Plädoyer für die Pornografie

Online Plattformen wie Youporn erfahren einen enormen Zulauf; ihre Klickzahlen rangieren in derselben Liga wie Google, Wikipedia, Facebook und Co. Die Big Player des Internets verstossen das ungeliebte Kind jedoch selbst: Wer bei Google die Buchstaben P, o, r, n und o eingibt, bekommt via Google Instant keine Ergebnisse angezeigt – obwohl die grösste Suchmaschine über eine Milliarde Treffer nach dem Tippen auf die Enter-Taste liefert. Auch im App Store befinden sich keine Apps mit pornografischem Material oder solche, die das Abspielen von einschlägigen Seiten erleichtern, obwohl das Geschäft mit den kleinen Programmen enorm erfolgreich ist. Sex sells? Sicherlich, aber das gute Image scheint hier wichtiger. Die Folgen sind allerdings gravierend: Pornografie wird aus der gesellschaftlichen Diskussion gedrängt, stigmatisiert und tabuisiert. Dabei bräuchte es eine Sensibilisierung, gerade auch weil immer mehr Kinder und Jugendliche dank Internet mit Pornografie in Kontakt kommen. Sogar über Pornografie-Unterricht an Schulen wird diskutiert – Ergebnis des Online-Pornografie-Booms?

«Das Buch ‹PORN.COM: Making Sense of Online Pornography›, herausgegeben von Feona Attwood, liefert ein Plädoyer für eine Diskussion, die gesellschaftliche und politische Bereiche aller Art anspricht» – sagt Anna Schillinger, die Medienwissenschafts- und Gender-Studies Studentin, die PORN.COM hier vorstellt.

Wovon handelt das Buch? Porn.com bietet einen Querschnitt durch aktuelle Forschungsfelder der Online-Pornografie: von Fan-Communities und Möglichkeiten des file-sharings pornografischen Materials, über erotische Amateur-Literatur, sex-blogging, Swinger-Netzwerke und der Online-Bewertungssystematik von Profilbildern, bis hin zu alternativen Pornografie-Formen. Allen Beiträgen liegt ein gemeinsamer Nenner zu Grunde: Sie zeigen den Paradigmenwechsel im Verständnis von Pornografie auf. Die Pornografie avancierte vom medien-und kulturgeschichtlichen enfant terrible zum popkulturellen Sex-Lifestyle – dank Web 2.0 und dessen Individualiserungsmaschinerie. Die Partizipationsmentalität des Users zeigt sich nicht nur in der zunehmenden Bedeutung von Amateur-Pornografie, der User wird zudem mit der Frage konfrontiert: mit welchem dieser Porno-Inhalte kann ich mich identifizieren? Schlagworte: Pornofizierung, Pornonormativität, Porn 2.0 Lieblingssatz? Die Diversität an Pornografien spiegelt sich in einer Vielfalt an Repräsentationen von Realität(en) wider. Der moderne Porno versucht eine Brücke zu schlagen, zwischen der fantastischen Sex-Welt, welche er repräsentiert, und dem alltäglichen und realen Sex, welchen der User zu erleben wünscht. Feona Attwood fasst das sehr schön in einen Satz: „The contemporary real also increasingly incorporates contradictions; desire for the real, fetishization of the real, resignation to the fact that the real is always elusive, fun in fakery, and celebration of the delights of role-play and performance.” Zentrale These des Buches? Wir sind durch den Strudel der medialen Pornofizierung längst im Mainstream der digitalen Pop(p)kultur angekommen. Die komplexen Wechselverhältnisse und Angleichungspraktiken zwischen KonsumentInnen, ProduzentInnen und der Pornografie zeigen sich in einer generellen Verwischung ihrer Grenzen, welche die heutige Pornografie-Kultur und damit einen grossen Teil des World Wide Webs ausmacht. Das bedeutet konkret? Die Online-Pornografie hat sich an legislative und moralisch vorgegebene Gesellschaftsstandards angepasst. Die Global Player des Internet (Google, Facebook, Apple) setzen moralische Standards durch, indem sie moralisch verwerfliche Inhalte vorenthalten (Kinderpornografie, Sodomie). Der moralisch geduldete Mainstream-Pornografie-Bereich ist hingegen an Varianz kaum zu überbieten, wobei vormals bestehende Sexualitäts- und Geschlechternormen hinterfragt werden. Was stört? Leider fehlt eine direkte Diskussion der emanzipatorischen Implikationen des Partizipationsverhaltens der User als selbsttätige Pornofilm-RegisseurInnens. Auch die Frage nach den Gründen einer freiwilligen Exhibitionierung, sowohl in der Amateur- als auch in der Alt-Pornografie, bleibt unbeantwortet. Warum sollten wir es trotzdem lesen? Wegen seines gendertheoretischen Schwerpunkts. Das Internet wird vermehrt als Verbreitungsplattform für sexual- und geschlechtspolitische Demokratisierungstendenzen genutzt. Vor allem durch die Arbeit von sex workern – BloggerInnen, PornoregisseurInnen, AutorInnen erotischer Literatur – findet die Queer-Bewegung neuen Aufschwung und eine weitere Repräsentationsmöglichkeit postfeministischen Aktivismus’. Das Buch erinnert an… den Versuch der Frauenpornografie der frühen 90er, im Videomarkt Fuss zu fassen.

Anna Schillinger empfiehlt zum Weiterlesen und-sehen die Blogs von Rachel Rabbit White und Audicia Ray zum Thema sex workers und sex-positiver Feminismus. Und Zur Frauenpornographie den Youtube-Kanal von Petra Joy

Diese Besprechung erschien zeitgleich auf dem Mewi-Blog bei der TagesWoche Basel.

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