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Editorial Newsletter 3/2002

Liebe Leser von dichtung-digital

herzlich Willkommen zur Mai-Ausgabe.

Wenn ein Textprogramm auf User-Input hin aus den Wörtern einer Erzählung einen neuen Text produziert, wer ist dann der Autor: Der User, das Textprogramm, dessen Programmierer oder der Autor der zugrundegelegten Erzählung? Simon Biggs wirft mit seinem Projekt "Great Wall of China" diese Frage auf. Die andere lautet:: Inwiefern muss man Kafkas Erzählung "Beim Bau der Chinesischen Mauer" kennen, um Biggs Zufallsexte zu verstehen. Wie Besprechung des Projekts und Interview mit Biggs zeigen, kann man da durchaus verschiedener Meinung sein.

Verschiedener Meinung sind, was Gegenwart und Zukunft der 'digitalen Revolution' betrifft, auf jeden Fall Nicholas Negroponte und Florian Rötzer: Euphorisch der eine, kulturkritisch der andere, lesen sich beide am besten im Doppelpack - so das Ergebnis bei der erneuten Lektüre.

Der Geschichte und Vorgeschichte elektronischer Poesie und Literatur widmen sich Patrick-Henri Burgaud - mit Blick auf Frankreich - sowie Peter Gendolla und Jörgen Schäfer - mit Blick auf die Vorläufer im Barock. Während diese gegen den Fokus auf die apparativen Dispositive argumentieren und für die Tradition der klassischen Avantgarde als Bezugsfeld rechnergestützter Literatur, bestätigt jener, dass die Avantgarde von einst (die Vertreter des "Atelier de Littérature assistée par la Mathématique et les Ordinateurs") mit der Avantgarde von heute (die, wie Burgaud selbst, nicht nur auf computergenerierte Literatur aus ist, sondern auf Literatur des/im Computer) nicht viel anfangen kann.

Eher theoretische Beiträge zum elektronischen Schreiben liefern Shuen-shing Lees aus Taiwan und Loss Pequeño Glazier aus den USA, während eine Besprechung zu Harold A. Innis' "Kreuzwege der Kommunikation" den Blick auf den ersten Vertreter der modernen Medientheorie lenkt. Wer es lieber etwas konkreter hat, mag sich an die Besprechung zu Esther Hunzikers Projekt-Galerie "un focus" halten: mit dem Palimpsest, das nicht vergessen kann, und neun weiteren Beispielen digitaler Rhetorik.

Neu seit dieser Ausgabe: Alle Beiträge können auch für den Palm runtergeladen und somit endlich unterwegs gelesen werden. Vierl Spaß dabei wünscht, wie immer dankbar über Feedbacks und Tips,

Roberto Simanowski

Berlin, 31. Mai 2002

 


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