Lehrplan 21 ohne Schulfach Medienbildung?

Lehrplan 21 ohne Schulfach Medienbildung? 

Polizisten machen Schule

Polizisten kommen jetzt öfter in Schweizer Schulen. Früher für den Verkehrsunterricht, heute auch, um Schülern über die Gefahren des Datenhighways aufzuklären: Über Cyber-Mobbing, Datenschutz und sexuelle Belästigung. Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch nicht gegen die Pädagogik der Abschreckung, die dann gern an einem ausgewählten Schüler zeigt, wie viel man über ihn erfährt allein aus dem, was er selbst dem Netz anvertraut hat. Da ist das Staunen so groß wie die Einsicht. Erfahrungen am eigenen Leib oder dem der Classmates sind so eindrucksvoll wie die cleveren Aufklärungsvideos der actioninnocence.org oder der EU-Initiative klicksafe.de zu den Gefahren des Internet. Und sie sind alle unverzichtbar, denn viele wissen nicht einmal dies. 

Aber worauf zielt der kompetente und kritische Umgang mit den neuen Medien, den diese Initiativen und die Kantonspolizei Basel-Stadt den Schülern vermitteln wollen?[1. http://www.polizei.bs.ch/praevention/jugend-gewalt/internet-handy.htm] Polizisten sind je eigentlich nicht die erste Adresse, wenn es um die städtebaulichen, kulturellen und gesundheitlichen Folgen des individuellen Autoverkehrs geht. Da fragt man Architekten, Soziologen, Mediziner. Und die sozialen, ethischen oder politischen Implikationen der neuen Medien? Was sagt die Polizei zu den Langzeitfolgen einer Kultur der radikalen Transparenz, der Hyper-Attention, der personalisierten Information und der quantifizierenden Evaluation, die durch die neuen Medien zunehmend Gestalt annimmt? Wie weit reicht da der Arm des Gesetzes? Pointierter gefragt: Macht sich nicht jede Schuldirektion, die allein der Polizei das Feld der Medienbildung überlässt, bildungspolitisch strafbar?

Medienführerschein 

Nicht, wenn man den höchsten Politikern des Landes glaubt. Denn immerhin scheiterte die Motion des Ständerats Rolf Schweiger, im Lehrplan 21 einen „Medienführerschein“ vorzusehen, 2011 am Nationalrat mit 66 gegen 88 Stimmen und der Begründung: Medienbildung sei Teil der elterlichen Erziehungsverantwortung. Das ist leicht nachvollziehbar, wenn man Medienbildung auf die erzieherische Durchsetzung von Mediennutzungsregeln reduziert: Darf mein Kind Computergames spielen – und wenn ja wie lange? Das wäre allerdings noch weniger, als die Polizei erlaubt. Die weiss immerhin, dass die Vermittlung von Grundkenntnissen für einen sicherheitsbewussten und rechtskonformen Umgang mit den neuen Medien dringend notwendig ist und dass man sich dabei nicht auf die Eltern verlassen kann. Und um Grundkenntnisse ging es der Motion: Um die Sensibilisierung für die Chancen und Gefahren der neuen Medien.

Was dem Nationalrat schon zuviel war, ist dem Medienwissenschaftler noch viel zu wenig. Das Motto der Motion, „Medienführerschein“, verweist wieder auf Verkehrskompetenz, und gewiss, die ist auch auf dem Datenhighway ein unverzichtbarer Anfang. Die Frage lautet zunächst: Was kann ich alles mit den neuen Medien machen und wie mache ich es richtig? Fortgeschrittene fragen aber auch: Was machen die neuen Medien mit mir? Denn Medien sind kulturstiftend, und es wäre fatal, wenn gerade die sogenannte Mediengesellschaft nicht thematisieren würde, welche kulturellen Werte und Normen die neuen Medien schaffen und abschaffen und wie wir uns dazu verhalten sollen. Und es wäre falsch, diese Diskussion nicht auch dort zu führen, wo Sozialisation in Ergänzung oder gar in Konkurrenz zu Familie und Medien massgeblich stattfindet: In der Schule.  

Konkret: Man muss lernen, wie die Privatsphären-Einstellungen auf Facebook optimal genutzt werden können, aber man muss auch diskutieren, wie Facebooks Prinzip der radikalen Transparenz die Gesellschaft verändert. Man muss lernen, Googles Suchergebnisse richtig zu lesen, aber auch überlegen, was es heisst, wenn ein börsennotiertes Privatunternehmen ohne jede gesellschaftliche Kontrolle weltweit den Zugang zum Wissen bestimmt. Und wenn man darüber spricht, wie sich der Klout Score eines Menschen zusammensetzt und manipulieren lässt, muss man auch darüber sprechen, was es eigentlich bedeutet, wenn alle menschlichen und gesellschaftlichen Aspekte quantifiziert und gerankt werden. Wie sieht die Praxis aus?

