Wikipedias Wissen.
Vom Wandel einer Mediengattung und ihren Möglichkeiten

Abstract

Wikipedia hat die Mediengattung der Enzyklopädie revolutioniert. Neuartige Produktions- und Rezeptionsbedingungen haben die Kultur enzyklopädischen Wissens nachhaltig und grundlegend verändert. Anhand dieses Wandels zeigt sich zugleich eine modifizierte Bedeutung gesellschaftlicher Vereinbarungen. Relevanz ist relativ, Komplexität und Kontingenz dominieren das Erleben.

Lehrende wie Lernende stellt diese Realität vor neue Herausforderungen, denn die Bedeutung feststehender Wissensbestände verflüchtigt sich. Stattdessen dominiert der Kompetenzbegriff die Bildungsdebatte. In genau dieser Gemengelage behauptet die Online-Enzyklopädie Wikipedia ihren Platz. Sie spiegelt die genannten Entwicklungen durch ihre immer nur augenblickliche Verfasstheit wider.

Einleitende Bemerkung

Wenn im Folgenden von der Wikipedia als einem herausragenden Projekt im Web 2.0 die Rede sein und dieses Projekt zugleich als Beispiel für eine mögliche schulische Unterrichtspraxis herangezogen wird, so stellt diese Argumentation natürlich lediglich einen Ausschnitt aus dem Kosmos ‚Medienbildung‘ dar. Die Perspektive ist unausweichlich und notwendigerweise eingeschränkt. Sie fokussiert auf ein mögliches Beispiel neben all den anderen Möglichkeiten. Dabei stellt sie eine Herangehensweise dar, die aktuelle Entwicklungen und damit einhergehende Bildungsaufgaben im Unterrichtsbereich ‚Neue Medien‘ aufnimmt, diskutiert und für die Unterrichtspraxis konkretisiert.

Wikipedia – Enzyklopädie im Netz

Im Folgenden stehen zunächst einige Anmerkungen zur Mediengattung ‚Enzyklopädie‘ im Allgemeinen, bevor dann auf die Wikipedia im Speziellen eingegangen wird. Insbesondere gilt das Augenmerk den veränderten Produktions- und Rezeptionsbedingungen der Online-Enzyklopädie.

Mediengattung ‚Enzyklopädie‘

Auf der Suche nach fundierten Wissensbeständen in den Weiten des Web 2.0 ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia für eine Vielzahl von Nutzern zur ersten Anlaufstelle geworden. In einem Raum, der gemeinhin als unüberschaubar gilt, hat sich mit ihr ein Orientierung verheißendes Leuchtturmprojekt im Meer der Internetseiten aufgetan. Sie fungiert als lichte Stelle in den Wogen der Informationsflut.

In ihrer Rolle als Enzyklopädie macht sich die Wikipedia zur Aufgabe, gesellschaftlich relevantes Wissen zu bestimmten Themengebieten bzw. Objektbereichen zu sammeln und aufzubereiten. Damit stellt sie sich in die Tradition ihrer Vorläuferinnen, deren Funktion zum einen in der Vermittlung von Wissen besteht, die darüber hinaus aber auch einen gesellschaftspolitischen Anspruch verfolgen. Das wahrscheinlich berühmteste Beispiel in diesem Zusammenhang stammt aus der Zeit der französischen Aufklärung: Die Encyclopédie ou Dictionnaire Raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers von d’Alembert und Diderot wirkt stilbildend für die Gattung. Ihr eigen ist ein dezidiert politischer Anspruch, dessen Wirkmächtigkeit sich nicht zuletzt in der bewegten Publikationsgeschichte der Encyclopédie mit Zensur, Indizierung und Druckverbot widerspiegelt (vgl. Blom 303 – 399). Die Encyclopédie fasziniert bis heute als zeithistorisches Dokument und Symbol der Aufklärung. So schreibt Ursula Kundert: 

„Der heutige Blick auf die Geschichte der Enzyklopädie ist nicht unwesentlich geprägt von der Encyclopédie par excellence, dem Dictionnaire Raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers, par une Societé de Gens de Lettres (1751 – 1772). Weil ihr Erscheinen gegen Autoritäten erkämpft werden musste, ist sie zum Wahrzeichen, zum großen Scheinwerfer der Aufklärung geworden.“ (Kundert 379) 

Die Encyclopédie als „großer Scheinwerfer der Aufklärung“ (Kundert 379) hat ihren institutionellen Platz bis heute behalten und strahlt weiter aus – auch auf die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die den aufklärerischen Gestus in den Raum des Web 2.0 weiterträgt. Dies wird nicht zuletzt an Auseinandersetzungen um Prozesse der Wissensautorisierung deutlich. Die Artikel der Wikipedia stehen aufgrund ihrer teil-anonymen, kollektiven Autorschaft immer wieder in der Kritik.1 Der Vorwurf lautet: Es gibt hier einen Mangel an Expertise aufgrund eines Mangels an Experten. Denn typischerweise anerkannte Nachweise für Fach- und Sachkenntnis von Verfassern, etwa akademische Titel, sind in der Online-Enzyklopädie weder direkt ersichtlich noch notwendig. Es existiert nicht der eine, ausgesuchte Autor, der für ein Lemma verantwortlich zeichnet. In der Folge wird der Wikipedia häufig im Ganzen mangelnde Qualität und Fehlerhaftigkeit vorgeworfen, obwohl es dafür keinen hinreichenden wissenschaftlichen Beleg gibt. So kommt Hammwöhner zu dem Schluss:  

„Die Wikipedia kann auch außerhalb der exzellenten Artikel in größeren thematischen Zusammenhängen verlässliche Information zur Verfügung stellen. Höhere Ansprüche an die Aufbereitung können dabei nicht gestellt werden, eine konsistente und vollständige Darstellung wird jedoch weitgehend erreicht.“ (vgl. Hammwöhner 20)

Selbst wenn einzelne Artikel unausgegoren sind, ist dies nicht auf den Bestand der Wikipedia insgesamt übertragbar.2 Dennoch wird sie von weiten Teilen der Wissenschaft als insgesamt nicht zitierfähig angesehen. Das erscheint angesichts ihres inhaltlichen Umfangs, ihrer Aktualität, ihrer gesellschaftlichen Bedeutung sowie ihrer tatsächlichen Frequentierung durch Internetnutzer ebenso wenig nachvollziehbar wie ein Zitierverbot der Britannica, des Zedlers oder des Brockhaus.
Die zuletzt genannten Namen bezeichnen weitere enzyklopädische Klassiker. Dabei ist die Gattungsgeschichte der Wissenssammlungen selbstredend nicht auf ihre prominentesten Vertreter beschränkt, sondern stellt sich wesentlich umfangreicher dar: Florilegien, Heiligenlexika, Wörterbücher, Konversationslexika – schon diese Stichwörter lassen erahnen, wie weit das Feld ist, wie notwendig und doch gleichermaßen schwierig trennscharfe Unterscheidungen werden können. Insbesondere Madeleine Herren und Paul Michel haben hierzu umfangreiche Untersuchungen geleitet. Ihr Projekt „Allgemeinwissen und Gesellschaft. Enzyklopädien als Indikatoren für Veränderung der gesellschaftlichen Bedeutung von Wissen, Bildung und Information“ (Universität Zürich, 2002 – 2006) weist schon im Titel auf die enge Verzahnung von Wissen und gesellschaftlicher Identität  sowie Wissen und Bildung hin3  Der Wandel von Wissenskulturen und der Wandel gesellschaftlichen Selbstverständnisses gehen Hand in Hand, weil die Kategorie relevanten Wissens selbst eine gesellschaftliche Vereinbarung im stetigen Wandel ist. 

