichtigt (z. B. die Lesedauer am Bildschirm)

Diese Entscheidung rief unter den Teilnehmern natürlich den Vorwurf der Arroganz, gepaart mit Ignoranz, hervor. Verständlich ist sie trotzdem angesichts der vorliegenden Beiträge; schließlich haben die Jurymitglieder - Johannes Auer, Prof. Dr. Reinhard Döhl, Wolfgang Tischer, Dr. Ansgar Zerfaß - einen Ruf zu verlieren. Unsichere literarische Versuche, philosophierende Text-Splitter über die Zeit und gesammelte Aphorismen werden noch nicht zu überzeugender Netzliteratur, nur weil sie in farbiger Schrift präsentiert sind oder mit Links zum Weiterblättern. Auch eine aufwendige Java- und Shockwave-Ummäntelung ändert daran nicht viel.

Da blue window die ausgeschriebenen Preise (PC, ISDN-Karte für 6 Monate zum Nulltarif, Jahresabonnements der Zeitung "Die Woche") irgendwie doch vergeben wollte, wurde der Beitrag "The Web Side Stories" der Basler Minerva Sekundarschule mit einer lobenden Anerkennung ausgezeichnet. Unter dem Titel "gelungene technische Umsetzung, Interaktivität und mediengerechte Gestaltung" gab es schliesslich sogar Besetzungen für die zweiten und dritten Preise, eine Entscheidung, die von der Jury ausdrücklich nicht mitgetragen wird.

Der Wettbewerb und vor allem sein Ausgang hat, das zeigt die Forum-Diskussion, viel böses Blut geschaffen. Vor allem hat er wieder einmal die Frage aufgeworfen, was denn Internetliteratur nun eigentlich sei und wie sie auszusehen habe. Wer diese Frage beantworten könnte! Und auch noch begründen! Der hätte wohl selbst einen Preis verdient.

Der Kommentar der Jury ebnet diesbezüglich durchaus den Weg zu einigen Missverständnissen, wenn als "mediengerechter Einsatz in Verbindung mit Literatur [...] insbesondere Elemente der Kommunikation und Interaktion" gesehen werden (Wofgang Tischer wiederholt diese Fokussierung in seinem Forum-Beitrag am 17. 2. noch einmal mit der Akzentuierung von Kommunikation, Interaktion und zeitnaher Reaktion). Es ist zwar richtig, dass das Internet sich von den anderen digitalen Medien durch die Vernetzung unterscheidet und somit gerade Aspekte der Kommunikation und Interaktion wichtig werden. Aber warum will man eigentlich die digitale Ästhetik auf ihre soziale Komponente beschränken? Warum sollte man jene Merkmale, die nicht netzspezifisch sind, weil sie auch auf CD-ROM funktionieren - Multimedialität, Animation, Vorprogrammierung des Rezeptionsablaufs -, ausblenden? Nur weil der Wettbewerb selbst sich des Netzes als Organisationsform bedient und weil "Wettbewerb der CD-ROM-Literatur" sich nicht so gut anhört (und v.a. das medienträchtige Schlüsselwort Internet entbehrt)?

Das wäre keine Begründung und würde zudem nicht dem Umstand gerecht, dass das Netz aufgrund verbesserter Übertragungstechniken inzwischen alle ästhetischen Potentiale der anderen digitalen Speichermedien aufweist und durch die zunehmende Popularität des WWW jene anderen Speichermedien als Präsentationsorte verdrängen wird. Damit wird denn auch die begriffliche Unterscheidung zwischen einer Literatur des Netzes und einer Literatur der anderen digitalen Medien recht fraglich. - Die Ausschreibung selbst enthielt diese Einschränkung übrigens nicht. Sie orientierte zwar auf die "Mittel des Netzes", aufgezählt wurden dann aber die Mittel der digitalen Medien insgesamt: Hypertext, Flash- und Shockwave-Animationen, Film- und Tondaten.

Man sollte solche Wettbewerbe also in ihrer Ausrichtung offen genug halten. Der Vernetzungsaspekt sollte als ein Merkmal digitaler Literatur gesehen werden. Aber Interaktion ist unter dieser Voraussetzung sowenig unerlässliche Bedingung einer Literatur, die sich der digitalen Medien bedient, wie etwa Nichtlinearität. Die einzige Bedingung für Beiträge eines Wettbewerbs der Netzliteratur sollte die Notwendigkeit digitaler Existenz sein - und das kann ganz verschiedene Erscheinungsformen haben. Eine normale lineare Geschichte, die ihre Bedeutung aus der Programmierung des zeitlichen Ablaufs ihrer Bestandteile gewinnt (wie die "Schaufensterpuppe" in "Trost der Bilder") erfüllt diese Bedingung ebenso wie ein kollektives Schreibprojekt, das auf Interaktion mit den Lesern angelegt ist.