Da die Ausgestaltung der Lehrpläne keine Bundeskompetenz ist, können die Kantone unabhängig vom Nationalrat eigene Wege gehen. Im Kanton Solothurn führte dies zum Fach Medienbildung für die 3. bis 9. Klasse, wozu das Solothurner Department für Bildung und Kultur 2012 den Bericht Medienbildung. Erfolgsfaktoren für einen zeitgemässen Unterricht vorlegte. Darin steht zwar gleich eingangs, dass es bei der Vermittlung von Medienkompetenz um mehr gehe als ums Tastaturschreiben und effektive Software-Anwendung, nämlich auch um eine aktive, kritische Auseinandersetzung mit dem Internet. Aber es wird zugleich deutlich gemacht: Während die Infrastruktur (ein Computer pro fünf Lernende) geschaffen ist, fehlt es an Erfahrung, wie die Leitmedien der Schüler (Facebook, Google, Smart Phone) didaktisch sinnvoll ins Klassenzimmer transferiert werden können. Das Problem ist allerdings nicht nur mangelnde Praxis bei der Didaktisierung; es ist prinzipieller Art. 

Medienkompetenzen

Das Problem, mit dem alle in Sachen Medienbildung engagierten Lehrer konfrontiert sind, ist ihre doppelte Einsamkeit im Schulraum: Als vor 1985 geborene „digital immigrants“ sind sie für die „digital natives“ keine Autoritätsperson, wenn es um Nutzungskompetenz geht, die sich die Schüler per „Peer Tutoring“ lieber selbst beibringen. Andererseits schützt die Kontrasterfahrung ihrer Herkunft (aus dem „Gutenbergzeitalter“) die „Immigranten“ zwar davor, in die herrschenden Kulturtechniken reflexionsfrei hineinzuwachsen, was gerade die Älteren dazu qualifiziert, über das Neue zu reden. Aber auch das geht nur so lange gut, wie es beim allgemeinen Erfahrungsaustausch bleibt (wie es war, als man noch Briefe schrieb oder wenigstens Emails). Für die vertiefte Diskussion zur Geschichte und Wirkungsweise der Medien fehlt die Ausbildung, die es hier natürlich ebenso braucht wie im Falle des Literatur-, Kunst- oder Ethikunterrichts.

Es gibt kein Fach Medienbildung im Lehrerstudium in der Schweiz. Wie soll es da eine vertiefte Medienbildung an den Schulen geben? In Deutschland ist die Situation nicht besser. Zwar findet man mancherorts den Erweiterungsstudiengang Medienpädagogik, aber dessen Ziel ist weniger eine prinzipielle Diskussion der Medienentwicklung (ihrer Vergangenheit, Gegenwart und möglichen Zukunft) als eine Art erweiterte Verkehrskompetenz: Wie nutzen Kinder und Jugendliche die modernen Medien? Wie kann ganzheitlich ein kompetenter Umgang gefördert werden?

Die Deutsche Gesellschaft für Medienwissenschaft fordert deswegen in einem Positionspapier Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote von Seiten der Medienwissenschaft für Akteure schulischer und außerschulischer Bildung. Mit der Einführung eines eigenen Schulfachs Medienbildung, das weiss man, ist in Deutschland zunächst sowenig zu rechnen wie in der Schweiz. Vielmehr setzt man auf unterrichtsfachbezogene Kompetenzvermittlung in der Lehrerausbildung: Auf die Erweiterung des Kunststudium um die Frage der Produktions- und Rezeptionsbedingungen digitaler Bilder, des Ethikstudiums um Fragen der Subjektkonstitutionen im Kontext von Facebook, Twitter oder Flickr, des 
Literaturstudiums um digitales Publizieren, elektronische Bücher und die algorithmisch „erzählte“ Autobiographie auf Facebooks Chronik.

Ziel ist in jedem Falle die umfängliche Einbindung medienwissenschaftlicher Institute ins Lehrerstudium. Bis dies geschieht und die erste Generation medienwissenschaftlich ausgebildeter Literatur-, Kunst- und Ethiklehrer in die Schulen kommt, empfehlen sich direkte Wege: Warum nicht Dozenten, Absolventen, aber auch Studenten der Medienwissenschaft in die Schulen schicken, um als Fachpersonen in den entsprechenden Schulfächern oder Projekten aufzutreten? Könnte nicht die Universität ebenso wie die Polizei der Schule Unterstützung anbieten?

Den Lehrern wäre so doppelt geholfen in ihrem Bemühen, die neuen Medien ‚schon’ jetzt ebenso zum Unterrichtsthema zu machen wie die Photosynthese und den Dreisatz.
Denn zum einen kann man nicht warten, bis der Nationalrat den Handlungsbedarf erkennt und entscheidet, dass es über den Medienführerschein hinaus sogar ein eigenes Schulfach Medienbildung braucht. Und zum anderen kann man es nicht oft genug sagen: Wenn die Mediengesellschaft sich einer grundlegenden Diskussion darüber entzieht, wie die Medien die Gesellschaft verändern, hat sie diesen schon das Feld überlassen. 

Dieser Artikel erschien unter dem Titel “Polizisten als Medienpädagogen. Der Lehrplan 21 sieht keine Medienbildung an Schweizer Schulen vor – eine verpasste Chance.” am 15.11.2012 in der Tages Woche.
http://www.tageswoche.ch/de/2012_46/leben/479812/polizisten-als-medienpaedagogen.htm 

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