 
Wikipedia online 

Die Mediengattung ‚Enzyklopädie‘ ist in ihren Ausprägungen variantenreich, doch verbindet ihre Werke der gemeinsame Anspruch, das aktuell gesellschaftlich relevante Wissen für Wissenssuchende bereitzustellen. Gerade weil die Wikipedia an dieser Identität als Enzyklopädie festhält, wird an ihr wie an kaum einem anderen Projekt im Web 2.0 deutlich, was gemeint ist, wenn in Bezug auf die digitalen Medien von der Entwicklung neuer kultureller Techniken und vom Wandel sozialer Praktiken die Rede ist. Dies wird insbesondere im Blick auf die im folgenden Kapitel beschriebenen Produktions- und Rezeptionsbedingungen der Online-Enzyklopädie ersichtlich.

Die Idee zu einer via Internet zugänglichen, umfassenden Wissenssammlung kam bereits im Jahr 2000 auf. Jimmy Wales und Larry Sanger starteten das Projekt ‚Nupedia‘. Experten waren gefragt, Artikel für eine Enzyklopädie im Netz zu schreiben. Der Redaktionsprozess für eingereichte Artikel bestand in einem Peer-Review-Verfahren. Doch die Resonanz blieb mäßig.4 Im Jahr 2003 wurde ‚Nupedia‘ darum eingestellt.

Bereits seit Januar 2001 existierte unter dem Namen ‚Wikipedia‘ jedoch eine weitere Version der Online-Enzyklopädie im Netz, die dank der Wiki-Software eine Bearbeitung der Inhalte direkt über den Browser ermöglichte. Autoren konnten Artikel zu selbst gewählten Lemmata verfassen, die dann von anderen Personen ergänzt, korrigiert oder umgeschrieben werden konnten.5  Der sich einstellende Erfolg dieser Bearbeitungsform sorgte dafür, dass die Enzyklopädie beständig wuchs. Bereits im März 2001 ließ Jimmy Wales darum verlauten, neben der englischsprachigen Version bald auch andere Sprachversionen ins Netz zu heben. Heute existiert die Wikipedia in 287 Sprachversionen.6    
Die englischsprachige Version verfügt dabei mit ca. 4,46 Millionen Lemmata über die größte Wissenssammlung, gefolgt von der niederländischen und der deutschsprachigen Version mit ca. 1,76 bzw. 1,69 Millionen Schlagworten.7

Entgegen der häufig kolportierten Meinung, die Wikipedia sei das Werk einer Vielzahl von Autoren, legen Untersuchungen nahe, dass es sich in Relation zur Gesamtzahl der Artikel bei den Verfassern um einen eher geringen Prozentsatz handelt: Die Hälfte aller Beiträge stammt von 2,5 % aller Producer.8 

Produktionsbedingungen – Rezeptionsbedingungen

Die Wikipedia erfüllt traditionelle Aufgaben einer Enzyklopädie bei gleichzeitig stark veränderten Produktions- und Rezeptionsbedingungen. Der mediale Rahmen der Enzyklopädie ist ein völlig anderer geworden – so wie auch der gesellschaftliche Rahmen der Enzyklopädie ein völlig anderer geworden ist.

Die originäre Funktion der Enzyklopädie als Nachschlagewerk und Ort des Wissens mag gleich geblieben sein, doch Entstehung wie Nutzung der Online-Enzyklopädie unterscheiden sich dezidiert von jenen ihrer gedruckten Vorgänger. Das Auffinden eines Lemmas reduziert sich mit dem passenden Stichwort auf Sekundenbruchteile eines Mausklicks; der Fülle an Inhalten und Zusatzmaterialien sind nahezu keine Grenzen gesetzt; weiterführende Informationen und Quellenverweise sind über In- bzw. Outlinks9  zu erreichen; Artikel stehen in verschiedenen Sprachversionen zur Verfügung, liegen z. T. sogar als Audioversionen vor. Auf Autorenseite gilt: Jeder, der über die entsprechenden technischen Voraussetzungen und notwendigen Kenntnisse verfügt, kann an der Wikipedia mitschreiben. Es gibt keinen Selektionsprozess im Vorfeld – weder bzgl. der Autoren noch der von ihnen eingebrachten Inhalte.10 
Enzyklopädisches Wissen löst sich aus seinen herkömmlichen Strukturen. Das ist auch, aber eben nicht ausschließlich auf das Medium zurückzuführen. Die Online-Version des Brockhaus existiert schließlich ebenso im Netz.11  Mit der medialen Form allein ist der Erfolg der Wikipedia also nicht zu erklären. Es ist vielmehr der mit den medialen Möglichkeiten einhergehende Wandel der kulturellen Technik des enzyklopädischen Schreibens, die institutionell wie inhaltlich offene Form der Wikipedia, die ihren Erfolg ausmacht. 12  Konventionelle Muster enzyklopädischen Schreibens lösen sich auf, herkömmliche Konzepte von Autorschaft und Textgenese brechen auf. Wo vormals Experten zu redaktionell bestimmten Lemmata nach Zeilenzahl begrenzte Artikel verfassten, schreiben nun thematisch interessierte und technisch versierte Internetnutzer interessegeleitet an Einträgen, deren Umfang beliebig erweiterbar ist. Eine namentliche Kennzeichnung der Artikel bzw. ihrer Bearbeitungen ist möglich, aber nicht nötig.13 

Der Status des enzyklopädischen Artikelautors ist nicht länger institutionalisiert. Wo früher für Verlage und deren Redaktionen akademische Abschlüsse und Titel als Ausweis fachlicher Eignung zählten, um eine Anfrage an mögliche Beiträger zu formulieren, gelten heute Technikverfügbarkeit, Softwarekenntnisse und thematisches Interesse als Voraussetzungen für Autoren.