Andererseits hat freilich auch der Multimedia-Ansatz seine Fallen. FreedomMan, ein Teilnehmer am Wettbewerb, verweist im Forum z.B. darauf, dass er die "Mindestanforderung" (HTML-Format) in seinem Beitrag übererfüllt hat mit dem Einsatz auch einer Sound- und einer Image-Datei: "Weiterhin wurde der Beitrag mit Musik untermalt, und zwar einer recht passenden, wie ich meine, nämlich 'Child in Time' von Deep Purple, passend nicht nur hinsichtlich des Titels, sondern auch der besonderen Stimmung, die sie erzeugt. [...] Und schließlich wurde ein Foto eingebunden, ein ebenfalls recht treffendes, wie ich meine, zeigt es zum Beitrag 'Jetztlos' [...] doch eine Zeitlose."

Hier beginnt wohl das Missverständnis der Multimedialität. Wenn die audio-visuellen Elemente nur der Untermalung dienen, wenn die Aussage des Textes in der Sprache des anderen Mediums jeweils nur wiederholt oder variiert wird, handelt es sich zumeist nur um die multimediale 'Aufrüstung' eines traditionellen Textes, die nicht mehr als intermediale Redundanz erzeugt. Ist das Bild dagegen als Bedeutungsträger fest in den Text integriert oder transportiert es gar die eigentliche Aussage, kann man schon eher von einer notwendigen Multimedialität sprechen, ohne die der Text verlieren würde. Wie der feine Unterschied konkret aussieht, ist schwer festzulegen. Vielleicht kann die Diskussion der Beispiele sowohl überflüssiger wie gelungener ("Schaufensterpuppe" und "Selbstmörder") Multimedialität in "Trost der Bilder" Aufschluss geben.

Was heisst das alles nun für die Zukunft? Wolfgang Tischer fragt sich nach Abschluss des Wettbewerbs am 24. 2. in der Maililngliste Netzliteratur.de, ob solche Wettbewerbe überhaupt noch Sinn machen und schlägt für künftige Veranstaltungen dieser Art gezielte Nominierungen statt Ausschreibungen vor, um gleich all jene Beiträge auszuschließen, die nur deswegen an Wettbewerben zur Internet-Literatur teilnehmen, weil sie im Printbereich "aufgrund der literarischen Qualität niemals Chancen hätten".

Eine zweite Einsicht ist, dass man sich bei der Ausschreibung vielleicht nicht immer so sehr auf die Literatur beziehen sollte: "So bekommt man fast nur die oben erwähnte Printliteratur ins Netz. Kaum einer der 'Literaten' holt sich zu einem Gemeinschaftsprojekt einen Internet-Fachmann oder Designer dazu. Vielleicht sollte man also diese Wettbewerbe mal in Umgebungen ausschreiben, in denen eher die Internet-Programmierer und Desigern sitzen, die sich vielleicht einen kompetenten Literaten an ihre Seite holen."

Diese Überlegung wird von Andreas Kneib (ebd., 24. 2.) mit der eingängigen Losung begrüßt: Netzliteratur dürfe nicht ins Netz HINEIN produziert werden (was zumeist auf das Netz als Distributionsmittel zielt), sondern müsse aus dem Netz HERAUS geschaffen werden (also mit den Mitteln und Möglichkeiten des Netzes). Von anderen Mitgleidern der Mailingliste wird die vorgeschlagene Ehe von Literaten und Programmierern abgelehnt. "Aus geplanter Zusammenarbeit von Teams mit unterschiedlichen Kompetenzen entstehen kommerzielle und andere Projekte - aber nicht Netzliteratur", fürchtet z.B. Claudia Klinger (24. 2.). Man kann die Sache auch pragmatischer angehen, etwa wie bei der Produktion von Filmen: der eine liefert das Script, die anderen spielen es, eine andere weiss, wie man die Kamera führt usw. Vielleicht ist das ja auch schon ein genuines Merkmal von Netz- bzw. digitaler Literatur: dass man sie nicht mehr allein machen kann.

Das Problem dieser Wettbewerbe ist doppelter Art: Neben mangelhafter Umsetzung medienspezifischer Eigenschaften gibt es einen Mangel in der literarischen Basisarbeit. Ein Beiträger im Forum ruft enttäuscht aus: "Internetliteratur? Netzliteratur? Schall und Rauch! Es gibt sie nicht", und entschließt sich, lieber wieder den Füller in die Hand zu nehmen. Ist die Netzliteratur in der Krise? Müssen wir endlich die Hoffnung aufgeben, dass sie einmal zu sich selbst finden und überzeugende Werke hervorbringen wird? Der Anfangsjahre gab es ja nun genug! ...

Vielleicht ist es noch zu früh zum Verzweifeln. Zum Feiern gibt es jedenfalls keinen Grund. Denker schreibt am 11. 2. 2000 im Forum zum Wettbewerb: "Einigen der Teilnehmer die sich wie ich in diesen Wettbewerb eingebracht haben und keine lobende Anerkennung erringen konnten, möchte ich an dieser Stelle meine lobende Anerkennung zollen und sie bitten, sich das (nicht ganz so offensichtlich vorhandene) Urteil der Jury und die Passage über die literarische Qualität nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen." Man möchte auf das Gegenteil drängen. Dabei sein ist eben nicht alles. Und irgendwann sollte es sich auch herumgesprochen haben, dass es sich einfach nicht gehört, bei einem Wettbewerb all jene Werke einzusenden, die man eher bei Wettbewerben für traditionelle Literatur unterbringen sollte oder auch nicht.


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