Über den Terror des Teilens

„Wir kommunizieren mittlerweile so viel, dass die Welt an lieben Grüssen fast erstickt“, heisst es im Klappentext von “LG ;-) ”, dem jüngsten Buch von Nina Pauer, Autorin bei „Die Zeit“. Damit hat sie eventuell sogar recht, aber warum in aller Welt tauft sie ihr Buch „LG“ und titelt damit heiter, aber gezielt an ihrer Zielgruppe vorbei? Wann haben Sie das letzte Mal „LG“ (liebe Grüsse) am Ende einer SMS geschrieben? Meine Mama macht das. Und eigentlich richtet sich dieses Buch nicht an meine Mama. Zumindest nicht vorrangig. 
„LG;-) – Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“, richtet sich eher an meine Generation (und die, die sie gerne etwas besser verstehen möchte, also doch meine Mama). Eine Generation, die es gewohnt ist auf diversen Kanälen gleichzeitig zu kommunizieren, mindestens drei E-Mail Adressen besitzt und mit einem gesunden Bewusstsein für soziale Netzwerke in sozialen Netzwerken präsent ist: also weiss, dass sie für Statusmeldungen wie „Aua“ oder „:-(“ mehr Kommentare erhält als mit einem vernünftigen, inhaltlich relevanten Satz. Eine Generation, die mehrmals am Tag nervös fragt: „Ist da vielleicht gerade etwas Wichtiges in meinem Posteingang?!“ Ja, Senden und Empfangen ist nichts Punktuelles mehr, sondern linear, ein Dauerzustand ohne Wochenende und Feiertag. Wir kennen es, wir lieben es, wir hassen es.

Stichworte: Hyperkommunikation, Vernetzung, Statusfähigkeit, Einsamkeit
Worum geht es in dem Buch? 
Die Rahmengeschichte ist schnell erzählt: Anna, jung, berufstätig, sozial, kommunikativ und vernetzt fährt mit ihrer Mutter im Zug zur Grossmutter. Die Mutter hat sich auf die Zeit mit ihrer Tochter gefreut, und es gäbe wichtige Dinge zu besprechen. Doch Anna ist ständig mit ihrem Telefon beschäftigt: Sie kämpft mit den roten Blasen auf ihrem iPhone. Im Zug – ohnehin schon ein Ort zwischen A und B – ist Anna da, und zugleich immer ganz woanders. Im gleichen Abteil sitzt auch Markus, ein junger Vater, der zusammen mit seinem Studienfreund ein erfolgreiches Unternehmen hat. Obwohl er erst vor kurzem zusammengebrochen ist, überfordert er sich bereits wieder. Anna und Markus, die Protagonisten des Buches, die sich zwar im Abteil gegenüber sitzen, sich während der Fahrt aber kaum wahrnehmen, sich höchstens einmal kurz kreuzen, wenn der eine oder die andere sich kurz in den Gang zum Telefonieren stellt, stehen exemplarisch für viele. Die Generation der ständig Erreichbaren, die sich freiwillig und gerne vernetzen. Genauer? Wie lautet eine zentrale These des Buches? 
Pauer vertritt in dem Buch, eine Mischung aus Roman und personal Essay, die These, Technik wolle nichts, sie sei einfach nur da: Wir müssten uns nur wehren wollen. Wenn das so einfach wäre… Zu wichtig sind die virtuellen Ichs, die persönliche Vervielfältigung im Netz zugunsten der eigenen Vernetzung, das „Up to date“-sein. Dagegen hilft auch kein Seminar, mit guten Tipps; auch keine auf Flipcharts gekritzelte Begriffe wie „Verpassangst“; soviel weiss Markus schon, der so ein Seminar besucht hat. Markus kennt die vielen Vorteile virtueller Kommunikation, aber auch ihre Gefahren. Und trotzdem schleicht sie sich nach und nach tief in den analogen Alltag hinein. Bei Anna endet die gefühlte Pflicht zur ständigen Erreichbarkeit nicht in einem totalen Kollaps, sondern immer wieder in kleinen Zusammenbrüchen im Abstand von einigen Wochen. Nur kurze. Mehr kann sie sich nicht leisten, denn weitergehen muss es ja; irgendwie. Schliesslich drohen schon die nächsten drei roten Blasen auf dem iPhone und auf der inneren To-do-Liste erscheinen die nächsten Punkte, die es zu erledigen gilt. Am besten noch, bevor sie sich zurück zu ihrer Mutter ins Abteil setzt. Lieblingssatz? „Wer also sind die wichtigsten Menschen in unserem Leben? Wie viele Alltagsmomente, wie viele kleine Probleme, grosse Sorgen, wie viele nichtige, lustige, merkwürdige, schöne, schlimme Situationen und unglückliche Ereignisse kann man verfolgen? In wie vielen Menschen kann man das eigene Leben spiegeln? Wie viele Stunden hat ein Tag? Was bedeutet Freundschaft, was Mitgefühl 2.0?“ (S. 163) Eine Rückblende, in der Markus eine kurze Verschnaufpause hat; fürwahr, darüber lohnt es sich, nachzudenken! Gibt es Probleme mit dem Buch? Das Buch ist kein Ratgeber, beantwortet Fragen nicht, wirkt teilweise salopp und auch irgendwie unreflektiert, fast schon dahergeplappert. Das ist aber zugleich auch seine Stärke: Klang und Tempo der Erzählerin, einer genauen, nicht verurteilenden Beobachterin, entsprechen genau dem, was im Buch beschrieben wird. Zugleich fühlt man sich während der Lektüre dabei ertappt, wie man immer wieder fast schon unbewusst (Pauer nennt es „zärtlich“) über das Telefon streicht. Nur kurz die E-Mails checken, kurz nachschauen, was auf Facebook gepostet wurde, ganz kurz die Push-Nachricht lesen, endlich auf das LG von Mama reagieren, sich nach ein paar iMessages doch noch kurz zum Kaffee verabreden, oder einfachheitshalber telefonieren, und und und… Warum empfehle ich es trotzdem? 
Pauer fährt nicht mit dystopischen „Datenfresser“-Szenarien auf, sondern analysiert fein und mit Humor unsere Generation, die mit ihren mobilen Datenträgern enger verbunden zu sein scheint als mit den engsten Freunden. Wir sind süchtig nach Kommunikation, Feedbacksystemen, der Verknüpfung gemeinsamer Lebenslinien. Unser Urbedürfnis nach Markierung in Raum und Zeit will, soll und darf gestillt werden. Dafür spalten wir uns in diverse virtuelle Ichs auf, die auf den unterschiedlichen Kanälen angesprochen werden können. Jederzeit natürlich. Auf diesen multiplen Bühnen der Anwesenheit parallel präsent zu sein, überfordert logischerweise auch. Doch sind wir in der heutigen Zeit nicht auch dazu verpflichtet? Wer kann es sich heute noch leisten, nicht zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein – wenn es sein muss, auch an mehreren gleichzeitig?

Diese Rezension erschien zeitgleich auf dem Mewi-Blog der Tageswoche Basel

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