Der so genannte ‚user generated content‘ lässt neue Kategorien enzyklopädischen Wissens möglich werden und bedingt die Aufnahme einer ganzen Reihe von Lemmata, die sich bisher in keiner anderen aktuellen Enzyklopädie wiederfinden. Nahezu  jedes gesellschaftliche Phänomen und persönliche Interessensgebiet kann in der Wikipedia ein eigenes Schlagwort bilden. So integrieren Fan-Lemmata bisweilen ganze Fan-Kulturen in die Wikipedia (s. Einträge zu Star Wars oder Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romanen14). Auf diese Weise wird die Enzyklopädie für weite Nutzerkreise anschlussfähig.

Dabei macht die Wikipedia ihrem Namen als ‚schnelle Enzyklopädie‘ (der Wortteil ‚wiki‘ bedeutet ‚schnell‘) alle Ehre. Das zeigt sich nicht nur an den Zuwachszahlen neuer Artikel, sondern auch an den Bearbeitungen bestehender Einträge. Angesichts immer weiter wachsender Wissensvorräte der Weltgesellschaft, verändert sich nicht nur das Wissen selbst, sondern auch der Umgang mit ihm. Nicht Wissen als eine Gesamtheit von Kenntnissen, sondern der gezielte Zugriff auf aktuell relevante Wissensbestände in einer konkreten Handlungssituation ist bedeutsam: 

„Der Prototyp des Symbolanalytikers ist nicht mehr der Experte, der Vielwisser, der Besitzer von Wissen, sondern der ‚Wissens-Virtuose‘ – ein Surfer, ein Jongleur, ein Spieler, denn der Virtuose kumuliert keine Wissenbestände, sondern bringt sie stattdessen gezielt in Aktion: ‚doing knowledge‘ anstelle von ‚having knowledge‘.“ (Maasen 86) 

In dieser Situation verfügt die Wikipedia über zwei wesentliche Vorteile: Auf Nutzerseite ermöglicht sie den gezielten und dank mobiler Endgeräte zunehmend orts- wie zeitunabhängigen Zugriff auf Wissensbestände. Auf Autorenseite ermöglicht sie die schnelle Anpassung und fortwährende Überarbeitung der verfügbaren Inhalte wie die unkomplizierte Aufnahme neuer Lemmata. Sowohl auf Nutzer- als auch auf Autorenseite steht damit das dynamische „doing knowlegde“ (Maasen 86) bei Wikipedia im Mittelpunkt. Damit setzt die Online-Enzyklopädie einen Gegenpunkt zu bisherigen Enzyklopädien, für die aufgrund ihres in der jeweiligen Ausgabe festgeschriebenen Wissensbestands stärker das statische „having knowlegde“ (Maasen 86) gilt, das man im haptischen Erlebnis, dem ‚in der Hand haben‘ eines Bandes, versinnbildlicht sehen kann.

Die Wikipedia als Ort fortwährend unabgeschlossener Sinnbildungsprozesse entspricht damit besser den Anforderungen an die Wissensjongleure der Gegenwart. Enzyklopädische Qualität meint hier nicht länger zu rezipieren, was dezidiert recherchiert, korrigiert und verlegt wurde, sondern den schnellstmöglichen Zugriff auf die jeweils aktuellste Version eines sich fortwährend verändernden Wissensbestands zu haben. Nicht zuletzt aus diesem Grund stößt die orientierende Funktion der Wikipedia an ihre Grenzen bzw. besser gesagt an ihre Nicht-Grenzen. Die Vielzahl an Kategorien, die Masse an Lemmata, die Länge einzelner Artikel sowie die Menge an Verweisen führen zu einer Fülle, die ihrerseits wiederum desorientierend wirken kann. Würde man die Artikel der deutschsprachigen Wikipedia – ohne Bebilderung, allein die Textanteile – in Buchbände fassen, müsste man gegenwärtig ca. 862 Bände drucken.15  Dagegen erscheinen die 32 Bände der Encyclopaedia Britannica übersichtlich. Die Reduktion von Information macht aufgrund der technischen Entgrenzung (unbegrenzter Speicherplatz16der Perfektion Platz. Dabei zielt diese Perfektion weniger auf eine allgemeine Ausführlichkeit von Artikeln als vielmehr auf die Vollständigkeit des Korpus insgesamt.
Ein Themenportal wie ‚Body Modification‘ zeigt dies noch einmal in besonderer Deutlichkeit.17  Hier werden historische wie moderne Körperkunst-Elemente beim Menschen beschrieben. Von diversen Arten und Orten des Piercings (‚Bauchnabelpiercing‘) über Formen der Tätowierung (‚Arschgeweih‘) bis hin zu traditionellen und modernen Modifikationen (z. B. ‚Lotusfuß‘ und ‚Bagelhead‘) findet man an dieser Stelle eine Gesamtheit, die ihresgleichen sucht. 18 Nicht die bisweilen überschaubare Länge der einzelnen Artikel als vielmehr ihre eigenständige Existenz in einer Enzyklopädie ist bedeutsam. Mit der Wikipedia sind Arschgeweih und Bagelhead lemmatisierbar geworden. Was andernorts wahrscheinlich höchstens als Beispiel in Klammern Erwähnung gefunden hätte, existiert in der Wikipedia gleichberechtigt mit anderen Lemmata.

Die Frage nach der Relevanz einzelner Artikel stellt sich dabei seitens der Wikipedia-Community immer wieder, ist im Hinblick auf gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und individuelle Lebensgestaltungen aber beinahe zu vernachlässigen. Die Reduktion von Komplexität funktioniert nicht mehr, weil die Komplexität der Lebenswelten selbst sie nicht länger zulässt. Das wird anhand der Wikipedia sichtbar. Dabei spiegelt die Online-Enzyklopädie wie vielleicht keine andere Enzyklopädie zuvor die Vorläufigkeit allen Wissens wider. Jeder Eintrag ist beständig unabgeschlossen, jede Version eines Artikels immer nur vorübergehend. Die Tatsache, dass hier die mögliche Flüchtigkeit jedweder Semantik augenfällig wird, findet ihre Entsprechung in den lebensweltlichen Kontingenzerfahrungen ihrer Nutzer.

Kontingenzerfahrungen

Bevor die Online-Enzyklopädie Wikipedia als Spiegel gegenwärtiger Kontingenzerfahrungen beschrieben wird, erfolgt zunächst eine Klärung des zugrunde liegenden Begriffsverständnisses von Kontingenz.

Kontingenz

Der Begriff der Kontingenz bietet sich facettenreich in diversen wissenschaftlichen Konzeptionen dar. Prominent geworden ist er vor allem in Philosophie, Theologie und Soziologie.19

Die folgende Definition des Begriffs stellt dementsprechend eine Verknappung dar, beschreibt aber den Kernaspekt des im Rahmen der hier angestellten Überlegungen wichtigen soziologischen Kontingenzbegriffs.20 In diesem Zusammenhang meint Kontingenz die Unausschließbarkeit anderer Möglichkeiten und bezeichnet als solche eine prinzipielle Offenheit. Kontingenz ist das Möglichsein des Anderen bzw. die Unmöglichkeit das Andere ausschließen zu können. Dieses Möglichsein ist nicht voraussetzungsfrei, sondern referiert auf gegebene Realitäten.

