Überwachung und Depolitisierung

Kann man mit Medien Revolutionen führen? Rettet ein “Like” die Welt oder ist dies alles reiner “Slacktivismus“? 
Laut Visible Measures ist der Film Kony 2012  das erste Internetvideo, das innerhalb von fünf Tagen 70 Millionen Mal aufgerufen wurde. Das sind längst keine News mehr und – keine Angst – dieser erste Post ist keiner zu Kony 2012. Allerdings zeigt das Video von Regisseur Jason Russell die Aktualität der Thematik des hier vorgestellten Buches: “The Net Delusion: The Dark Side of Internet Freedom” von Evgeny Morozov (2011) gelesen und vorgestellt von Roberto Simanowski, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Basel.

Wovon handelt das Buch? Von Cyberutopismus, Internetzentrismus, Überwachung und Depolitisierung. Das heisst? Für Internetzentristen dreht sich heute alles ums Internet, für Cyberutopisten tut es dies in höchst positiver Weise. Darauf antwortet Morozov mit der dunklen Seite des Internet. Zum Beispiel digitale Überwachung, die viel kosten- und zeitsparender ist als Briefe lesen oder Gespräche abhören. Man kann auch Gesichtserkennungsprogramme auf Demonstranten loslassen. Und die statistische Auswertung von Tweets und Retweets erlaubt die Früherkennung von Meinungsführer und Delinquenten, noch ehe diese selbst es wissen. wichtige Schlagworte? Digital Orientalism und Slacktivismus, aus slacker (Drückeberger) und activism. Nennen Sie eine zentrale These des Buches: Dass der arabische Frühling 2011 genauso wenig wegen Twitter stattfand wie zwanzig Jahre zuvor der Kollaps des Sowjetimperiums wegen Schreib- und Kopiermaschinen als Samizdat-Medien. Revolutionen werden mit, aber nicht wegen Medien geführt. Morozov lässt Fakten sprechen: Im Juni 2009 gab es nicht mal 100 Twitter-Accounts in Teheran und die meisten Tweets, die damals vom Iran handelten, waren auf Englisch statt auf Farsi, halfen also nicht der Organisierung der Demonstranten, sondern der Information unter den Exilanten. Gibt es Probleme mit dem Buch? Morozov schüttet das Kind mit dem Bade aus. Weil er ein Konvertit ist und nun besonders hart ins Gericht gehen will mit dem Cyberutopismus, dem er bis vor kurzem selbst verfallen war. Das führt zu radikalisierten Argumenten und simplifizierten Befunden. Es gilt trotzdem, dass Twitter mobilisieren kann, zum Beispiel durch Bilder von der Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohammed Bouazizi am 17. Dezember 2010. Morozov vergisst manchmal auch, was er vorher gesagt hat. So heisst es: „Today, aspiring digital revolutionaries can stay on their sofas forever – or until their iPad’s batteries run out – and still be seen as hereos.“ Der Spott auf den Sofahelden widerspricht freilich dem Hinweis, dass der KGB die Regimegegner nun vor allem im Internet aufspürt. Wenn Online-Medien Ort des öffentlichen Diskurses sind, wird natürlich auch das Sofa – oder wo immer man sitzt, wenn man online ist – zum Ort der Revolution.  Warum sollte ich dieses Buch trotzdem lesen? Als notwendige Gegenstimme zu all dem politischen Kredit, der die neuen/sozialen Medien jetzt allerorts überhäuft. Man hat Twitter ja sogar schon für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen!  Woran erinnert Sie das Buch? An die vielen Bücher der letzten drei, vier Jahre zum Thema Datenschutz und Überwachung erschienen, wie Peter Schaars Das Ende der Privatsphäre (2009) oder Datenfresser von Konstanze Kurz und Frank Rieger (2011). Aber auch an Protocol. How control exists after dezentralisation von Alexander Galloway, der schon 2004 wusste, dass das zugrundeliegende Prinzip des Internet nicht Freiheit ist, sondern Kontrolle. Zum weiterhören und -sehen: Evgeny Morozov bespricht das Buch hier auf BookTV mit Susan Glasser,  Chefredakteurin von Foreign Policy.

Oder sein Ted-Talk zu “How the Net aids dictatorships”:

“[People] somehow assume that the Internet is going to be the catalyst of change that will push young people into the streets, while in fact it may actually be the new opium for the masses which will keep the same people in their rooms downloading pornography.” (Evgeny Morozov)

Diese Review erschien zeitgleich auf dem Mewi-Blog bei der TagesWoche Basel.

1 Kommentar

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#1 – PgOqolgNeKdAaXsK

Jacqueline
19.04.2013 – 08:12
It's good that things like this haeppn because they warn all of us to not be lulled into the sense that the proprietors of Facebook would ever allow the service to be turned into a public commons. Some irony in the fact that the Facebook service illustrates many of the things a digital commons might be about, but, whatever that future is, Facebook won't be it. Too centralized; too lacking in imagination; to bound to the service of a tired, corrupt industry (advertising) that the commercial side of a truly social media would free us from.But it's a private business, so the only fair remedy to the problem is for individuals to choose with their eyes open.The far more difficult problem, I think, is what to do about data centers and cloud services that really do function as de facto public utilities, when (a) they don't like content they are hosting, and (b) government wants to search or seize a server and doesn't know how to distinguish between the suspect and it's virtual neighbors? That's also infrastructure for . . . well, everything: commerce, education, the arts, politics, everything.

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