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Editorial dichtung-digital 1/2005
 

Liebe Leserinnen und Leser,

die neueste Ausgabe von dichtung-digital dokumentiert die Beiträge einer dreitägigen Konferenz zum Thema Netzliteratur: Umbrüche in der literarischen Kommunikation, die vom 25. bis 27. November 2004 an der Universität Siegen stattfand. Diese internationale Tagung, zu der wir 13 Gäste von nah und fern – aus den USA, aus Frankreich, Finnland, Spanien und der Schweiz, aber auch aus Deutschland – zur nicht immer ganz unbeschwerlichen Reise ins südwestfälische Siegen bewegen konnten, war nur möglich dank einer großzügigen Finanzierung durch die VolkswagenStiftung, der wir dafür herzlich danken!

Warum findet eine solche Tagung überhaupt in Siegen statt? Nun, die literaturwissenschaftliche Forschung und Lehre an der Universität Siegen ist seit ihren Anfängen in den siebziger Jahren nach und nach immer intensiver in medientheoretische und medienhistorische Fragestellungen eingebunden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist der Bereich „Medienwissenschaften“ sukzessive zu einem der Forschungsschwerpunkte der Universität ausgebaut worden, insbesondere durch mehrere Institutionen, die zum Zeitpunkt ihrer Gründung einzigartig in der deutschen Hochschullandschaft waren. Dazu gehören zunächst der Sonderforschungsbereich „Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien“, der über 15 Jahre hinweg von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde (1986-2000), sowie – als eine Art Folgeinstitution – das aktuelle Kulturwissenschaftliche Forschungskolleg „Medienumbrüche“, das seit 2002 mit elf transdisziplinären Teilprojekten arbeitet (für weitere Informationen:
http://www.fk615.uni-siegen.de). Eine zweite Säule der Siegener Medienwissenschaften stellte das erste geisteswissenschaftliche Graduiertenkolleg in Deutschland dar, das zunächst unter dem Titel „Kommunikationsformen als Lebensformen“, anschließend dann mit dem Schwerpunkt „Intermedialität“ neue Wege in der Doktoranden- und Postdoktorandenförderung erprobte. Auf die Lehre hat sich diese Profilbildung vor allem durch die Initiation von Studienangeboten wie des überaus erfolgreichen Diplom-Studiengangs „Medien-Planung, -Entwicklung, -Beratung” (MPEB), aber auch durch den Magisterstudiengang „Allgemeine Literaturwissenschaft“ oder das neue B.A.-Studium der „Literary, Cultural and Media Studies“ (LCMS).
Vom Forschungskolleg „Medienumbrüche“ und seinen Teilprojekten war bereits die Rede. Eines dieser Teilprojekte trägt den Titel „Literatur in Netzen/Netzliteratur“ (für weitere Informationen:
http://www.litnet.uni-siegen.de); es wird geleitet von Peter Gendolla, der als Inhaber einer Professur für Literatur, Kunst, Neue Medien und Technologien schon seit langer Zeit zum Verhältnis „menschlicher“ zu „maschinellen“ Kommunikationen in literarischen Kontexten forscht. Das besondere Erkenntnisinteresse sowie der theoretische und methodische Ansatz des Forschungsprojekts – und damit auch die Stoßrichtung der Siegener Netzliteratur-Konferenz – wird in unserem einleitenden Beitrag entwickelt; wir können uns daher an dieser Stelle weitere Hinweise verkneifen. Nur soviel: Es geht uns um die die Analyse der Umbrüche in literarischen Kommunikationen durch rechnergestützte vernetzte Medien. Es stellt sich die Frage, in welchen Literatur-Projekten sich tatsächlich eine neue, andere literarische Qualität entwickelt, d.h. inwiefern die Amalgamierung der prinzipiellen Offenheit vernetzter Kommunikationen mit den ästhetischen Ansprüchen auf Abgeschlossenheit, Vollkommenheit bzw. Stimmigkeit eines literarischen Entwurfs gelingt, wie sie für das gedruckte ‚Werk’, das jede Änderungen der Zeichenketten ausschließt, formuliert worden sind.
Damit sind wir bei den Beiträgen: Zunächst haben wir mit unseren Gästen terminologische und konzeptionelle Fragen um Begriffe wie ‚digitale Literatur’, ‚Netzliteratur’, ‚Hyperfiction’ etc. diskutiert. Wie erwähnt, begründet unser eigener Beitrag, warum wir von ‚Netzliteratur’ sprechen und worin unser besonderes Erkenntnisinteresse liegt. Roberto Simanowski unternimmt anschließend eine Annäherung an Holopoetry, Biopoetry und andere Formen der digitalen Literatur, und schließlich macht uns Philippe Bootz mit seinen sehr elaborierten Funktionsmodellen der literarischen Kommunikation in computerbasierten Medien vertraut.
Den Themenkomplex Narration/(Computer-)Spiel/Literatur umkreisen gleich mehrere Beiträge, und zwar jene von Marie Laure Ryan, Markku Eskelinen, Frank Furtwängler und Mela Kocher. Sie gehen aus unterschiedlichen Perspektiven – mal mehr aus der Perspektive der traditionellen Erzählforschung, mal mehr aus der Perspektive der neueren Game Studies bzw. Ludologie – der Frage nach, ob und inwiefern sich die ‚Logiken’ des Spielens und der Lektüre literarischer Texte, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen (stichwortartig: Spielen als Handeln vs. Lesen als Interpretieren), produktiv zur Analyse von Netzliteratur heranziehen lassen. Insbesondere das Zusammenwirken von Menschen und Maschinen könnte vielleicht mit dem Spiel-Begriff erhellt werden – vor allem, wenn man die in der deutschen Sprache nicht mögliche Differenzierung in ‚play’ (spielerisches Verhalten) und ‚game’ (regelbasiertes Spiel) bedenkt.
Daran knüpft auch Noah Wardrip-Fruin an, der seine Konzepte der ‚playable media’ und ‚textual instruments’ am Beispiel einiger seiner eigenen Arbeiten vorstellt.
Weitere Texte sind dem Verhältnis von Schreiben und Programmieren vorbehalten: Jean-Pierre Balpe und
Loss Pequeño Glazier setzen sich mit literarischen Texten auseinander, die von Computerprogrammen oder ‚Literaturmaschinen’ hervorgebracht werden, sowie den Konsequenzen, die dies für die Vorstellungen von Autorschaft, Werk und Lektüre hat.
Die letzten beiden Texte schließlich variieren die Perspektive auf den Gegenstand ein wenig und gewähren einen Einblick in zwei recht verschiedenartige Praxisbereiche, nämlich in die Literaturdidaktik und in die Werkstatt einer international anerkannten Autorin: Laura Borràs Castanyer führt vor, wie sich die Literaturvermittlung an der Universitat Oberta de Catalunya in Barcelona, einer rein virtuellen Fernuniversität, computergestützte Medien für innovativen Literaturunterricht zunutze macht, wo die Chancen und Gefahren des E-Learning/-Teaching liegen.
Und zum Abschluss stellt Susanne Berkenheger ihre neueste Arbeit, das dramatische Chat-Destillat „ich sterbe gleich, schatz“ vor, das inzwischen an mehreren deutschen Bühnen aufgeführt worden ist..
Bleibt uns nur, Ihnen Spaß und Gewinn bei der Lektüre der Beiträge zu wünschen – und darauf hinzuweisen, dass für den Herbst 2005 eine um weitere Texte erweiterte Buchausgabe vorgesehen ist.

Siegen, im April 2005
Peter Gendolla und Jörgen Schäfer