Online-Dating – Die Suche nach der Liebe im Netz

Single? Ob aus Überzeugung oder reinem Pragmatismus, die Formen des Zusammenlebens haben sich im letzten Jahrhundert in den westlichen Gesellschaften stark verändert. Was wenn aufgrund der Arbeit einfach die Zeit fehlt in Bars oder Clubs nach einem geeigneten Partner zu suchen? Oder man darauf schlicht und einfach keine Lust mehr hat? Das das Internet und der digitale Wandel Einfluss auf die Vorgehensweise bei der Partnerwahl, und dadurch auch die Rollen und Inhalte von Ehe und Partnerschaften haben, ist nur naheliegend. So nutzen viele Singles eine neue Variante der Partnersuche – das Online Dating. Julia Dombrowski beschäftigte sich in ihrer Doktorarbeit und dem daraus entstandenen Buch «Die Suche nach der Liebe im Netz. Eine Ethnographie des Online-Datings» mit Fragen nach den Emotionen die die Online-Dater haben. Kann man auf Singlebörsen die «wahre Liebe» nicht nur gezielt suchen, sondern auch tatsächlich finden? Oder sind die mit Online-Dating verbundenen stereotypischen Assoziationen wie die «potentiell gefährliche Aktivität» und die damit verbundenen Ängste – die von emotionalen oder finanziellen Betrug bis zu Gewaltszenarien reichen – gerechtfertigt? Lidia Pagnozza hat das Buch gelesen.

Wovon handelt das Buch? In der Studie erörtert Dombrowski zum einen ethnologische und soziologische Literatur, die sich mit romantischer Liebe, Partnerwahl und den facettenreichen Bedeutungen von Kultur beschäftigt, zum anderen wertet sie Datenmaterial aus, das auf Interviews und teilnehmender Beobachtung basiert. Was heisst das konkret? In der ethnologischen Forschung von Dombrowski geht es vordergründig um AkademikerInnen im Alter von circa 30-50 Jahren, die eine bestimmte Variante der Partnersuche ausüben. Von speziellem Interesse sind dabei die Emotionen dieser Menschen. Deshalb lautet die übergreifende Forschungsfrage: Wie werden kulturspezifische Liebesideale und individuelle Emotionen beim Online-Dating unter spezieller Beachtung der Vernetzung von kulturellen Bedeutungen und individuellem Erleben ausgehandelt? Was ist Dombrowskis zentrale These? Für die Menschen, welche in ihrem Alltag keinen geeigneten Partner finden, bietet das  Online-Dating hohe Erfolgschancen. Dies hängt damit zusammen, dass im Internet eine weit grössere Anzahl Kandidaten gleichzeitig zur Verfügung stehen als im Alltag und sich die angemeldeten Personen bewusst und aktiv für diese Form der Partnerwahl entschieden haben. Dass die Mehrheit der Mitglieder auf solchen Partnerbörsen tatsächlich auf der Suche nach einer langfristigen und festen Partnerschaft ist, ist empirisch bewiesen – im Alltag ist dies nicht gleich erkennbar. Internetkontaktbörsen können somit als effizientes und zielorientiertes Mittel zur Partnersuche bezeichnet werden. Ist Online-Dating also als der neue, effektivere Weg zum Glück? Es existieren dennoch viele Darstellungen und Diskurse, in denen Online-Dating als normabweichend gehandhabt und mit negativen Stereotypisierungen belegt wird: Das Internet kennzeichnet die Möglichkeit zur technischen Vervielfältigung, die wiederum im Kontrast steht zum gesellschaftlichen Verständnis von romantischer Liebe. Somit gilt, was sich vervielfältigen lässt, als beliebig und damit als relativ wertlos. Infolgedessen wird der Zusammenhang zwischen Online-Dating und Liebe häufig in Frage gestellt. Auch der Wahrhaftigkeit und Authentizität der Liebe beim Online-Dating wird oft misstraut. Das Online-Dating lässt uns also die Wahl zwischen zwei Optionen: Dating nur zum Spass oder doch die Suche nach der «Liebe fürs Leben»? Über diese beiden Optionen muss man sich bei der Anmeldung in den zahlreichen Partnerschaftsportale im Internet im Klaren sein. Warum empfehlen Sie das Buch? Dieses Buch soll nicht als Ratgeber für eine Partnersuche im Netz verstanden werden. Es bietet interessante, empirisch gestützte Einblicke in einen noch kaum erforschten Bereich und eignet sich als guter Einstieg in die Thematik der Partnersuche im Internet. Es vermittelt in einfacher Sprache und an veranschaulichen Beispielen, wie das Leben in und mit einer Singlebörse abläuft. An welche anderen Texte mich dieses Buch erinnert? Dombrowski verweist selbst auf einige, für sie wichtige Texte. Darunter die in diesem Zusammenhang meistzitierte Soziologin und Ethnologin Eva Illouz. Ihre zentrale Publikationen zu diesem Thema sind Gefühle in Zeiten des Kapitalismus (2006) und Der Konsum der Romantik (2003). Ausserdem kam mir bei der Lektüre, die These des «weak social context clues» von Kai Dröge (1986), in den Sinn: Textbasierte Kommunikation im Internet liefert wenig Kontextinformationen über das jeweilige Gegenüber. Demnach sei grundsätzlich von einer Anonymität im Netz auszugehen, bei der die eigene Identität versteckt oder verändert werden kann. Ausserdem möchte ich auf BRIGITTE-Artikel von Christian Schuldt hinweisen, der in seinem Buch Romantik 2.0. Vom Suchen und Finden der Liebe im Internet (2013) in der numerischen Anbahnung von Beziehungen geradezu ein tief romantisches Element entdeckt. 

Diese Rezension erscheint zeitgleich auf dem Mewi-Blog der Tageswoche Basel

 

 

 

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