„Der Begriff [der Kontingenz, K.G.] bezeichnet mithin etwas Gegebenes (Erfahrenes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen. Er setzt die gegebene Welt voraus, bezeichnet also nicht das Mögliche überhaupt, sondern das, was von der Realität aus gesehen anders möglich ist.“ (Luhmann 152) 

Die Ahnung, dass ‚die Dinge‘ grundsätzlich auch anders möglich sind, gehört aufgrund einer prinzipiell offenen, frei wählbaren Lebensgestaltung gegenwärtig zum Alltagsempfinden vieler Mitglieder pluralisierter, libertärer Gesellschaften. Nicht ein Mangel an Möglichkeiten, nicht die Einschränkung, stellt hier die Herausforderung, sondern die Orientierung innerhalb des Möglichen. Eigenorganisation und Selbstrechtfertigung des Daseins, das Finden und Erfinden der eigenen Identität im kontingenten Lebensraum werden zur vorwiegenden und fortwährenden Entwicklungsaufgabe der Generationen. Die Möglichkeit, dass alles immer auch anders sein könnte, geht in ihrer Offenheit mit der Mehrung von Unsicherheiten einher. Denn Kontingenzerfahrung bedeutet nicht nur die Möglichkeiten zu erkennen, sondern mit ihnen auch zu erkennen: Es gibt keine Eindeutigkeit. Alle Eindeutigkeit verdankt sich verdrängter Mehrdeutigkeit. Das Möglichsein anderer Lesarten, Herangehens- und Handlungsweisen gehört immer dazu.

Wikipedia als Spiegel moderner Kontingenzerfahrungen 

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia macht Kontingenzerfahrungen auf einer neuen Ebene lesbar. Im Gegensatz zu traditionellen Enzyklopädien, an denen man zwar anhand ihrer einzelnen Auflagen Wandel und Fortentwicklung von Wissensbeständen nachverfolgen kann, ist in der Online-Enzyklopädie ein permanentes Verhandeln von Kontingenzerfahrungen wahrnehmbar, das so in herkömmlich verlegten Enzyklopädien nicht zum Ausdruck kommt. Kontingenz wird hier auf einer zeitlich-vertikalen Ebene über die Möglichkeit der ständigen Bearbeitung jeglicher Inhalte sichtbar, die so bisher nicht existent oder mindestens nicht einsehbar war. In räumlich-horizontaler Perspektive ist die Erfahrung von Kontingenz für die Nutzer nicht neu.21 

Wer über die Ränder bzw. Seiten der Wikipedia hinausblickt wird mehr und anderes finden können, als in ihr verhandelt wird. Denn die Wikipedia selbst stellt im Hinblick auf das Internet als Ganzes natürlich ebenso einen Ort der Reduktion von Komplexität und damit auch der Reduktion von Kontingenz her. Gerade das macht ihre eingangs beschriebene Leuchtturmfunktion (s. Kapitel 1.1) aus. Die Spiegelung der Erfahrung von Kontingenz auf zeitlich-vertikaler Ebene gewinnt im Rahmen der Wikipedia jedoch eine neue Qualität, die zu grundlegenden Veränderungen enzyklopädischer Maßstäbe und damit die Gattung insgesamt führt.

Typischerweise präsentieren sich enzyklopädische Werke als Ort fundierten Wissens. Fundiertes Wissen ist hinreichend belegtes Wissen. Es gilt als gesichert und wird damit zum verbindlichen Referenzpunkt für alle, die sich darauf beziehen können. Fundiertes Wissen hat den Status ‚wahren Wissens‘. Es ist anerkannt und allgemein akzeptiert. Enzyklopädisches Wissen ist demnach per definitionem anerkanntes, wahres, konsensfähiges Wissen. Die Enzyklopädie als Ort fundierten Wissens ist ein Ort der Zuverlässigkeit. Die Festschreibung enzyklopädischen Wissens reduziert Unsicherheiten. Weil die Enzyklopädie als Institution gesellschaftlicher Vereinbarungen anerkannt ist, wird ihren Inhalten der Status ‚verbindlichen, wahren Wissens‘ zuerkannt. Was geschrieben steht, gilt – mindestens bis zur nächsten Auflage. Doch „Wahrheit als Aussagenverlässlichkeit […] invisibilisiert die Kontingenz alles Gewussten […]“ (Schmidt 72), schreibt Schmidt. Der Status ‚fundierten, wahren Wissens‘ lässt die Möglichkeit, dass alles Gedachte immer auch anders sein könnte außer Acht. Er reduziert Möglichkeit zugunsten von Sicherheit. Er invisibilisiert Kontingenz zugunsten von Eindeutigkeit.

Das gilt zumindest im Blick auf traditionelle Enzyklopädien. Denn mit der Wikipedia wird in einer Enzyklopädie erstmals Kontingenz sichtbar. Ein globales Enzyklopädie-Projekt an dem hunderttausende Menschen partizipieren, kann Kontingenz unmöglich gänzlich ausschließen. Die Beobachterperspektiven, aus denen heraus hier geschrieben werden darf, und die Möglichkeiten, die sie aufzeigen, sind zahlreich. Die Wikipedia spiegelt Kontingenzerfahrungen wider. Sie bildet Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten ab.

Diese Beobachtung stellt die Bereitstellung fundierten Wissens in der Wikipedia keinesfalls in Abrede. Das Ziel der Wikipedia besteht in der Sammlung und Aufbereitung eben dieses Wissens.22 

Doch das allein schließt das Vorkommen von Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten in einer Enzyklopädie dieser Form eben nicht aus.

Da sich die Wikipedia dezidiert als eine Enzyklopädie versteht, versucht sie, ganz dem traditionellen Bild verpflichtet, dort, wo Kontingenz auftaucht, diese zu reduzieren. Die Reduktion von Kontingenz zur Minderung von Unsicherheit kann man im Anschluss an Luhmann durch Kommunikationsprozesse bewirkt sehen (vgl. Luhmann 191ff., 232f., 236f.). In der Wikipedia stellen Löschdiskussionen solche Kommunikationsprozesse dar: Umstrittene Lemmata werden hier diskutiert, d.h. es wird kommuniziert, um einen gemeinsam tragbaren Standpunkt zu finden, Eindeutigkeit zu erzielen und darüber Kontingenz zu mindern.

