Alles ist die Kopie einer Kopie einer Kopie

„Life is just a copy“ war einst ein berühmter Werbeslogan des Druckmaschinenherstellers Xerox. Richtet man heute den Blick auf YouTube, der Videoplattform im Internet, scheint dieser Claim auch hier Bestand zu haben. Alles scheint eine Kopie einer Kopie einer Kopie zu sein: Videos auf YouTube werden recycelt, parodiert, kopiert und erneut auf die Plattform hochgeladen – im Schnitt 65 000 täglich, rund 24 Millionen im Jahr.  Aus dieser Beobachtung heraus entwickelt Roman Marek in seinem Buch „Understanding YouTube“ die Theorie, dass jene Medienpraxen die schwer fassbare Logik des Mediums begreifen lassen und gleichsam dessen Faszination erklären.

Ein gewagter Ansatz, findet Manuel Thomas, Dozent am Seminar für Medienwissenschaft der Universität Basel, gemessen an der Vielzahl von banalen, aber auch kreativen Auswüchsen, die das Medium zu bieten hat, vom tanzenden Reisebericht, zur Collage, bis hin zu Let’s Play. Er hat das Buch gelesen und beantwortet die folgenden Fragen.


Wovon handelt das Buch?
Die meisten Videos auf YouTube lassen sich unter den drei Kategorien Klone, Recyclingvideos und Nachahmungen fassen. Klone sind dabei identisch mit dem Material des ursprünglichen Videoclips, während Recyclingsvideos Teile des Originals benutzen und modifizieren, wohingegen Nachahmungen nur noch Teile der Inszenierung, des Inhalts oder der Idee des ursprünglichen Clips verwenden. Das bedeutet konkret? Nach dieser Klassifizierung ist das Faszinierende an YouTube, dass stets ein Video anders sein kann – kombiniert mit der Möglichkeit, etwas daran zu ändern. So ist nicht nur der Inhalt der Clips interessant, sondern auch das Erkennen der potentiellen Möglichkeit einer individuellen Wieder- und Weitergabe, Teilhabe und Modifikation, womit YouTube zu einem Massenmedium wird. Lieblingssatz? „Medien sind gesellschaftliche Maschinen zur Herstellung von Varianz.“ Mareks optimistischere Reformulierung von Hartmut Winklers Mediendefinition „Medien sind gesellschaftliche Maschinen zur Herstellung von Redundanz.“ Ein Schlagwort aus dem Buch? Détournement Das müssen Sie etwas ausführen: Für die Bearbeitung von Videoclips bietet sich der Begriff des „détournement“ (frz. Entwendung) an, der für Irritation, Verfremdung, Eröffnung neuer Assoziationsräume und Hinzufügung neuer Informationen steht. Wenn Videos recycelt werden, ergibt sich für Marek hier ein Möglichkeitsraum, in der die User ihr Potential als kollektive Kreativität einbringen können. Kunst wird so in Form von YouTube-Clips zur gelebten Praxis, die der Autor bei aller Theoriebildung allerdings vernachlässigt. Inwiefern? Marek bemerkt zwar, dass im Netz eine Ökonomie der Aufmerksamkeit herrscht, führt dies aber nicht aus. In der Praxis werden so nämlich Videos kopiert und mit dem Originaltitel versehen als eigene hochgeladen, um User auf den eigenen Channel zu locken als Art werbekommunikative Guerilla. Gibt es weitere Probleme mit dem Buch? Mareks Ansatz, YouTube insgesamt als medial vermitteltes kulturelles System zu begreifen, ist zwar medientheoretisch ehrgeizig, allerdings verliert er sich in einer Reihe von kunst- und kulturwissenschaftlichen Bezügen, die kaum in die eigene Argumentation eingearbeitet werden. Am problematischsten ist, dass der Autor dabei das Wichtigste vergisst: YouTube. So erfahren zwar die Leser beispielsweise die ganze Bandbreite von theoretischen Konzepten zum Thema der Nachahmung, wie diese aber letztlich mit der Plattform zusammenhängen, wird grösstenteils nicht geklärt. Was wäre wünschenswert gewesen? Viele der Bezüge gehören ausgebaut, zum Beispiel wenn Marek die Recyclingvideos mit Michel Serres’ parasitärer Kommunikationstheorie verbindet. Das Recyclingvideo versteht sich dabei als Parasit, der das Originalvideo, den Wirt, befällt. Der Parasit zerstört den Wirt allerdings nicht, sondern erhält ihm am Leben, da dieser sich weiterentwickelt; das heisst, es gibt verschiedene Varianten von ihm. Medientheoretisch formuliert stabilisiert der Parasit aber auch das System und sorgt dafür, dass das Originalvideo überlebt und sich in das popkulturelle Gedächtnis einnistet. Oder wer hat noch nie von Charlie bit my finger, Gangnam Style oder dem Star Wars Kid gehört? Woran erinnert das Buch?In dieser Form ist das Buch einzigartig, was nicht als Kompliment zu verstehen ist. Wer sich mit YouTube beschäftigen will, ist besser mit „YouTube: Online Video and Participatory Culture“ von Jean Burgess und Joshua Green beraten. Wer hingegen YouTube für Geschäftszwecke verwenden will, greift zu „YouTube and Video Marketing“ von Greg Jarboe. Und wer mit YouTube gar nichts anzufangen weiss, amüsiert sich bei der „South Park“-Episode „Kanada im Streik“, in der diverse YouTube-Celebrities aufs Korn genommen werden – leider nicht auf YouTube selbst zu finden.

Zum Weitesehen: Die 100 bekanntesten YouTube-Videos in 3 Minuten. Natürlich als Mash-Up.

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