Editorial

Die Beiträge der zweiten Ausgabe des Jahres 2014 untersuchen am Beispiel der Sprache- Literatur- und der Religionswissenschaft, wie die Geisteswissenschaften auf die Herausforderung der neuen Medien reagieren, skizzieren das hybride, multimediale und soziale Schreiben in digitalen Medien, diskutieren digital Games aus der Perspektive der Theater- und Performancetheorie und erörtern den NSA-Skandal und Big Data Mining als dialektisches Problem der Moderne.

Seit Steven Johnson 2005 publikumswirksam erklärte Everything Bad is Good for You: How Today’s Popular Culture Is Actually Making Us Smarter, kennt die Verteidigung des von der Kulturelite Verschmähten kein Ende. Computerspiele sind da ein bevorzugtes Übungsfeld, zumal die simple Stimulus-Response-Theorie der Kritiker, die nach jedem Amoklauf eines Schülers die Medien besetzt, ja wirklich zum Widerspruch einlädt. Wenn die Verteidigung der Ego-Shooter darauf hinausläuft, dass diese die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung und die Fähigkeit zum Multi-Tasking erhöhen, lädt allerdings auch dies zum Widerspruch ein oder zumindest zum Nachhaken: Denn mehr Geistesgegenwärtigkeit bedeutet nicht auch mehr Geistestiefe, Reaktionsvermögen ist noch nicht Reflektionsvermögen. Holger Pötzschs Artikel Games and Brains betont genau diesen wichtigen Unterschied ausgehend vom TED-Talk einer Kognitionswissenschaftlerin, die viel zu euphorisch und methodisch unkritisch beweisen will, dass alles angeblich Schlechte eigentlich gut für uns ist.

Eine differenzierte Perspektive auf Computer Spiele sind auch das Thema des Beitrags von Judith Ackermann Meaning creation in digital gaming performances. Ackermann präsentiert hier das in ihrer Dissertation entwickelte Konzept des “Hybrid Reality Theatre”, das die Akteurs-Publikumsstruktur aus dem Theater und der Performance Kunst auf digitale Spiele überträgt, und diskutiert die verschiedenen Ebenen der Sinngebungsverfahren, auf denen die Spieler sich zu bewähren haben.

Nach dem Erfolg der E-Books auch im Weihnachtsgeschäft 2014 stellt sich erneut die Frage, wie viele Jahre das Buch in seiner gedruckten Form noch hat. Zu betonen ist in diesem Zusammenhang, dass der Medienwechsel mehr bedeutet als den Verlust der haptischen und olfaktorischen Wahrnehmung des Buches. Der digitale Text ist nicht einfach der dünnere Bruder des gedruckten; er tritt in einer völlig anderen Umgebung auf, die der alten Kulturtechnik des Lesens durchaus fremd, wenn nicht feindlich gegenübersteht. In dieser anderen Umgebung ist der Text immer nur einen Klick entfernt von seiner Negation: Videos, Facebook-Meldungen, andere Texte mit anderen Themen.
 
Die Beiträge Schreiben nach Engelbart und Vom Close Reading zum Social Reading sind diesem Thema gewidmet. Henning Lobin untersucht die von Hybridität, Multimedialität und Interaktivität geprägte Textproduktion im Kontext von Computer und Internet und zeichnet die Entwicklungslinien dazu bis zurück zur Urszene der kybernetischen Textverarbeitung. Philipp Schweighauser, Marion Regenscheit und Jelscha Schmid erörtern die Textrezeption im Zeitalter des digitalen Texts, die im Zeichen des distanzierten, hybriden und sozialen Lesens stehen.

Das Schreiben und Lesen online ist auch Gegenstand des Beitrages Linguistics and the New Media von Miriam A. Locher und Lorenza Mondada. Allerdings geht es hier um die Selbstbeschreibung in sozialen Netzwerken, um das writing into being und dessen sprachwissenschaftliche Auffälligkeiten.

Die Beiträge von Locher und Mondada sowie Schweighauser, Regenscheit und Schmid sind das Ergebnis einer Ringvorlesung im Herbstsemester 2013 an der Universität Basel unter dem Titel Digital Media Studies in der Praxis. Wie die Geisteswissenschaften auf die neuen Medien reagieren. Im Zuge dieser interdisziplinären Vorlesung, in der zum Teil StudentInnen und ProfessorInnen gemeinsam auftraten, entstand auch der Beitrag von Jürgen Mohn, Kirstin Meier, Anna Schillinger und Tanja Hoch: Internet-Kirchen, Jesus-Apps und Online-Beichten. Transformation der Religion durch die Digitale Medien. Hier geht es sowohl um die Nutzung des Internets durch religiöse Bewegungen als auch um die Religiosität digitaler Medien, was konkret an Online-Beichten, religiösen Apps und Phänomenen eines digitalen Synkretismus illustriert wird.

Big Data gehört zu den Begriffen, die seit einigen Jahren – und von nun an vielleicht für immer – das Selbstverständnis digitalisierter Gesellschaften bestimmen. Wer die Daten hat und zu analysieren versteht, erwirbt ein Vorsprungswissen mit ökonomischer und politischer Dividende. Insofern es sich dabei um Kontrollwissen von Regierungsinstitutionen über den gesellschaftlichen Körper handelt, ist Vorsicht und Abwehr geboten. Aber Wissen ist nicht an sich böse. Im Gegenteil; Wissenwollen ist ein Handlungsimpuls des Menschen und so ist auch das Vermessen nicht nur der Natur (einschließlich der menschlichen), sondern zugleich der sozialen Kultur (einschließlich individueller Verhaltensmuster) kein Widerspruch zur Moderne, sondern Teil ihrer Widersprüchlichkeit.   

Die Beiträge von Ramón Reichert und Roberto Simanowski widmen sich diesem Thema mit verschiedener Fokussierung. Reichert geht es in Big Data. Zur Datenkonstruktion der Großdatenforschung um eine Diskussion der methodologischen und gesellschaftspolitischen Problemfelder der “Großdatenforschung”, die nach einer allgemeinen theoretischen Bestimmung des Gegenstandes mittels zweier Fallstudien zu Facebook und Twitter illustriert werden. Das strategische Bezugsverhältnis zwischen Wissen und Macht im Zuge des Social Monitoring, das den kritischen Abschluss in Reicherts Beitrag bildet, ist Thema auch in Simanowskis Beitrag Data Love: Jenseits der NSA-Debatte. Allerdings argumentiert Simanowski stärker kulturwissenschaftlich und versteht jenseits eines governmentalen Big Brother-Szenarios die Bevölkerung als Komplize ihrer eigenen Überwachung. Aus dieser Perspektive erweisen sich das Self-Tracking und die Smart Things als gewollte Praxis der Dataveillance und die Rede von der „Datenumweltkatastrophe“ letztlich als untherapierter Generationskonflikt. 

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