Ein Beispiel hierfür bietet die Löschdiskussion zum Lemma „Poesie-“ bzw. „Bibliotherapie“, einer alternativen Heilmethode. Die Debatte um das Schlagwort findet seit dem Jahr 2004 in Abständen immer wieder statt. Im Mai 2006 wird der damals unter dem alleinigen Stichwort „Bibliotherapie“ stehende Eintrag gelöscht. Heute findet sich unter dem erweiterten Lemma „Poesie- und Bibliotherapie“ wieder ein Artikel zum Thema in der Wikipedia.23 

An der Aufnahme des Lemmas zeigt sich: In der Wikipedia hat auch nicht konsensfähiges Wissen Platz, dessen Status als ‚fundiert‘ bzw. ‚wahr‘ angezweifelt wird. Im Zweifel tritt die Möglichkeit des Andersseins zu Tage. Hier wird Kontingenz erfahrbar. In der Wikipedia kommt die der Unsicherheit verdankte Mehrdeutigkeit zur Geltung. Diese Entwicklung markiert einen Wandel in der enzyklopädischen Kultur der Moderne. Denn anders als bei konventionell verlegten Enzyklopädien, in denen solches Wissen gar nicht erst auftaucht, kommt es in der Wikipedia vor.

Alles Aufschreien, alles sich Beschweren über die Unzuverlässigkeit, Unsicherheit und Unbeständigkeit von Wissensbeständen in der Wikipedia – kann man es mitunter nicht als Ausdruck einer weiteren Kontingenzerfahrung lesen, die der Rufende in seinem Wunsch nach Sicherheit und Eindeutigkeit lieber vermieden gesehen hätte? Wenigstens hier, in der Gattung der Enzyklopädie, war alles eindeutig. Doch die Enzyklopädie als Spiegel gesellschaftlicher Zustände kann sich dem Wandel nicht verschließen. Es könnte immer auch anders sein. Das wird im Hinblick auf die so genannten Löschkandidaten deutlich. Das merkt man mitunter aber auch schon beim Vergleich von ein und demselben Artikel in zwei verschiedenen Sprachversionen. Es gibt andere Möglichkeiten, andere Wirklichkeiten. Der Ausschluss von Kontingenz funktioniert nicht mehr. Damit drückt sich in einer Enzyklopädie erstmalig der Verlust von Verbindlichkeit und Stabilität aus. Statt Konsens und Sicherheit trifft man auf Diskussion und Möglichkeit.

Auch in der Wikipedia wird versucht, den traditionellen Kriterien einer Enzyklopädie zu genügen, Eindeutigkeit zu erzielen und sich zu vereinbaren. Dass gerade das jedoch nicht so einfach funktioniert, ist vielleicht eine Erklärung für den Erfolg dieser Enzyklopädie. Sie passt besser zu einer Erfahrungswelt in Zeiten, in denen für viele ihrer Nutzer mehr Möglichkeiten zu erkennen, als je zu realisieren sind. Kontingenzerfahrungen, die Möglichkeit, dass alles auch anders sein könnte, begleiten gegenwärtige Lebensentwürfe in vielerlei Hinsicht. In einer Welt, in der Orientierung  ungleich schwerer geworden ist, wäre eine unterkomplexe Enzyklopädie nicht realitätsangemessen.

Ihren enzyklopädischen Anspruch büßt die Wikipedia nicht ein. Die Abbildung von Kontingenzerfahrungen ist vielmehr ihr Verdienst. Sie entspricht damit den komplexen Lebenswirklichkeiten ihrer Nutzer.

Möglicherweise anders

Die skizzierten Entwicklungen stellen Lehrende wie Lernende im Bildungswesen vor neue Herausforderungen. Was bedeutet schulische Wissensvermittlung unter den gegebenen Umständen? Wie kann speziell ein Medienunterricht aussehen, der Wikipedia zum Thema und Gegenstand macht, ohne sich dabei ausschließlich auf eine inhaltliche Qualitätsdebatte der Artikel zu beschränken? Diesen Fragen folgend wird zunächst auf die Begriffe Wissen, Kompetenz und Bildung referiert, bevor abschließend zwei Unterrichtsvorschläge für SchülerInnen der Mittelstufe ab Klasse 9 beschrieben werden.

Wissen, Kompetenz, Bildung

Wissen definiert sich heute weniger über die Vermittlung bestimmter, fest vereinbarter, kanonisch zu nennender Wissensbestände als noch vor einigen Jahren.24 

Die zunehmende Komplexität von Lebenswelten und damit zusammenhängende, verstärkte Kontingenzerfahrungen drängen die Bedeutung derartiger semantischer Vereinbarungen zurück. Unter den Bedingungen pluralisierter Lebenswelten und individualisierter Lebensstile erscheint das Kanonische zwangsläufig immer schon defizitär. Was zu relevantem Wissen wird, liegt im Auge des Betrachters. Wo das Erlernen von Wissensbeständen keinen entscheidenden Vorteil mit sich bringt, wird der anforderungsabhängige, situative Wissenszugriff wichtig. Nicht Wissen an sich, sondern der Zugang zu aktuell bedeutsamem semantischem Wissen ist wertvoll. Gefragt ist die flexible Partizipation an Wissensprozessen. Diese Partizipation hat sich unter den Bedingungen digitaler Medien und der Entwicklung von Social Software noch einmal verändert: Partizipation meint nicht nur Rezeption, sondern auch Produktion. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist das prominenteste Beispiel für semantische Wissensproduktionen im Netz. In ihren Inhalten spiegelt sich die Vielfalt der Möglichkeiten.

Vor dem Hintergrund sich wandelnder Anforderungen im Umgang mit der gesellschaftlichen Ressource ‚Wissen‘ ist die Aufwertung des Kompetenzbegriffs gegenüber dem Wissensbegriff in schulischen Curricula als ein sichtbares Ergebnis dieser Vorgänge zu verstehen. In der schulischen Praxis spielt die Kompetenzorientierung seit einigen Jahren eine zentrale Rolle.25 Wenn Schmidt Kompetenzen treffend als „Selbstorganisationsdispositionen“ (Schmidt 159) bezeichnet, wird deutlich, dass hier drei Faktoren zusammenkommen: Selbst, Organisation und Disposition. Kompetenzerwerb zielt demnach auf ein Selbst, das sich selbst organisieren kann und dabei dauerhaft zur Disposition steht, d. h. zu jedem Zeitpunkt bereit ist, sich neu zu orientieren und neu zu organisieren. Der Kompetenzbegriff fördert demnach nicht den ‚Vielwisser‘, sondern den dynamischen ‘Wissensjongleur’ (vgl. Maasen 86).26 Die Auseinandersetzung um den Kompetenzbegriff und mit ihm einhergehenden Implikationen stellt nach wie vor eine Schlüsseldiskussion im Bildungsdiskurs dar. Dabei fand gerade in der Medienpädagogik eine bezeichnende Debatte statt. Bernd Schorb und Dieter Spanhel stritten stellvertretend für ihre Disziplin darum, welche Wichtigkeit den Begriffen Medienbildung bzw. Medienkompetenz zukommen solle. Dabei standen nicht die spezifischen Eigenschaften von Medien, sondern die grundsätzliche Erörterung von Kompetenz- und Bildungsbegriff im Mittelpunkt. Während Schorb von Kompetenzen spricht und die drei Dimensionen „Wissen, Bewerten, Handeln“ (Schorb 52) sowie davon ausgehend weitere Unterpunkte differenziert, beruft sich Spanhel auf den Begriff der Bildung als eines ganzheitlichen Prozesses, der den Menschen „in seinem Verhältnis zur Welt, zu den Mitmenschen und zu sich selbst“ (Spanhel 50) bestimmt. Während der Begriff der Bildung einen allgemeinen, anthropologischen Anspruch an Menschwerdung im weitesten Sinne beinhaltet, fokussiert die Rede von Kompetenzen auf einzelne Handlungsdimensionen. Schmidt zeigt in diesem Zusammenhang auf, dass je stärker sich Bildung an der Entfaltung individueller Entwicklungsmöglichkeiten orientiert, umso stärker wird Kompetenzorientierung integraler Bestandteil dieser Bildung. Wenn individuelle Entfaltung aus dem Ergreifen und Gestalten von Möglichkeiten besteht, fallen Bildung als Menschwerdung und Kompetenzerwerb zwecks Befähigung zum Umgang mit diesen Möglichkeiten in eins. 

