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Editorial Ausgabe 1/2003

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herzlich Willkommen zur Ausgabe 1/2003

Der Hypertext war einmal das Lieblingskind aller, die sich an Literatur in den digitalen Medien wagten. Seitdem ist Ernüchterung eingetreten. Hypertext ist uncool, wie Henning Ziegler gleich im Titel seines Beitrag festhält. Noel Baker, der kanadische Romanautor mit Seminarerfahrung zur interaktiven Literatur, weiß, warum das auch gar nicht anders sein kann. Er hofft trotzdem auf einen new media genius und nennt in diesem Zusammenhang Peter Greenaway. Zweites Lieblingskind, und eigentlich Ertsgeborener, waren immer die Textautomaten. Stephan Karsch erklärt die Funktionsweise seiner poetischen Maschine, bei der die Leser auch was umstellen, hinzufügen und streichen können. In Eckard Kruses Text-O-Mat kann der Leser nur am Anfang mitmachen, wenn die Eckpfeiler der Geschichte (Genre, Happy End, Stil, Dauer usw.) zu wählen sind. Dann erhält er den fertigen Text - in dem, wie sich zeigt, er selbst die Hauptrolle spielt. Neuestes Lieblingskind und absolut cool aber sind die Weblogs, die Vanevar Bushs Memex am nächsten kommen, wie Dennis G. Jerz findet.

Schließlich gibt es die hybriden Projekte: Flasharbeiten zum Beispiel, in denen der Text nicht mehr die Hauptrolle spielt, sondern sich mit Sound und Bild und Animation zusammentut. Xcult hat unter dem Titel Texte, Scripts & Codes einige solcher Arbeiten seit 1996 versammelt. In David Rokebys interaktiven Installationen liegt der Text fast auschließlich im Code. Auch hier wird die Geschichte faktisch vom Publikum geschrieben und es ist fast immer ein Geschichte der mangelhaften Kontrolle. Inwiefern in diesem Mangel die Moral der Installation liegt, erklärt Rokeby im Interview.

Weniger auf ein Werk, mehr auf allgemeine Fragen der Webkunst und ihrer Theoretisierung ausgerichtet ist das Interview mit Ursula Hentschläger und Zelko Wiener, das von den 21 Interviews profitiert, die diese mit Produzenten und Vermittlern digitaler Kunst für ihr Buch "Webfictions" geführt haben. Eine Auskoppelung aus diesem Buch ist das Interview mit Gerfried Stocker, dem Leiter der Ars Electronica, der über die Festivalisierung von Netzkunst und ihr Verhältnis zu Wissenschaft und Wirtschaft aus nächster Nähe spricht.

Ganz theoretisch wird es dann in John Zuerns Beitrag, der im Sinne einer materialistischen Semiotik der Webanimationen sich einmal nicht beim zugrundeliegenden Code aufhält, sondern zu 'kleinen Fragen' über die Zeichen auf dem Bildschirm ermuntert und an zwei Beispielen zeigt, was er meint. Inwiefern Loss Pequeño Glaziers Buch "Digital Poetics" die richtigen Fragen stellt, erkundet Janez Strehovec. Am Anfang dieser Buchbesprechung steht die Beschwerde über die theoretische und methodische Innovationsschwäche der Literaturwissenschaft. Am Ende dieses Editorials stehe denn Roberto Simanowskis Beitrag über die Lesekompetenz nach PISA, mit dem die Klage auf die mangelnde Erkenntisfreude der Lehrer ausgedehnt wird.

Roberto Simanowski

Berlin, 17. Februar 2002

 


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