www.dichtung-digital.com/editorial/2002-05.htm


Editorial Newsletter 5/2002

Liebe Leser von dichtung-digital

herzlich Willkommen zur September-Ausgabe.

Der Cyberspace liegt zusammen mit dem Arbeitsplatz an der Spitze der Orte, an denen romantische Beziehungen geknüpft werden, traditionelle Paarungstempel wie die Disco oder die Universität sind weit abgeschlagen. So konstatiert Raphael Rogenmoser unter dem Titel "Schneller Baggern" den Zusammenhang Modemfieber und Liebesdiskurs, der als Symposiumsthema die in dieser Ausgabe versammelten Beiträge zusammenhält. Dass in diesen Zusammenhang auch die Wirtschaft drängt, belegt das Beispiel von den Kleidungsstücken, die mit einer individuellen Nummer versehen wurden, hinter der sich eine Email-Adresse für die digitale Kontaktanbahnung verbarg: Das Baggern flieht den kürzeren Weg. Dafür knistert es dann zwischen den Zeilen, wenn im Cyberspace virtuelle Beziehungen angebahnt werden, die bisweilen sehr realen Folgen annehmen, wie Michael Beißwengers Bericht über die Inszenierungspotenziale und Stegreiftheatergesten der Chat-Kommunikation deutlich macht. Dass Leser ganz gezielt in Beziehungskisten und Spieler in Hochzeiten involviert werden, zeigt Fotis Jannidis an einer interaktiven Bildgeschichte und einem Multiuser Online Rollenspiel. An die Stelle der kontemplativen Rezeptionssituation bei Buch und Film tritt die soziale Erfahrung des selbst erzälten Spiels - vielleicht die Ästhetik der Zukunft.

Die theoretischen Vorüberlegungen zum analytischen Material liefert Uwe Wirths Beitrag "Schwatzhafter Schriftverkehr", der mit Adornos Feststellung einer "Erkrankung des Kontakts" beginnt und fragt, ob der Online-Chat Symptom dieser Entfremdung ist, deren Heilung oder etwa eben jene Krankheit, die er vorgibt zu heilen? Auch andere Beiträge diskutieren die Umschrift der sozialen Bedingungen der face-to-face-Kommunikation durch die medialen Rahmenbedingungen der Interface-to-Interface-Kommunikation. Während Alexander Roesler an der Grenze zur Zukunftstechnik EMS die Kommunikation der Liebe im SMS-Format untersucht - das ähnlich wie der Chat Schriftlichkeit mit Augenblicklichkeit verbindet -, unternimmt Ulrike Landfester einen Rückblick auf die historischen Liebesbriefe, die bereits von der Spannung zwischen authentischem und strategischem Ausdruck geprägt waren mit raffinierten Unsagbarkeitsformeln wie: "Mein Herz ist voll, ach, ich kann nicht schreiben". Peter Gendolla hält fest, dass Literatur ihr Publikum immer auch vor der pathogenen Wirkung der Einbildungskraft warnte, und erinnert daran, dass Werthern und Lotte noch das Stichwort "Klopstock" reichte, um in einem "Strome von Empfindungen" zu versinken. Mit Blick auf moderne Liebesgeschichten wie Peter Glasers "SEI ONLINE, SEI MEIN" stellt sich dann die Frage, wie real der Partner im Cyberspace sind, für den man den im realen Raum verlässt. Dass man da leicht an eine Frau geraten kann, die nicht mehr als Software ist, hat Adi Blum in seinem kleinen Turing-Test der Liebe herausgefunden.

Andere berichten aus der Praxis: Gisela Müller vom Internet-Projekt schlampe.de, das unter einem täuschenden URL zu einer unerwarteten Optik auf Körperteile verführt. Nika Bertram stellt das "kahunaMUD" vor, das auf ihrem Roman basiert und jedem erlaubt, mit den Romanfiguren, der Autorin oder anderen LeserInnen abzuhängen oder zu kuscheln. Susanne Berkenheger erklärt die Zumutungen ihrer Hyperfiction "Die Schwimmmeisterin" und vor allem die Parallelen zwischen einem Freibad und einem Netz-Chat.

Beat Suter sucht nach der Thematisierung der Liebe in der digitalen Literatur, ohne sehr fündig zu werden - es scheint, das Begehren weicht auf die Technologie aus, Faszination auf den technischen Effekt. Roberto Simanowski pointiert abschließend die behandelten Fragen der vergangenen zwei Tage und fügt ein paar weitere hinzu.

Roberto Simanowski

Berlin, 07. September 2002

 


dichtung-digital