„Je stärker Bildung als Entfaltung der Individualität – und das heißt als selbstbezügliche Strukturierung der Subjekt-Umwelt-Bezüge – gesehen wird, desto deutlicher wird zugleich, dass Freiheit risikoreich ist und individuelles Verhalten sich auf Dauer durch Lernen für unvorhersehbare Veränderungen offen halten muss. Insofern fallen allgemeine Menschbildung und Kompetenzentwicklung im modernen Sinne als Postulate zusammen […].“ (Schmidt 164) 

Wissensvermittlung anhand eines Bildungskanons durch die Schule tritt unter diesen Umständen zurück. Stattdessen wird der Erwerb von Kompetenzen zum Leitsatz einer Bildung, die auf eine individuelle Lebensgestaltung angesichts komplexer Lebenswelten und kontingenter Welterfahrungen vorbereiten will. Medienbildung meint in diesem Zusammenhang den bewussten Umgang mit Medien als Techniken, Formen und Sinnbildungsräumen, die diese Gestaltung von Individualität ermöglichen.27 Medienkompetenzen als Selbstorganisationsdispositionen drücken sich dabei in der Übernahme von Rezipienten- wie Produzentenrolle aus.

Wissen wird situativ angeeignet, als auch erzeugt. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia steht wie kein anderes Projekt im Web 2.0 für die Partizipation an Wissensprozessen und zeigt dabei die Herausforderungen des Umgangs mit Wissen in der Gegenwart auf. Sie empfiehlt sich daher als Lehr- und Lerngegenstand für den schulischen Unterricht mit neuen Medien.

Wikipedia macht Schule

Digitale Medien können Werkzeug wie Reflektionsfläche gleichermaßen sein. Techniken zu kennen und mediale Formen zuordnen zu können, ist die eine Seite. Weiterhin aber geht es darum, Medien als Sinnbildungsräume zu erkennen und zu durchschreiten, eigene Kommunikationsbedürfnisse medial platzieren (Produzent) und umgekehrt solche Prozesse der Raumnahme und Vernetzung reflektieren (Rezipient) zu können. Lehr-Lern-Situationen mit digitalen Medien müssen also idealerweise eine Verknüpfung von medialen Nutzungsfertigkeiten und Reflexionsfähigkeit leisten.Diese Anforderung kann in Unterrichtsprojekten mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia realisiert werden. Die Online-Enzyklopädie kann sowohl Werkzeug als auch Reflexionsfläche sein und zugleich die Übernahme der beiden genannten Rollenbilder schulen. Die zwei im Folgenden beschriebenen Unterrichtsvorschläge werden im Rahmen dieses Artikels als Ideen vorgestellt. Für die weitere Unterrichtsgestaltung ist selbstredend eine detailliertere Darlegung dieser Ideen inklusive Ausgestaltung einzelner Unterrichtsstunden, ihrer Beteiligten und der Lernziele unter Berücksichtigung binnendifferenzierter Aufgabenstellungen wichtig. Zudem sind die Kompetenzerwartungen im Einzelnen zu formulieren. An dieser Stelle erfolgt vorerst ein erster, einführender Einblick zwecks Konkretisierung eines Medienunterrichts unter Berücksichtigung der dargelegten Herausforderungen. Zielgruppe sind dabei SchülerInnen ab der neunten Klasse. Der erste Vorschlag bezieht sich auf die aktive Gestaltung der Rezipientenrolle, der zweite auf die aktive Gestaltung der Produzentenrolle. Beide Rollen können im Unterricht anhand handlungsorientierter Projektarbeiten erprobt und reflektiert werden. Ziel ist dabei auch, den SchülerInnen ein Bewusstsein für die Beweglichkeit von Wissensbeständen zu vermitteln sowie Komplexitäts- und Kontingenzerfahrungen im Umgang mit neuen Medien zu reflektieren.Als Unterrichtsprojekt zur aktiven Gestaltung der Rezipientenrolle dient die Analyse von Löschdiskussionen in der Wikipedia. Die Auswahl der von Löschdiskussionen betroffenen Lemmata geschieht vorab durch die Lehrkraft, die Analyse der ausgewählten Beispiele erfolgt dann durch die SchülerInnen in Gruppenarbeit. Der eigentlichen Analysearbeit geht dabei eine vorbereitende Unterrichtsphase voraus, in der die SchülerInnen sich mit den Regeln von Löschdiskussionen in der Wikipedia auseinandersetzen und ein Analyse-Instrumentarium für diese erarbeiten.28 Die Analyse wird in Form einer Ergebnissammlung präsentiert (z. B. Poster und Vortrag). Wer das Projekt noch weiter führen möchte, kann seine SchülerInnen auch dazu auffordern, selbst an Löschdiskussionen teilzunehmen.Ziel der Unterrichtseinheit ist die aktive Wahrnehmung der Rezipientenrolle. Es geht darum, sich der komplexen und kontingenten Zusammenhänge, kurz: der Nicht-Selbstverständlichkeit von Wissen bewusst zu werden. Die Analyse von Löschdiskussionen bietet im Gegensatz zur Analyse von Artikeln den Vorteil, dass sie den Fokus einer ausschließlichen Qualitätsprüfung als Kategorisierung in ‚richtig/unrichtig‘ ‚wahr/falsch‘, ‚fundiert/nicht fundiert‘ vermeidet und stattdessen die Bedingungen, unter den Wissen bedeutsam wird, in den Mittelpunkt der Reflexion rückt.

In Bezug auf die aktive Gestaltung der Produzentenrolle empfiehlt sich als Unterrichtsprojekt die Gestaltung eines Artikels in der Wikipedia. Dazu können die SchülerInnen aufgefordert werden, sich einen Gegenstand zu wählen und diesen für die Online-Enzyklopädie zu beschreiben. Dies kann als gemeinsames Projekt der Klasse an einem Lemma mit verschieden auszugestaltenden Unterpunkten stattfinden oder als Arbeit an unterschiedlichen Lemmata in voneinander unabhängig arbeitenden Schülergruppen. Letzteres empfiehlt sich im Hinblick auf interessegeleitetes Lernen. Wichtig ist auch hier eine vorbereitende Unterrichtsphase, in der sich die SchülerInnen über Grundsätze und Relevanzkriterien der Wikipedia informieren: Hat die Beschreibung eines Modeworts, das vielleicht gerade in der Klasse populär ist, die gleiche Chance in der Wikipedia zu verbleiben wie die Beschreibung eines stadthistorischen Denkmals? Wofür entscheiden sich die SchülerInnen? Welche Belege führen sie an? Welche Materialien (z. B. Fotos) können sie zusätzlich einbinden? Für eine solche Projektarbeit bietet das online bereitstehende Wikipedia-Lehrbuch eine gute Grundlage.29 Ziel dieser zweiten Unterrichtseinheit ist die aktive Wahrnehmung der Produzentenrolle. Wikipedia wird nicht nur als Werkzeug auf der Suche nach Wissen wahrgenommen, sondern ebenso als Werkzeug der Wissensproduktion kennengelernt. Mit der Erfahrung, selbst Artikel zur Online-Enzyklopädie beisteuern zu können, wächst zudem das Bewusstsein für die Möglichkeiten, gesellschaftliche Wirklichkeiten mitbeschreiben und -bestimmen zu können.
 
FazitIm Rahmen dieses Aufsatzes wurde der Wandel der Mediengattung ‚Enzyklopädie‘ anhand der Online-Enzyklopädie Wikipedia als charakteristisch für den Wandel von Wissen als gesellschaftlicher Vereinbarung beschrieben. Angesichts der lebensweltlichen Komplexität zeigt sich semantisch bedeutsames Wissen deutlicher denn je als individuell flexible Kategorie. In der Wikipedia führt eine veränderte Kultur enzyklopädischen Schreibens zur Aufnahme und Diskussion einer ganzen Reihe bisher enzyklopädisch unberücksichtigter Lemmata. Dabei ist die Online-Enzyklopädie nicht länger ausschließlich ein Ort fundierten Wissens im Sinne eines ‚wahren‘, allgemein anerkannten Wissens. Kontingenz, die Möglichkeit, dass alles auch anders sein könnte, als es sich im Moment darstellt, kann nicht mehr ausgeschlossen werden. Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten, der Verlust von Verbindlichkeit und Stabilität werden sichtbar.Vor diesem Hintergrund entspricht der Diskurs um die Verschiebung von einer Wissens- hin zu einer Kompetenzvermittlung in Bildungskontexten den aufgezeigten Entwicklungen. Diese erfordern Lehr-Lern-Situationen, die bzgl. neuer Medien nicht ausschließlich auf den Erwerb von Nutzungsfertigkeiten, sondern ebenso auf das Einüben einer Reflexionsfähigkeit zielen, die Kontingenzerfahrungen in komplexen Lebenswelten diskutiert. Beide Lernziele sind mit den vorgestellten Unterrichtsvorschlägen in ersten Ansätzen konkretisiert worden.
 
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Literaturverzeichnis

Blom, Phillip. Das vernünftige Ungeheuer.Diderot, d’Alembert, de Jaucourt und die Große Enzyklopädie. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2005.

Charlier, Robert. „Von der Encyclopédie zu Wikipedia. Zur epistemischen Erfolgsgeschichte der europäischen Aufklärung.“ in: Wissenswelten. Historische Lexikografie und Europäische Aufklärung. Hrgs. Robert Charlier. Hannover: Wehrhahn Verlag 2010, 13 – 37.

Donner, Martin. „Rekursion und Wissen. Zur Emergenz technosozialer Netze“. in: Rekursionen. Von Faltungen des Wissens. Hrsg. Ana Ofak / Philipp von Hilgers. München: Fink Verlag 2010, S. 77 – 113.

Hammwöhner, Rainer. Qualitätsaspekte der Wikipedia. in: Wikis – Diskurse, Theorien, Anwendungen. kommunikation@gesellschaft. Sonderausgabe Jg. 8 / 2007. http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B3_2007_Hammwoehner.pdf

Kundert, Ursula. „Enzyklopädie im Wandel. Basler philosophische Disputationen zwischen 1585 und 1650.“ in: Typen und Transformationen von Wissensspeichern und Medialisierungen des Wissens. Enzyklopädistik 1550 – 1650. Hrsg. Martin Schierbaum. Berlin: LIT Verlag 2009, 379 – 412.

Luhmann, Niklas. Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Erste Auflage 1984. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2012.

Maasen, Sabine. Wissenssoziologie. Bielefeld: transcript Verlag 2009.

Schmidt, Siegfried J.. Lernen, Wissen, Kompetenz, Kultur. Vorschläge zur Bestimmung von vier Unbekannten. Heidelberg: Carl-Auer Verlag 2005.

Schorb, Bernd. „Gebildet und kompetent. Medienbildung statt Medienkompetenz?“ in: merz (Medien + Erziehung) 05/2009, S. 50 – 56. 

Spanhel, Dieter. „Medienbildung statt Medienkompetenz? Zum Beitrag von Bernd Schorb.“ in: merz (Medien + Erziehung) 01/2010, S. 49 – 54.

Stammen, Theo / Weber, Wolfgang E. J. (Hrsg.). Wissenssicherung, Wissensordnung und Wissensverarbeitung. Das europäische Modell der Enzyklopädien, Berlin: Akademie Verlag 2004. 

 

Fussnoten
  1. „Aber auch ihre Umstrittenheit haben die Online-Enzyklopädisten gleichsam von ihren aufgeklärten Ahnherren geerbt, begreift man das selbstlose kollaborative Wissensmanagement des elektronischen Zeitalter als Fortführung des kollektiven Informations-Idealismus der Aufklärung mit den Mitteln und Möglichkeiten moderner Informationstechnologie.“ (Charlier 35)  zurück
  2. „Der stern hat Wikipedia vom Wissenschaftlichen Informationsdienst WIND GmbH in Köln testen lassen. Die Einträge zu 50 breit gestreuten Stichwörtern aus verschiedenen Bereichen wurden auf Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität und Verständlichkeit geprüft und mit dem entsprechenden Eintrag in der kostenpflichtigen, ‚permanent aktualisierten‘ Onlineausgabe des 15-bändigen Brockhaus (www.brockhaus.de/nachschlagen) verglichen. Das Institut erteilte Schulnoten von 1 (sehr gut) bis sechs (ungenügend). Zur Errechnung der Gesamtnoten wurde gewichtet – die Richtigkeit floss mit 40 Prozent in die Note ein, Vollständigkeit mit 30, Aktualität mit 20 und Verständlichkeit mit 10 Prozent. Ergebnis: In der überwiegenden Zahl der Fälle (43 Stichwörter) schnitt Wikipedia besser ab als der Brockhaus. Im Durchschnitt erreichte das Mitmach-Lexikon eine Schulnote von 1,7. Schwächen zeigte Wikipedia vor allem bei der Verständlichkeit der Artikel.“ http://www.stern.de/digital/online/wikipedia-wissen-fuer-alle-606048.html?nv=ct_cb  (28. März 2013)  zurück
  3. s. hierzu: http://www.enzyklopaedie.ch/ (27. März 2013)  zurück
  4. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia (23. März 2013)  zurück
  5. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Benutzergruppen, die differenziert werden: http://de.wikipedia.org/wiki/Hilfe:Benutzer (27. März 2013)  zurück
  6. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Sprachen#Alle_Wikipedias (17. März 2014)  zurück
  7. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Entwicklung_der_Artikelanzahlen_der_fünf_größten_Wikipedias.png (17. März 2014)  zurück
  8. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia (23. März 2013)  zurück
  9. Inlinks sind Verlinkungen innerhalb der Wikipedia, d.h. man springt von einem Artikel zum anderen. Outlinks führen dagegen auf Internetseiten außerhalb der Wikipedia.  zurück
  10. Artikellöschungen finden im Nachhinein und in der Regel erst nach einer so genannten „Löschdiskussion“ statt. Schnelllöschungen, so bei rechtlichen Verstößen (z. B. wenn der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt ist), erfolgen dagegen unmittelbar. In beiden Fällen geschehen die Löschungen durch Administratoren. Die Wikipedia ist also ein qua Software offener, aber durch soziale Vereinbarungen und Hierarchien definierter Raum.  zurück
  11. http://www.brockhaus-enzyklopaedie.de/ (28. März 2013)  zurück
  12. Dass auch die Wikipedia von Hierarchien weder frei ist noch sein will, ist dabei keine Überraschung. Allerdings ist der Prozess der Hierarchiebildung hier ein anderer. Die prinzipiell wesentlich weiter ausgelegte thematische Offenheit bleibt davon zunächst unberührt.  zurück
  13. Autoreninformationen bei Wikipedia können von einer IP-Adresse über ein Pseudonym bis hin zu Klarnamen reichen. Autorenprofile finden sich vor allem bei regelmäßigen Beiträgern und Funktionsträgern der Community. Daneben ist es möglich Statistiken zu Bearbeitungen einzelner Autoren oder zu Administratorentätigkeiten abzurufen. (z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Beitragszahlen, 26. März 2013)  zurück
  14. http://de.wikipedia.org/wiki/Star_Wars/ http://de.wikipedia.org/wiki/Scheibenwelt-Romane (28. März 2013)  zurück
  15. „Ein Band: 25 cm hoch, 5 cm dick, 500 Blätter, 2 Seiten pro Blatt, 2 Spalten pro Seite, 80 Zeilen pro Spalte, 50 Zeichen pro Zeile. 1 Band entspricht daher8.000.000 Zeichen bzw. 1.000.000 Wörtern oder 1972 Artiklen.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Statistik/Bücherregal (Stand: 17. März 2014)  zurück
  16. Natürlich ist auch der Speicherplatz der Wikipedia nicht unendlich. Für das Schreiben und Gestalten von Artikel hat dieser Aspekt jedoch bis dato keine handlungseinschränkenden Tendenzen gezeigt.    zurück
  17. http://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Body_Modification (26. März 2013)  zurück
  18. http://de.wikipedia.org/wiki/Bauchnabelpiercing/ http://de.wikipedia.org/wiki/Arschgeweih / http://de.wikipedia.org/wiki/Lotosfuß/ http://de.wikipedia.org/wiki/Bagelhead (26. März 2013)  zurück
  19. Auch weitere Disziplinen wie die Psychologie verfügen über einen eigens definierten Kontingenzbegriff.  zurück
  20. Für die Soziologie haben vor allem Parsons und Luhmann wichtige Konzeptionen des Kontingenzbegriffs erarbeitet. Auf Luhmanns Beschreibung der doppelten Kontingenz kann hier leider nicht näher eingegangen werden. Dies würde eine eigene Untersuchung lohnen.  zurück
  21. Ich danke Roberto Simanowski für wesentliche Anregungen zu dieser Differenzierung.  zurück
  22. „Die in einen Artikel eingefügten Behauptungen müssen belegt werden – sei es als Weblink unter Weblinks, als Literaturangabe unter Literatur, als Fußnote unter einem Abschnitt mit der Überschrift Quellen oder Einzelnachweise oder Fußnoten oder Anmerkungen oder Belege.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Artikel, 30.03.2013)  zurück
  23. http://de.wikipedia.org/wiki/Poesie-_und_Bibliotherapie (30. März 2013)  zurück
  24. Natürlich gibt es auch heute Wissen im Sinne eines Grundlagenwissens: Sprache und Schrift, Grundregeln der Mathematik u. ä. kann man dazu zählen. Wichtig ist hier jedoch, die Unterscheidung zwischen Fertigkeiten und semantischem Wissen nicht aus den Augen zu verlieren. Bei kanonischem Wissen geht es um letzteres.  zurück
  25. In NRW ist die Kompetenzorientierung nach einer vorausgegangenen Erprobungsphase seit 2008 in Richtlinien und Lehrpläne verankert. http://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_gs/LP_GS_Handreichung.pdf (01. April 2013)  zurück
  26. Vor diesem Hintergrund sind in der schulischen Praxis zwei im Grunde gegenläufige Entwicklungen bemerkenswert: die Verankerung der Kompetenzorientierung in den Lehrplänen und die (Wieder-)Einführung zentraler Abschlussprüfungen. Kompetenzorientierung und mit ihr einhergehende Konzepte wie jenes der individuellen Förderung tragen den gegenwärtigen Gegebenheiten sich auflösender Wissensvereinbarungen Rechnung, indem sie Schüler zu eigenständigen, flexibel agierenden Spielern auf der Klaviatur des Wissens machen wollen. Im Gegensatz zu dieser individualisierenden Tendenz steht die Wiedereinführung vergleichbarer Abschlüsse. Der zentralisierende Gestus widerspricht der individualisierenden Tendenz.  zurück
  27. Medienbildungs- wie Medienkompetenzmodelle fokussieren dabei häufig implizit auf neue Medien. Ein allgemeiner Medienunterricht sollte aber ebenso einige der ‚alten Medien‘ (Buch, Zeitung, Radio, TV) thematisieren.  zurück
  28. Die SchülerInnen überlegen, was genau für eine Analyse der Löschdiskussionen von Interesse ist, z. B. Zahl der Diskutanten, vertretene Positionen, persönliche vs. sachliche Argumentationsebene, Rolle des Administrators in der Diskussion, Entscheidung des Administrators u. ä.  zurück
  29. http://de.wikibooks.org/wiki/Wikipedia-Lehrbuch (01. April 2013)  zurück

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